Re: Neues vom Schwarzwaldboten

von: veloträumer

Re: Neues vom Schwarzwaldboten - 11.04.19 20:23

SW-2016-1 Schwarzwald Süd „Hammer mit Herz, die Wasserspiele von Todtnauberg & der profane Dr. Fausten“

Freiburg – via Großtal/Kappeler Stollen – Am Gießhübel – Notschrei – Todtnauberg – Trubelsbachtal – Münstertal – Staufen – Riggenbachtal – Ehrenkirchen – Bollschweiler Weinbergrunde – Opfinger See – Bötzingen – Kenzingen

Digitale Nachzeichnung auf GPSies: Wasserspiele von Todtnauberg (die Wege insbesondere am Sonntag konnte ich nicht alle genau rekonstruieren)

3 Tage | 196 km | 3010 Hm

Seit langer Zeit mal wieder ein kleiner Beitrag des Schwarzwaldboten, gleichwohl noch ein Stapel unsortierter Notizen in seiner Schatulle wartet. Das Jahr 2016 ward hier noch nicht bedacht, mit diesem einen Ausflug es auch schon wieder geschlossen werden kann, wenngleich der Bote auch mehrfach in dem Jahr in den dunklen Wäldern und leuchtenden Wiesen unterwegs war, doch diese Exkursionen ihm seiner Geschichten-Feder nicht würdig erschienen. Lesen und schauen wir also, welche Geister diese singuläre Jahresnotiz 2016 weckte.



Fr 23.9. Stuttgart – Leonberg – Rutesheim – Weissach – Eberdingen – Enzweihingen – Vaihingen/Bhf. || 19:15 h per Bahn 22:02 h || Freiburg Hbf – Ebnet/Camping Hirzbach
46 km | 530 Hm
Ü: C Hirzbach 13,40 €

Der Prolog sollte noch ein Einsatteln erlauben, bevor der Zug nach Tief-im-Süden in der Nacht versinken musste. Es soll erwähnt sein, dass es sich mehr „offtopic“ um Strohgäu als Schwarzwald handelt, ein Art Vorhügelland desselbigen, hier im Strudelbachtal liebliche Schwünge durch Auen und Streuobstwiesen – so ganz verschieden dem Südschwarzwald wiederum nicht. In Vaihingen, der Feld-&-Wiesen-Bahnhof bereits deutlich über dem Enztal gelegen, warten Weinberge, schon mehr Rand des Stromberg-Naturparks, eine kleine Rebensaftlandschaft, die auf den letzten Tag der Reise vergleichbaren Geschmack machen könnte: Das farbenfrohe Markgräflerland, das Hügelvorland des Südwestschwarzwaldes und passender Anschluss zu SW-2015-3 mit Tuniberg und Kaiserstuhl. Nehmen wir es protokollgenau, war es nur wenig mehr als ein Tag Schwarzwald in Reinkultur – und doch ein erhebender Festritt in mild wärmender Herbstsonne.

Sa 24.9. Freiburg-Ebnet – Kappel – via Großtal – via Schauinslandweg – via Stollenweg – via Ramselendobelweg – Holzschlägermatte (950 m) – Am Gießhübel (1064 m) – Wassergumpen (1168 m) – Notschrei (1121 m) – Muggenbrunn-Camping – via Schwarzwaldradweg – Todtnauberg – Todtnauer Wasserfall (Wanderung ~1 h) – Muggenbrunn-Camping – Trubelsbachtal – via Westweg – Jetzenwald – Münstertal – Staufen
AE (Kornhaus): Maultaschen m. Sahnesauce/Schinken, Salat, Rw, Apfelstrudel m. Eis, Cafe 25,80 €
Ü: C Belchenblick 17 €
72 km | 1635 Hm

Kurz gesprochen waren es zwei Kernelemente, die das Erkundungsrevier der Reise befüllen sollten. Diese lagen sogleich im ersten Tag: die Todtnauer Wasserfälle und – gleich zur Morgenstunde – die x-te Variante eines Schauinslandaufstiegs über Großtal zur Holzschlägermatte an der Schauinslandstraße. Aus dem Dreisamtal fährt es sich gleich idyllisch nach Kappel ein, die ersten Höfe offerieren ihre Obstbrände. Schmal und lieblich windet sich das Kappeler Tal, bald geteilt nach Süden in ein großes und kleines, so auch benannt. Die letzten Siedlungshäuser laufen entlang des Reichenbaches aus, man muss hier zuvor den Abzweig links wählen – ja, man muss, so will es gesagt sein –, wo sich die Straße bald über den Häusern so arg erhebt, dass ich mich über den Lenker beugen muss, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Rampe grenzt an Hexenwerk, solches bekanntlich im Schwarzwald weit verbreitet, von bösen Besen gekehrt, hier aber noch geteert.

Die Tortur ist geschafft beim erfrischenden Wasserbrunnen, auch zugleich am Kappler Stollen, genauer Leopold-Stollen. Hier grub man sich 800 Jahre lang durch den Berg, um Silber, Blei und Zink zu gewinnen. 1954 musste das letzte Zinkwerk schließen, wenngleich die Erze noch nicht erschöpft sind. Widersprüchlich beheimatet der Berg heute eine Trinkwasserquelle und zugleich am ehemaligen Zinkwerk eine verseuchte Altlast, die noch nicht beseitigt ist. Der unter dem Schauinsland nach Hofsgrund führende Leopold-Stollen bekam ergänzend den Namen Hebammenstollen, derweil früher in Kappel nur eine Hebamme lebte, die mit großer Zeitersparnis zu Geburten nach Hofsgrund eilen konnte, sowie von Kappler Kindern als abenteuerlicher Schulweg genutzt wurde.



Nunmehr noch die Besonderheit zu beachten gilt, nicht dem Asphalt weiterzufolgen (Sackgasse zum ehemaligen, abgerissenen Bergwerk), sondern in einer weiten Schleife der guten Piste des Schauinslandweges (weniger steil, aber immer noch anspruchsvoll). Dieser ermöglicht wohl auch die Durchfahrt zum Gipfel des Freiburger Aussichtsberges, doch ward er heuer gesperrt und so bleibt mir die Beurteilung des Wegezustandes verwehrt – war aber auch nicht geplant. Sicherlich ist hier die bestmögliche Pistenführung über den abzweigenden Stollenweg zu finden, mit Zielrichtung Holzschlägermatte, wie ich auch erdacht hatte.

Es lässt sich natürlich dort kürzer über die Schauinslandstraße zum Notschrei fahren, doch kann der Verkehr schon mal stärker sein und Radler genießen verächtlichen Rowdy-Status unter Autofahrern, wie ich einem Gespräch am Parkplatz entnehmen konnte. Mit dem Exkurs über Gießhübel umfährt man landschaftlich ansprechender den Schauinsland-Trubel, zurück nach Hofsgrund zur anderen Seite bietet sich Straße als auch Piste an. Am Notschrei wurde das Waldhotel sichtbar edel renoviert (ich war schon lange nicht mehr oben vorbeigefahren), das Rot-Weiß steht jetzt allerdings eher symbolisch für Wellnessgäste, die vermögen Schweizer Preise zu zahlen. Nun war und ist der Schwarzwald auch immer in seinen stillen Nischen eine diskrete Luxusecke, von den Kurschattenhüten in Baden-Baden bis zu den Schlemmerstuben von Baiersbronn – der Schwarzwald für die Welt des Geldes, nicht mehr „unser“ Schwarzwald. Immerhin, seinem Charme hat es nie geschadet – vielleicht sogar vermehrt.

Meine Route bleibt kompliziert. Um Muggenbrunn – immerhin dort als Kontrast ein Camping zu finden – ziehe ich eine seltsame Schleife. Zu beiden Seiten gibt es Pistenwege, die ich auch beide einschlage – aber der Reihe nach. Zunächst gelange ich auf der Ostschleife auf den Schwarzwaldradweg – dieses undefinierte Gemisch aus Familienradweg und Mountainbikestrecke – hier eher in Teilen recht derb zu fahren, soweit man in der Talmulde des Holzschlagbachs recht steile, rumpelige Piste zu bewältigen hat. Man mag es kaum für Zufall halten, ist als Abzweig eine MTB-Übungsstrecke ausgewiesen. Was ist eine Übungsstrecke? Ich übe eigentlich nicht, ich mache immer ernst. Mal mit mehr Erfolg, mal mit weniger. Ich übe ein Leben lang den Ernstfall.



Es gibt Varianten höher und aussichtsreicher gelegen, um Todtnauberg zu erreichen. Unweit dem Ort, naht auf der Waldroute Erlösung von einer Lourdes-Grotte, deren Segenswasser ich aber zur Seite liegen ließ (daher auch nicht weiß, ob dort sinnliche Damenskulpturen zu sehen sein könnten). Pilzskulpturen hingegen schnitzt jemand unten im Ort. Da finden sich auch „Schatzmonster“, „Schätzli“, „Maedli“ oder „Pfiffedeckel“, die Übersetzung aus dem Alemannischen ist im Preis inbegriffen. Eigentlich ist „unten“ falsch beschrieben, denn Todtnauberg zieht sich in einem weiten grünen Bergkessel weit hoch – von hoch bis höher – wie eine Panoramatreppe am Ende der Welt.

Hammer mit Herz, unterlegt von grünen Hügeln, beschreibt das Tourismuslogo von Todtnauberg heute, als „L(i)ebenswertes Todtnauberg“ gepriesen, eine Abwandlung des Wappens, der Hammer als Zeichen des Silberbergbaus, die rot-weißen Farben als Zeichen der 450-jährigen Herrschaft des Habsburgerreichs im so auch benannten Vorösterreich bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts hinein. Gewiss, diese Perle des Südschwarzwaldes könnte auch irgendwo in der österreichischen Bergwelt vermutet werden wie z. B. in den Nockbergen oder der Steiermark. Hier wird übrigens philosophiert und Literatur vorgetragen, wie Veranstaltungen im späteren Herbst verkünden – nicht zuletzt suchte daselbst Martin Heidegger öfter denkende Ruhe vor dem lebhaftem Freiburg. Paul Celan widmete dem Ort, eher Heidegger und seiner Hütte, ein Gedicht – mehr aber noch eine Einladung zum Dialog, der der umstrittene wie störrische Heidegger nicht folgen wollte:


in der
Hütte,
die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? –,
die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen




Die denkende Ruhe verrauscht schon mal, denn Stille ist nur eine Metapher für die meditative Kraft der Naturgeräusche, für den ungestörten Klang von surrenden Bienen und zwitschernden Vögeln, von Reibungen des Windes und dem Klatschen des Wassers. Ganz ungestört kann man die Todtnauer Wasserfälle wohl nur selten begehen, doch wird das kaum stören, denn das Wasser hört den Menschen weg. Mit insgesamt 97 m einer der höchsten Wasserfälle Deutschlands, nimmt der Stübenbach verschiedene Stufen und Fallhöhen in Angriff, überschwemmt Felsen und Moosflächen, lässt sich andernorts wiederum mutig ohne Halt hinabfallen. Die Kaskaden variieren so in Strahl, Farbe und Spreitzung, versprühen ein eingespieltes Ensemble von Wasserspieldompteuren, die sich an eine komplexe Symmetrie zu halten scheinen. Ein denk-würdiges Deutschlandwunder, Tropfen im Herzen.

Der Zugang zu den Fällen ist von oben und unten möglich – unten der größere Parkplatz in einer Kurve und der einfachere Zugang. Von der Straße ist nichts zu sehen, absteigen nötig und eine vollständige Begehung empfohlen, gibt es oben auch versteckte Fallstufen. So berauscht hinunter ins Schönenbachtal, wartet nicht so weit oben erneut Muggenbrunn – der Kreis ist geschlossen. Zwar ist hier beim Camping der Abzweig ins Trubelsbachtal der richtige Weg, doch fand ich später bei den Verzweigungen nicht recht durch wie geplant. So landete ich später auf dem Westweg, der daselbst „umgeleitet“ ist – nur ein Wiesentrail. Um das Privatgelände eines Hofes mit Zäunen nicht zu queren, erreichte ich eine Nebentalstraße zur Straße über das Wiedener Eck nur über eine umständliche Umgehung mit wortwörtlicher Schiebung. Es gibt hier gewiss eine reguläre Pistenroute bis auf die Südseite der Wiedener-Eck-Straße. So etwas umständlich verirrt, mündet mein Weg bereits auf der Nordseite auf die Passstraße. Ausgerechnet auf dem einsamen Wiesentrail des Westweges wurde Party gefeiert – Hochzeitstag. Sekt im Wollgras, Stacheldraht der Kuhweiden – Treuekulisse für den Liebesschwur.

Der Abschwung durchs Münstertal dann flott. Noch vor der Ortseinfahrt Staufen wartet der Camping Belchenwinkel, nicht so ganz günstig, aber kostenlose Benutzung des städtischen Hallenbades nahebei wäre inklusive. Die Gaststubenadresse Kornhaus am Staufener Marktplatz darf ich empfehlen, auch wenn ich mir eher einen urigen Faustkeller erhofft hatte und ein Gretchen als Bedienung. Den Teufel sah ich auch nicht. Die „Historia von Doctor Johann Fausten“ soll ja von diesem Pakt mit dem Mephisto erzählen, im Austausch der Seele um Wissenserkenntnis und Lustgewinn des Lebens. Doch der Urfaust kannte den Teufel zwar, aber noch nicht den Pakt mit ihm. Überhaupt scheint es doch, dass Faust weniger mehr Wissen suchte als eher ein Gretchen, schlicht eine Frau. Wäre Faust heute auf Tinder oder Parship unterwegs? Der echte Faust war ohnehin eher ein Blender, ein Prahler, ein Alchemist, der vorgab Gold zu erschaffen um Armut zu bekämpfen, doch solches Versprechen nicht einhalten konnte. Wenn man so will, war Faust vielleicht nur so eine Art Nigel Farage des Mittelalters. Und so einer machte Weltkarriere in der Literaturgeschichte! Eher ein Anti-Klischee vom Rand des Schwarzwaldes, besser im Kölsche Rheinland zu vermuten. Goethe wusste wohl nicht viel über den Schwarzwald, sonst hätte er sich nach einem anderen Stoff umgesehen. Aber es ist ja auch schon Markgräflerland, wo der sonnengeschwängerte Wein die Geschichten erzählt…



So 25.9. Staufen – Dietzelbach – via Prälatenwald/Riggenbachtal (Thiloweg) – Kohlplätzle (665 m) – Norsinger Grund – Ehrenkirchen – via Weinberg – Bellenhöhe/Am Urberg – via Trimmdichweg – Bollschweil – Bollschweiler Weinbergrunde – via Schulbachweg – Lägersattel (402 m) – Ebringen – via Feld-/Radwege – Opfinger See – Waltershofen – Bötzingen – Bahlingen – Riegel – Kenzingen || per Bahn || Stuttgart
78 km | 945 Hm

DIe Geschichten sind erzählt, aber noch ein wrtet ein schöner Tag. Die Routen nicht alle logisch oder darstellbar. Eine Alternative zur Sonnenseite im Westen – flach durch Tabakfelder oder hügelig am Rand (kenne die schon) – kann man auch östlich mehrere Waldpisten durch den Prälatenwald und rund um die ehemalige Rödelsburg fahren. Der hier gewählte An- bzw. Einstieg bei Dietzelbach ist ratsam und wohl der komfortabelste, die Varianten ins gegenüberliegende südliche Hexental zu gelangen hingegen gleichwertig vielseitig. Die Pisten sind okay, aber es ist schattig. Der Aufstieg unten lichter Wald, oben dichter werdend, abwärts im Norsinger Grund schon fast urwaldfeuchte Mystik.

Weinbergrouten machen Spaß, wenn die Farben des Herbstes sich andeuten, die Rottöne in ausbleichendes Grün eindringen, das Fest der Komplementärfarben beginnt, die jeder Grafikdesigner verhöhnen würde. Ich fuhr da und dort, probierte aus – auch Trauben. An den Rändern warten Waldpisten, die strapazieren das Zeitfenster. Baggerseen gibt es zwar viele, aber doch weit hin und nur flach möglich, Freiburg wollte ich meiden. Der muffelige Schwarzwälder ist hier noch lebendig, gibt es doch Streit unter zwei Badegästen, nicht zu laut zu sein. Der Streit also solcher macht es eigentlich erst laut und ungemütlich. Nach der Erfrischung am See beginnt der home run durch ein paar Kaiserstuhlorte, eine schöne Kulisse immer wieder, mir recht vertraut, wenngleich zu selten genossen. Von der südlichen Ortenau fuhr dann auch noch ein Zug zurück. Der Bote ist zurück und kommt wohl wieder. Was sonst auch, ein Pedal dreht sich ja auch im Kreis – für Schwarzwaldtouren im fortlaufenden Kurierbetrieb.

Musik: Tobias Schwab, ansässig in der Freiburg-Region, entwickelte sich zu einem facettenreichen Quertreiber durch verschiedenste musikalische Genres, vom klassischen Minimal-Music-Komponisten über den Bühnen- und Filmklangbereiter bis zum verschmitzten Musikkabarett in dem Quartett Wilde Wälder, nicht zufällig den Schwarzwald dabei im Rücken: Wilde Wälder „Sliächt Gooht Us“ (2:41 min.). Mit Sascha Bendiks im Duo Die Halbe Wahrheit vertont er schon mal Christian Morgenstern: Die Halbe Wahrheit „Es ist Nacht“ (3:25 min.).

Bildergalerie Tour SW-2016-1 (55 Fotos, bitte auf Bild klicken):



Fortsetzung in der Ferne nicht ausgeschlossen