Re: Neues vom Schwarzwaldboten

von: veloträumer

Re: Neues vom Schwarzwaldboten - 06.01.16 21:51

SW-2015-3 Schwarzwald Mitte/Süd „Hünersedel – Kaiserstuhl – Tuniberg“

Steinach – Höhenhäuser – Hünersedel – Nimburg – Oberrotweil – Merdingen – Tuniberg kreuz & quer mit Rimsinger See – Kenzingen

2 Tage | 176 km | 2650 Hm

Digitale Orientierung: SW-2015-3 Hünersedel – Kaiserstuhl – Tuniberg (die Weingbergrouten Tuniberg sind nur näherungsweise zu betrachten, die genaue Rekonstruktion ist nicht möglich)

Auf absehbare Sicht wohl die vorläufig letzte Ergänzung zum Schwarzwaldjahr. Chronologisch nicht die nächste Tour, aber doch geografisch der engste Anschluss an die Vortour SW-2015-2 durch eine erneute Variante im erweiterten Bereich der Freiämter Berge, setzt sie noch einen Akzent etwas außerhalb der strengen Schwarzwaldgrenzen mit Kaiserstuhl und Tuniberg, die ich aber gerne dem Schwarzwald zuschlage. Ähnlich zum Markgräflerland, aber bereits eigenständige Erhebungen im Breisgauer Oberrheingraben, sind beides bekannte Anbaugebiete deutschen Weins. Während der Tuniberg einen länglichen Bergrücken beschreibt, der fast ausschließlich Rebenhänge aufweist, nebst einiger Streuobstflächen und Lößhohlwege, ist das Kaiserstuhlgebiet ein eher rundes Satellitengebirge des Schwarzwaldes, allerdings mit eigener, vulkanischer Entstehungsgeschichte. Der gut 550 m hohe Totenkopf setzt sich markant aus der Ferne ins Auge. Nur etwa halb so hoch und ohne markanten Gipfel erhebt sich der kleine Bruder des Kaiserstuhls, der Tuniberg. So ist auch die Fläche des Kaiserstuhls größer, enthält das Mikrogebirge einige vulkanische Zwischensenken, die ein „Binnenleben“ samt Weindörfern verstecken und unterbrechen auch größere Waldgebiete die Rebhänge. So lässt sich der Kaiserstuhl auch in größere Rundfahrten etwa auf dem Weg in die Vogesen als Radreiseziel gut einbauen, hingegen bleibt der Tuniberg eher ein Lokaltrainingsgebiet, dass gleichwohl Steigungen beinhaltet, die Infrastruktur der Dörfer sich aber ausschließlich außen rum gruppiert. Somit stellte die Tuniberg-Runde eine Neuentdeckung für mich dar, Kaiserstuhl-Eindrücke hingegen finden sich eher umfangreicher in meinen Vogesensammlern aus 2011 (dort die Narzissentour) und 2012 (dort die Maiglöckchentour), derweil ich wegen der Dämmerlichtfahrt hier gar keine Fotos des Kasierstuhls präsentieren kann.

Sa 3.10. Stuttgart || Steinach – Niederbach – Wanglig (488 m) – Kambacher Eck (520 m) – Welschensteinach – Harmersbach – Höhenhäuser (668 m) – Biederbach – via Rotzelweg – Hünersedel (709 m) – Brettental – Mußbach – Tennenbach – Emmendingen – Teningen – Nimburg – Eichstetten – via Weinbergradroute – Bahlinger Eck (434 m) – Schelingen – Oberrotweil – Achkarren – Hochstetten
AE (GH Adler): Kürbisrahmsuppe, Schweinefilet, Spätzle, Champignonrahms., Salat, Rw, Cafe 28 €
Ü: C GH Adler 15,30 €
99 km | 13,9 km/h | 7:08 h | 1690 Hm

Vom Steinacher Bahnhof radele ich zunächst am Rande der Berge kinzigtalabwärts, um in ein weiteres Nebental zu gelangen. Typische Streuobstwiesen mit unaufgeregtem Schwarzwaldcharme begleiten die unteren Bereiche bei Niederbach. Dort findet in einem Hof ein Mostfest statt, dass von verschiedenen Seiten angewandert und angefahren wird, etwa auch einige Mitfahrer im Zug, aber auch Bauern mit Traktor aus dem Mühlsbachtal, die sich kaum besser im Wald zurecht fanden als der fremde Radler. Die Strecke steigt schnell an, taucht auch in Wald ab im Wechsel wieder mit landwirtschaftlich genutzten Wiesen der wenigen Höfe in Wanglig. Am ersten Sattelpunkt beginnt Piste, sodann eher abgeflacht die Strecke. Neben den Wanderwegweisern helfen auch Hinweise auf die neue Windkraftanlage am Kambacher Eck, die Fortschritt und Wohlstand verspricht – soweit die Plakate. Offenbar mal wieder ein Zankapfel von Windkraftgegnern und Befürwortern. Zu sehen ist die Anlage auf diesem Kurs aber nicht, dazu müsste man wohl die Wegrichtung Schuttertal einschlagen. Allerdings sieht man bei der Kambacher Hütte kräftige Baumaßnahmen, die damit zusammenhängen.

Die Waldabfahrt nach Welschensteinach ist nicht ganz sorglos, die Pistenqualität oben recht mürbe. In Welschensteinach gelange ich dann erneut zur schon in der Vortour SW-2015-2 angesprochenen Verzweigung, nun aber dem Harmersbächle folgend, die Radroute also, mit weniger Autos, aber mit dem Naturfreundehaus weit oben und ganz oben dem Plateau am/in Höhenhäuser auch ein Ziel für Ausflügler. Die Höhenhäuser-Ebene ist so logisch bezeichnet eine Ansammlung von Häusern in der Höhe, derer mehrere Gasthöfe. Hier kann man um den Geißberg rumfahren und zur Geißbergstraße der Vortour gelangen. Die Auffahrt Harmersbächle ist landschaftlich sehr ansprechend mit unten treppelnden Bachkaskaden neben der Straße, beim Naturfreundehaus mit zwei Anglerteichen.

Die glatte Straßenabfahrt (geringes Gefälle) wird nunmehr in Biederbach erneut unterbrochen (einen weiteren Hügel via Mersberg direkter nach Biederbach-Dorf ließ ich aus). Die Straße nun kurz identisch mit dem letzten Tag der Vortour bis zum Abzweig der Bausetstraße. Dann aber folgt man der Ausschilderung Rotzelweg bzw. folgt dem Rotzelbach (oberhalb, nördliche Talseite) nach Westen. Nach den letzten Höfen gelangt man bald wieder auf Piste, man bleibt auf der geraden Westlinie. Ein kleines, herrliches licht bewaldetes Tal sorgt nun für schöne Herbststimmungen – noch mit einem Hauch Spätsommer. In der Spitzkehre ein einladender Picknickplatz mit Brunnen und ein Ort von Baumfreunden, die sich „Die Titaniker“ nennen. Sie beklagen den Fall eines Baumes im Jahre 2006, den der böse Förster veranlasste.

Nach der Spitzkehre taucht die Strecke in dunkleren Wald und folgt nicht mehr dem Bach. Der Wanderer kann geradeaus dem Bach weiter folgen und würde oben beim Hünersedel den Radler wieder grüßen können. Der Hünersedel daselbst ist die höchste Erhebung der Freiämter Berge mit 745 m, eher eine unscheinbare Kuppe, mit einem Aussichtsturm wiederum etwas sichtbarer gemacht. Diesen muss man per Stichweg anfahren (nicht gemacht). Die kleine Hochebene beim Hünersedel bietet einige Wanderlokalitäten (alles wieder asphaltiert erreichbar), im Abschwung nach unten auch einige noble Gasthöfe. Durch die offenen Berghänge wäre auch die Westanfahrt attraktiv. Die weitere Linie nach Nimburg ist ähnlich zur Vortour, hier aber mit einem anderen Tal über Tennenbach, wodurch ein weiterer, aber bescheidener Zwischenhügel nach Emmendingen nötig wird. Anbei der schattigen Waldstraße auch ein beliebter Waldspielplatz. Eine Radroutenvariante am Aubächle entlang schien mir zu schlechte Wegequalität zu bieten – sehr schattig und daher auch leicht matschig.

Erst gegen Abend zeigt sich beständiges Sonnenlicht, ein leichtes Wärmen im abklingenden Tag. So kehre ich doch nochmal zum Nimburger Baggersee zurück. Damit aber wurde die Zeit für weitere Kaiserstuhl-Exkursionen zu knapp. Ich versuchte eine Radroute durch die Weinberge, die aber wenig produktiv ist. Sie endet irgendwann als Trail oder Wanderstieg. Die Wegweiser sind nicht besonders glücklich gemacht. Somit ist die Dämmerung in Oberrotweil so fortgeschritten, dass ich eine weitere Alternative zur anderen Seite auslasse und nur noch den Gasthof mit Camping in Hochstetten suche, bereits deutlich durch flaches Ackerland von Breisach getrennt. Das Restaurant bietet sehr gute Küche, die sogar Franzosen anlockt, die Preise sind aber auch entsprechend angepasst. Der Camping grundsätzlich angenehm, verärgert bin ich aber über zusätzlich ausgewiesene Müllgebühren, obwohl ich gar keine Müll hinterlassen habe. Man frägt sich immer mehr, für was man die reguläre Campinggebühr bezahlt. (Hier sei auch auf die Alternative des Campings zwischen Ihringen und Merdingen hingewiesen, wobei insbesondere Ihringen noch über eine alternative Bergroute von Achkarren erreichbar ist. Weitere Campings sind auch direkt in Breisach auf einer Flussinsel sowie in Neuf-Brisach in Angesicht der Vauban-Festungsanlage zu finden.)

So 4.10. Hochstetten – Merdingen – Große Tuniberg-Runde kreuz & quer (Waltershofen – Gottenheim – Merdingen – Munzingen – Niederrimsingen – Gottenheim) – Bötzingen – Bahlingen – Riegel – Kenzingen || Stuttgart
AE (Bhf. Karlsruhe): Yufka Döner 4,50 €
77 km | 13,5 km/h | 5:42 h | 960 Hm

Die Nacht brachte Gewitter und Dauerregen, bei einem Wohnmobilist brach gar eine Vorzeltstütze (nachts ein sehr lauter Knall). Die Wolken hingen nun so tief, dass geplante Rundfahrt über einen hohen Schwarzwaldberg wie den Schauinsland nicht ratsam schien, zumal ich noch eine Pistenvariante dort ausprobieren wollte, die rutschig sein könnte. Selbst der Totenkopf hüllte sich noch bis in die Mittagsstunden in Wolken. So bevorzugte ich zahlreiche Weinbergrouten am Tuniberg, die meisten Strecken dabei asphaltiert, auch wenn das nicht immer abzuschätzen ist. Zwar sind manche Steigungen kräftig, insbesondere von Niederrimsingen hinauf zum Attilafelsen und weiter, doch bleiben sie meistens kurz und mehrheitlich doch gemäßigt. Das wellige Kreuzen der Routen kann aber viel Spaß machen, Traubenproben verschiedenster Sorten inklusive, bereichert um Genüsse von Walnuss und Wildapfel.

Die Weinorte um den Tuniberg sind von schlichtem Charme, es gibt keine massentouristischen Einrichtungen – auch Merdingen ist mit einem winzigen Sonntagsbäcker kaum von einer Schlafstadt zu unterscheiden, obwohl ein wenig der Nimbus der verblichenen Radsportikone Jan Ullrich noch durch die Gassen weht, der mal eine gut Zeit hier lebte. Mehr aber scheint man sich der historischen Schätze und des Weines in unsportlicher Gelassenheit zu widmen, wozu sich viele lehrreiche Hinweise finden. Die distungierten Winzer verstecken sich eher in verwinkelten Ecken. Da sich doch noch die Sonne zum Mittag immer freundlicher zeigte, nutzte ich das zu einem Abstecher an den Rimsinger See, ein bisschen die Karibiklagune unter den Breisgauer Baggerseen. Ob der unsicheren Witterung fanden sich nur wenige Badegäste ein, dafür aber ein paar gesprächige. Nachdem ich im Norden nochmal an den Kaiserstuhlrand stieß, ergeben sich auch dort noch interessante Weinbergrouten, wobei ich aber nicht mehr viele Experimente angehen konnte. Ein durchaus launiger Tag, der noch mehr Lust auf diese genussreichen Breisgauer Weingebirge mit seinen lieblichen Orten gemacht hat.

Musik: Ernest Ranglin/Monty Alexander „Fly Me To The Moon” (4:55 min), MPS Record von 1981.

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