Re: Radreise Frankreich/Nordspanien (Lyon-Kantabrien)

von: Tom72

Re: Radreise Frankreich/Nordspanien (Lyon-Kantabrien) - 05.12.14 22:14

17. Tag (07.10.2012), Saint-Jean-de-Luz – Donostia-San Sebastián

Strecke: 59 km

Fahrzeit: 4 Std. 17 min


Ich baue auf dem wunderschön direkt am Meer gelegenen Campingplatz zum letzten Mal auf der Reise mein Zelt ab; um diese Jahreszeit noch geöffnete Plätze finde ich im weiteren Verlauf nicht mehr.

Zum Hochwasserschutz verläuft die Uferpromenade von Saint-Jean-de-Luz auf einem Damm. Wie schon gestern Abend, macht der Ort einen sehr hübschen Eindruck.





Auf dem zentralen Platz kann ich mir einen Eindruck vom Klang der baskischen Sprache verschaffen: Ein Männerchor singt baskische Lieder.



Video; zum Anschauen hier klicken

Mit den Melodien des Chores im Ohr radle ich mit Blick auf den Fischereihafen über die Brücke, die über den hier mündenden Fluss Nivelle führt. Ich hätte mich in Saint-Jean gerne länger aufgehalten, aber der knappe Zeitplan…



Am anderen Ufer der Nivelle komme ich nach Ciboure. Nicht nur hier fällt mir auf, dass die Basken, vor allem später im spanischen Teil, besonders radsportbegeistert sind. Ich sehe in den kommenden Tagen noch viele Rennradler.





Als Kontrast zu den fast vier Tagen entlang der flachen Sandstrände der Côte d’Argent genieße ich hier den Anblick der zerklüfteten Felsküste.



Zwischen Ciboure und Hendaye gibt es eine Panoramastraße entlang der Küste, die Corniche Basque (D 912). Ein landschaftliches Highlight der Reise.



Der Autoverkehr hält sich in erträglichen Grenzen, und es bieten sich traumhafte Ausblicke auf die Felsküste. Erstmals, seit ich in Lacanau die Atlantikküste erreicht habe, fahre ich eine längere Strecke mit Meerblick.







Man kann sehr schön erkennen, dass ursprünglich waagerecht übereinander abgelagerte Sedimentschichten versteinert sind und dann im Laufe der Jahrmillionen durch die Kräfte der Plattentektonik „verbogen“ wurden und schließlich zu den heute zu bewunderten bizarren Felsformationen erodiert sind.



Die Corniche führt mich nach Hendaye, der Grenzstadt zu Spanien. Trotz der felsigen Küste gibt es regelmäßig Buchten mit ausgedehnten Sandstränden, so auch in Hendaye.



Am Strand von Hendaye gibt es repräsentative Hotelbauten der vorletzten Jahrhundertwende



und schöne Jugendstilvillen, die offenbar auch an regionale baskische architektonische Traditionen anknüpfen.





Etwas weiter westlich komme ich in die eigentliche Innenstadt von Hendaye. Hier liegt auch der Bahnhof. Das repräsentative Empfangsgebäude zeugt von seiner Bedeutung als Grenzstation. Er wird für mich auf der Rückreise eine bedeutende Rolle spielen, denn hier endet eine TGV-Linie aus Paris, und ich habe für die Rückfahrt in einigen Tagen bereits die TGV-Fahrkarten von hier nach Paris und weiter nach Stuttgart (Hendaye-Paris ist ohne Fahrradmitnahme, das heißt dann also wieder, wie auf der Anreise, „demontiert und im Sack vepackt“). Gleich neben dem SNCF-Bahnhof liegt die wesentlich bescheidenere Endstation der Schmalspurbahnlinie, die von Galicien bis hierher entlang der gesamten spanischen Atlantikküste verläuft und hier, im baskischen Abschnitt, von der spanischen/baskischen Bahngesellschaft Euskotren betrieben wird. Auf dieser Strecke werde ich Hendaye vom Endpunkt der Reise (der nach wie vor nicht feststeht) aus wieder erreichen. Für die Rückreiseplanung fotografiere ich die ausgehängten Fahrpläne. Ich will eigentlich auch schon ein Hotel für die Rückreise buchen, aber die Rezeption des Hotels im Bahnhofsviertel, das mir als geeignet und einigermaßen preiswert erscheint, hat über die Mittagszeit geschlossen.

Nun radle ich über die Brücke über die breite Mündung des Flusses Bidassoa und damit über den Grenzübergang nach Spanien. Das ist nun schon meine fünfte Überquerung der französisch-spanischen Grenze (die bishherigen vier Mal haben sich allerdings im östlichen, katalanischen, Bereich abgespielt, teils über die Pyrenäen, teils an der Mittelmeerküste).



Auf der parallel verlaufenden Eisenbahnbrücke sieht man einen Schmalspurzug von Euskotren; mit einem solchen werde ich in einigen Tagen wieder hier ankommen.



Die erste Stadt auf spanischer Seite ist Hondarrabia; ohne besonderen Reiz, aber ich lasse mich trotzdem auf eine Cerveza vor einem Café nieder. Ich genieße es, wieder einmal in Spanien zu sein (obwohl ich dieses Jahr bereits im Rahmen einer Südfrankreich-Reise zwei Tage in Katalonien geradelt bin); ich war in Spanien bereits mehrmals mit dem Rad unterwegs (und habe es als Radreiseland schätzen gelernt). Nach gut zwei Wochen des Französisch-Parlierens muss ich mich nun umgewöhnen und auf Spanisch umschalten, was allerdings nur Anfangs etwas schwerfällt. Die Bestellung der ersten copa de cerveza en Español funktioniert jedenfalls reibungslos.



Zwischen Hondarrabia und meinem heutigen Etappenziel, Donostia-San Sebastián, verläuft eine landschaftlich sehr schöne Passstraße, die immer wieder Ausblicke auf das Meer bietet. Ich hatte die Strecke entlang der spanischen Küste im Vorfeld nicht im Detail geplant, mich aber im Internet über auf dem Weg liegende Pässe informiert. Auf der Website „Quäldich.de“ bin ich dabei auf den Alto de Jaizkibel (455 m) gestoßen, der offenbar auch bei Radsportlern sehr beliebt ist, und habe beschlossen, ihn in die Tour einzubauen; eine gute Idee, wie sich nun herausstellt. An einem kleinen Flughafen vorbei, erreiche ich den Beginn der winzigen und kaum befahrenen Straße. Bei mäßiger Steigung (auf einem Schild für Radfahrer ist ein mittlerer Steigungswinkel von 5 % angegeben) geht es nun 8 km aufwärts. Die erste längere Steigung nach ca. einer Woche.



Auf halber Höhe hat man einen wunderbaren Blick zurück auf Hondarrabia, die Flussmündung, die die Grenze markiert, und auf Hendaye sowie auf die Pyrenäen.



Ich setze mich zu einem Picknick mit Meerblick an den Straßenrand (das Meer ist auf dem Foto leider schlecht zu erkennen). Auf der Wiese direkt vor mir grasen freilaufende Pferde.



Es geht weiter aufwärts fast ohne Autoverkehr.



Schließlich erreiche ich die Passhöhe des Jaizkibel.



Auch auf der Abfahrt hat man herrliche Ausblicke auf den Atlantik.



Die Passstraße endet in einem Industriegebiet. San Sebastián liegt auf der anderen Seite einer breiten Flussmündung. Eine Fähre ist in meiner Michelin-Karte nicht verzeichnet, der Weg durch das Ballungsgebiet Richtung Süden bis zur nächsten Brücke recht weit und sicher nicht sehr angenehm. Aber als ich den ersten Passanten nach einer Fährverbindung frage, bekomme ich den Weg zur nahegelegenen Anlegestelle erklärt. Schnell finde ich sie und kann mein Rad auf die Fähre verladen. Verglichen mit der Fähre über die Bucht von Arcachon ist dieses Bötchen winzig.



Nun radle ich in die Innenstadt von San Sebastián. Der offizielle Name ist „Donostia-San Sebastián“ und vereint die baskische und die spanische Form des Ortsnamens. Wie auch schon beim Namenspaar „Saint-Jean-de-Luz“/„ Donibane-Lohizune“, bedeutet der aus dem Lateinischen („Dominus“) stammende Namensbestandteil „Don“ dasselbe wie das spanische „San“, so dass sich auch hier der spanische und der baskische Name in ihrer Bedeutung entsprechen.

Ich komme an den Strand von Donostia-San Sebastián.



Da ich irrtümlich annehme, dies sei bereits der berühmte Stadtstrand, die Playa de la Concha („die Muschel“), während ich tatsächlich erst am kleineren, östlich der Innnstadt gelegenen Strand bin, wundere ich mich bei der Quartiersuche einige Zeit, dass die Straßennamen so gar nicht zu den Angaben auf dem Innenstadtplan in meinem Reiseführer passen wollen. Ich bemerke meinen Irrtum schließlich und finde die Altstadt und direkt in der Altstadt auch recht schnell ein preiswertes Zimmer (ca. 30 €) in einer sehr einfachen Pension (Pensión La Marina, ein Stern). Sie besteht nur aus vier bis fünf Zimmern im zweiten oder dritten Stock; ich muß mein Rad die Treppe hochtragen, darf es aber mit ins Zimmer nehmen. Ich bin sehr zufrieden; preiswerter und zugleich zentraler hätte ich kaum unterkommen können.

Ich verbringe den Abend in den Altstadtgassen. Vor und in den Tapas-Bars herrscht reges Treiben. Die Tapas heißen hier in der Region „Pintxos“ und bestehen aus einer Baguettescheibe oder einem kleinen Brötchen (Bocadillo), kunstvoll belegt mit den verschiedensten leckeren Zutaten, die durch einen Zahnstocher zusammengehalten werden. Eine sehr häufige Zutat sind kleine Sardellen. Gerade für mich als Alleinreisender ist es eine sehr angenehme Art der Abendgestaltung: Am Tresen aus dem dort aufgebauten reichhaltigen Angebot ein oder zwei Pintxos aussuchen, dazu ein Gläschen Wein, dann ein paar Straßenecken weiterziehen zur nächsten Pintxo-Bar, wieder ein oder zwei Häppchen, noch ein Gläschen, und so weiter. So treibe ich mich noch eine ganze Weile in den Altstadtgassen herum.







Fortsetzung folgt...