Re: Auf Schotterpisten durch die Westalpen

von: lutz_

Re: Auf Schotterpisten durch die Westalpen - 08.09.12 13:03

Nach den vergangenen drei Tagen fällt der Spannungsbogen der Tour nun etwas ab. Bedingt durch das MTB-Fahrverbot im Herzen des Vanoise-Nationalparks bleibt als Alternative "nur" die Straße nach Val d'Isere und weiter über den Col de l'Iseran. Da wir in den letzten Tagen jeweils reichlich Höhenmeter gesammelt und an unsere konditionellen Grenzen gekommen waren beschließen wir die Auffahrt (knapp 2000 hm) in zwei Teilstücke zu unterteilen. Auf dem ersten Teilstück von Bourg St Maurice nach Val d'isere lässt sich die viel befahrenen Straße nur teilweise umgehen, Galerien und Tunnels auf (in Michelin-Karten) roten Straßen gehören auch nicht gerade zu unseren Tourenhighlights. In jedem Fall schlafen wir erstmal lang, trocknen die Wäsche und packen gemütlich zusammen. In einem Fahrradladen kaufen wir neue Cleats, da Madame gestern eine Schraube verloren hatte und daraufhin kaum mehr aus dem Pedal ausklicken konnte. Am Gare Routiere erfahren wir, dass es zwar Busse nach Val d'Isere gibt, den nächste aber erst um 14:00 Uhr fahre und niemand garantieren kann, dass der Bus auch Fahrräder mitnimmt. Na, dann eben nicht, fahren wir eben mit dem Rad. Aber nicht auf der Hauptstraße sondern zunächst auf einem Wanderweg, der auf der rechten Talseite bergauf führt. Ein erstes Hindernis stellt sich uns in Form von Holzfällarbeiten in den Weg, ist aber schnell überwunden. Der Wanderweg mündet später in ein schmales Sträßchen, ab hier geht es steil bergauf. Ein Schild "Route barrée" kündet weitere Bauarbeiten an. Madame interpretiert das Schild so, dass das Örtchen Villaroger nicht zu erreichen ist, ich hingegen meine, dass die Zufahrt bis Villaroger "accessible" sei. Eine gravierende Fehleinschätzung, wie sich später herausstellen sollte. Also folgen wir dem Sträßchen weiter bergan. Wir gewinnen schnell an Höhe und befinden uns deutlich über der großen Straße, die im Talgrund des Isere-Tals verläuft. Kurz hinter einer Abzweigung erreichen wir einen Zaun, der quer über die Straße verläuft und kein Durchkommen lässt. Dahinter befinden sich zwei Bauarbeiter, die sich über eine Felswand über der Straße abseilen und Sprengladungen anbringen. Sie machen uns unmissverständlich klar, dass hier kein Durchkommen ist: "pas d'accès à Villaroger!". Da hilft auch kein Bitten und Betteln. Also müssen wir mühsam erkämpfte 200 hm hinunter ins Tal und hier auf die große Straße wechseln. Mit Stimmung und Motivation geht es ebenfalls steil bergab. Aber es hilft nichts, wie kämpfen uns die viel befahrene Straße hinauf. Die auf einem Schild angegebenen Bestzeiten der Tour de France-Profis auf dem Weg nach Tignes werden wir so nicht unterbieten können. Erst weiter oben öffnet sich das Tal und man kann während der Auffahrt das Auge schweifen lassen. Endlich ist die Staumauer des Lac du Chevril erreicht und damit die Abzweigung nach Tignes erreicht.













Wir folgen der ebenen Straße am Stauseeufer entlang Richtung Val d'Isere. Hier passiert man etliche Galerien und Tunnels und wir sind froh, als uns der letzte Tunnel schließlich im Straßendorf Val d'Isere ausspuckt. Im Gegensatz zu Tignes gibt es hier fast keine Hochhäuser, die meisten Chalets und Feriensiedlungen sind im lokalen Baustil mit steinernen Wänden und mit Steinplatten belegten Dächern gehalten. Lang zieht sich der Ort die Straße hinauf, am Ortsausgang befindet sich endlich der sehr schöne Campingplatz auf einer sonnigen Wiese. Wir bauen unser Zelt neben einem französischen Reiseradlerpaar mit BOB Ibex-Anhänger auf und unterhalten uns ausführlich. Nach der Kurzetappe genießen wir den Nachmittag in der Sonne, gehen gemütlich einkaufen und degoustieren diverse Kräuterliköre.