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#1318702 - 19.01.18 16:34 Marokko Oktober & November 2017
Juergen_L
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 13
Dauer:1 Monat, 13 Tage
Zeitraum:6.10.2017 bis 17.11.2017
Entfernung:1700 Kilometer
Bereiste Länder:maMarokko
Externe URL:http://www.youtube.com/watch?v=EYKDaqwBE98

Marokko Oktober & November 2017

Hallo zusammen,
dieses Jahr war ich mit dem Fahrrad in Marokko unterwegs. Es gab fast überall einigermaßen brauchbares WLAN und ich habe dort beim "googlen" dieses Forum entdeckt. Habe einige der Reiseberichte gelesen, manche geradezu verschlungen und fand es klasse. Daher habe ich mich nach meiner Rückkehr hier angemeldet und möchte mich mit einem Reisebericht revanchieren.

Start war am 6.10. in Tanger. Über Tetouan und Al Hoceima ging es nach Oujda an der algerischen Grenze (der Teil war sozusagen eine Etappe meiner "Rund-ums-Mittelmeer-Radtour"). Von dort nahm ich, um meinem überlasteten Knie mal `ne Auszeit zu gönnen den Bus in die Oase Figuig. Von dort dann weiter Richtung Südwest nach Merzouga zum größten Dünengebiet Marokkos. An der Südseite des Hohen Atlas entlang ging es weiter nach Ouarzazarte und von dort aus auf einem kleinen Sträßchen über den Hohen Atlas nach Marrakesch, von wo ich am 17.11. zurückflog.

Unterwegs habe ich viel gefilmt und fleißig "Newsletter" an meine Kumpels geschrieben.

Hier der Film, vom ersten Teil der Tour:
www.youtube.com/watch?v=EYKDaqwBE98

Und hier der dazu gehörige Bericht, bestehend aus drei "Newslettern".
Wenn der nächste Film fertig ist, poste ich dann die entsprechenden Berichte zusammen mit dem Link zum Film.


Marokko-Radtour Teil 1 - Von Tanger an die algerische Grenze-

1. Rundmail: Marokko Etappe RuM (Radtour ums Mittelmeer), Tanger nach Tetouan Gesendet 7. Oktober 2017

Hallo zusammen,
am 5.10. flog ich mit meinem treuen Fahrrad zusammen nach Tanger (sprich 'Tanscha') und bin seitdem unterwegs Richtung algerische Grenze.
Für die, die neu im Verteiler sind und natürlich auch für die, die sich nach so langer Zeit nicht mehr so richtig erinnern eine kurze Zusammenfassung was bisher geschah.
Wer nicht (mehr) auf dem Verteiler sein will, bitte mir 'ne Mail schicken.
• 2002 Idee eine größere Radreise in kleineren Häppchen zu unternehmen.
• 2003 Ziel definiert: Einmal ums Mittelmeer.
• Regel definiert: Alles muss mit dem Rad gefahren werden (Ausnahmen Fähre Dardanellen, Suezkanaltunnel, "Straße" von Gibraltar, ... ).
• Oktober 2003 Osterburken => Dettingen (geplant war Osterburken Wien, aber die Wettergötter waren da anderer Meinung).
• Mai 2004 Dettingen => Wien
• September/Oktober 2005 Wien => Bordrum
• September - November 2006 Bordrum => Amman
• September - November 2007 Amman => bis Marsha Matruh kurz vor der libyschen Grenze
• Lange nichts.
• Zuerst kein Visa für Libyen bekommen, nach dem Sturz Gaddafis keine Lust die Hauptrolle in einem IS Video zu spielen.
• Oktober 2014 (Neustart im Gegenuhrzeigersinn (CCW)) Osterburken => Genf
• September/Oktober 2016 Genf => Gibraltar (bzw. Fährhafen Algeciras)

Vom 5. auf den 6. Oktober komme ich mitten in der Nacht in Tanger an.
Schon Wochen vor der Abreise schlief ich schlecht. Ich gab nicht wie sonst 120% bei der Vorbereitung. Normal macht es mir immer Spaß, das Gepäck zu optimieren, Ausrüstungslisten durchzugehen und alles schon mal Probe zu packen, aber diesmal fühlte ich mich eher gestresst. Auch machte ich mir über alles Mögliche Sorgen. Wird mein Fahrrad heil ankommen oder wie bei letztem Rückflug nach ein paar Tagen als ein Häufchen Schrott, wird man mich wieder überfallen wie 1987 in Ceuta, aber auch Kleinigkeiten nerven mich, wie z.B. das der Flug mitten in der Nacht in Tanga ankommt, ich mich aber trotzdem schon mittags auf den Weg zum Flughafen Köln/Bonn machen muss. Bei der Anreise kam ich dann noch in den üblichen Bundesbahnstress kam. Besser gesagt nicht üblich, sondern 'ne neue Variante: Richtige Zeit, richtiges Gleis, falscher Zug, der richtige Zug auf dem falschen Gleis hatte zum Glück 2min Verspätung und jemand sagte mir, dass ich im falschen Zug bin. Als mein Fahrrad am Flughafen nicht durch den Frachtscanner passte, hob das meine Laune auch nicht so wirklich und ich dachte mir "Jetzt bin ich endgültig zu alt für den Scheiß". Als im Landeanflug auf Tanger die Lichter der marokkanischen Küste auftauchten, dachte ich wow, da unten liegt Afrika und drückte mir ganz begeistert die Nase an der Scheibe platt. Morgens fuhr ich genau bei Sonnenaufgang am Flughafen los. Ein würziger Geruch wie Strohblumen und Wildkräuter lag in der warmen Luft und ich freute mich einfach nur wieder unterwegs zu sein.
Nach etwa 66km habe ich den Tiefseehafen Tanger Med erreicht, von dem aus seit ein paar Jahren die Fähre nach Algeciras fährt. Hier beginnt mein 8te Etappe der RuM sozusagen offiziell.
Was lernen wir: Fähre nach Tanger (Med) ist etwas so wie Flug nach Frankfurt (Hahn).
Das Radfahren in Marokko unterscheidet sich nicht nur wettertechnisch von meiner Radtour durch Norddeutschland diesen Sommer.
Tétouan, ist durch den Umweg über Tanger Med nicht an einem Tag zu schaffen. Ich strande irgendwo in den Bergen. Die 2 auf Google Earth eingetragenen Tankstellen gibt es nicht mehr und von den im Reise-Know-How erwähnten vielen Cafés gibt es nur noch eines. Das ist so winzig, dass ich mich nicht traue, dort wegen Camping zu fragen. Als ich die Polizei an einer Straßensperre wegen einem Campingplatz frage, sagen sie, der einzige Campingplatz in Reichweite sei in Ceuta, ich müsste also aus Marokko aus- und Morgen wieder einreisen. Die Hotels die ich unten an der Küste noch erreichen könne kosten zwischen 60 und 100 Euro die Nacht. Irgendwie tue ich ihnen so leid, dass sie geradezu darauf bestehen, mir Wasser zu schenken. Jetzt habe ich zu den 5l noch 2 weitere.
Die Gegend hier war früher wegen dem Drogenschmuggel bekannt und gefährlich, jetzt fürchte ich mich eher vor den ganzen Schwarzafrikanern die hier überall ohne Perspektive rumlungern und wahrscheinlich nichts mehr zu verlieren haben. Finde dann irgendwann ein sehr verstecktes Plätzchen und hoffe, dass die Jungs nachts nicht durch die Berge streifen, da sie sich hoffentlich vor Geister fürchten.
Man hatte mich vor dem plötzlichen Nebel im Gebirge gewarnt. Zuerst hatte ich gar nicht verstanden was der Typ im Café mit "Lumidité" meinte. Dann irgendwann fiel der Groschen "L'humidité". Aber was soll daran schon gefährlich sein. Gefährlich eher nicht, aber ein beeindruckendes Natur-schauspiel. Nach ruhiger Nacht einen super Sonnenaufgang und ganz plötzlich absolut Null Sicht.
Unten an der Küste folge ich der 4 spurigen Nebenstraße, mit durchgehendem Radweg für jede Richtung und noch extra Fußgängerweg. Also 8 spurig geht es vorbei an Luxushotelanlagen. Es könnte auch an der Costa Brava sein, wenn nicht der Geruch nach brennendem Abfall in der Luft läge und die Mädels zum Joggen wallende Gewänder und Kopftücher trügen.
In Tétouan verfolgt mich dann ein Hotelschlepper hartnäckig bis zum Hotel, wo er wahrscheinlich seine Kommission kassieren will (die mir dann auf den Preis draufgeschlagen würde), Pech gehabt ich hatte vorgebucht. Er lässt nicht locker und verfolgt mich später in der Stadt, bis ich ihn zu einem Kaffee einlade. Obwohl ich das Café raussuche, gelingt es ihm, da wohl einen Deal zu machen. Ich bestelle 2 Kaffee, bezahle 2 Kaffee, einer wird gebracht und plötzlich rennt der Typ weg. Wahrscheinlich wird er sich seine 9 Dirham irgendwann abholen. Es wäre aussichtslos das Geld für den nicht gelieferten Kaffee vom Ober zurückzufordern.
Ohne Schlepper ist Tétouan eine schöne Stadt und ich lasse mich durch die Souks treiben.
Es fühlt sich wie eine Mischung aus Andalusien und Orient an. Die Gegend war ja auch lange spanisch und ab und zu dringen in den Gässchen noch spanische Wortfetzen an mein Ohr.
Morgen geht es dann weiter Richtung algerische Grenze. Ich weiß noch nicht, wann ich wieder ein WLAN finde, kann evtl. etwas dauern.

Freue mich über Mails von Euch!

Viele Grüße

Jürgen


2. Rundmail: Marokko Etappe RuM (Radtour ums Mittelmeer), Tétouan nach Al Hoceima Gesendet: 11. Oktober 2017

Hallo zusammen,
habe mich über die Antworten und die guten Wünsche gefreut.
Bin jetzt in Al Hoceima (ausgesprochen:Al Hotschiema) das ist etwas mehr als Halbzeit auf dem Weg zur algerischen Grenze. Im Hotel und in den Cafés tat das WLAN nicht so richtig. Ein Computer-ladenbesitzer war so freundlich und lässt mich Seines nutzen.
Sonntagmorgens um 9 starte ich in Tétouan. Ich bin noch keine 10km gefahren, da hält ein Auto neben mir und ein älterer Marokkaner fragt mich in sehr gutem Deutsch nach dem vorher und wohin. Dann warnt er mich vor dem alten Trick, im Riffgebirge: Drogenhändler zwingen einem zum Kauf von Hasch und ein paar Kilometer weiter stehen die Bullen und kassieren noch mal ab. Eine Win-Win Situation, aber nur für die Dealer und die Sheriffs. Im Reise-Know-How stand, dass das der Vergangenheit angehört.
Nach 5h radeln erreiche ich Oued Laou. Den im R-K-H beschrieben Camping gibt es nicht mehr, dafür aber echt leckere gegrillte Sardinen. Ich beschließe weiterzufahren. Zur Not kann ich ja bei der Polizei fragen, die haben hier etwa alle 10 Kilometer 'ne festungsartige Station. Nachdem ich gefühlte 10 bis 15 Mal die Ochsenwanger Steige rauf und runter gefahren bin, frage ich nach 76km an einer Tankstelle ob ich hier campieren kann. Man verweist mich an einen Polizisten, der mir erklärt, dass es ein paar Kilometer weiter einen Camping gibt (weder auf Google noch im R-K-H). Dass er ständig ohne, das ich danach gefragt hätte betont, dass der Camping sicher ist, macht mich etwas unsicher.
Ende gut alles gut, ich finde den Camping, gerade bei Sonnenuntergang, er hat geöffnet, der Aufpasser will nur 10 Dirham (1€), ich gebe ihm 20 Dirham. Während ich das hier tippe ist nebenan arabische Disco, da scheint echt was los zu sein, aber ich bin nach den 85 Tageskilometern zu müde zu Ausgehen und leg mich gleich ab.
Obwohl ich um 8 Morgens aufbreche habe ich um 13:30 erst 45km geschafft. Aber die gute Nachricht: In El Jebah gibt es wieder lecker Fisch. Diesmal Dorade.
Ich bin echt happy. Am ersten Tag war das einzige Essen, was ich finden konnte ein Eintopf aus Innereien, in Tétouan, fand ich nur marokkanisches Fast Food, so 'ne Art absolut geschmacksneutralen Hamburger, war sie hier "Sandwich" nennen. Etwas vorgreifend möchte ich noch hinzufügen, dass ich einen Tag später dann das erste Mal Besteck (Löffel) zum Essen bekam.
Etwa 1,5h vor Sonnenuntergang bin ich ganz weit oben in den Bergen. An einer Straßenkreuzung gibt es ein Café. Dort will ich wegen Zelt aufstellen fragen. Ich grüße, der Gruß wird nicht erwidert, der Besitzer und sein wenigen Gäste sind so bekifft, dass sie mich nur aus großen, glasigen Augen anglotzen. Besser mal nicht fragen.
Ein paar Kilometer weiter die nächste Verkaufsbude mit "Café". Dort ist der Empfang viel freundlicher. Ein recht junger Mann begrüßt mich, mit ein paar Worten spanisch (es ist hier als 2te Sprache deutlich verbreiteter als Französisch) steht dem Camping durchaus positiv gegenüber und weißt mir einen Platz vor einer keinen Bude, direkt an der Straße zu. Ich frage ob ich mein Zelt nicht auch hinter der Bude aufbauen könne. "No seguro!"Er deutet wieder auf den Platz vor der Bude "Seguro!" und mit den Fingern auf die Augen, so nach dem Motto hier haben wir dich im Blick. Ich bin dann echt "Muy seguro". Es tauchen immer mehr Männer aus den Bergen auf, holen sich die Tische und Bänke aus dem Café, dann noch 'ne Gaslaterne und ihre Brettspiele und lassen sich vor meinem Zelt nieder, wo sie kiffen und Tee trinken. Kurz nach Mitternacht ist endlich Ruhe, dann kommen die LKWs, die knapp an meinem Zelt vorbeidonnern und als das etwas nachlässt die Hunde, die mich bis Morgens vollkläffen.
Es kommen dann noch zwei hohe Pässe, auf einem werde ich an einem Verkaufstand zu einem Tee und zu Brot mit Olivenöl eingeladen, nicht nur dass es lecker ist, sondern es ist ein wirklich schöne Geste und baut mich auf. Bei der Abfahrt vom nächsten Pass, springt mir ein alter Mann in den Weg und ruft auf Englisch:"Stop! Come here!" Ich halte und er knutscht mich erst mal Links und Rechts ab. Bevor ich mich von meinem Erstaunen richtig erholt habe, redet er schon in richtig gutem Englisch auf mich ein. Wenn ich das nächste Mal in die Gegend komme, müsse ich ihn unbedingt besuchen und jede Menge anderes Zeug, wo sich mir die Zusammenhänge nicht so richtig erschließen. In einem hat er recht: "No problems, good road to Al Hoceima". Die Berge werden zu Hügeln, die Steigungen lassen nach und am späten Nachmittag sind die etwas über 80 Kilometer nach Al Hoceima geschafft.
Ich checke in einem einfachen Hotel gleich für zwei Nächte ein. Schließlich muss ich nicht nur meine ganze Elektronik, sondern auch mal meine Akkus wieder richtig aufladen.
Im erst 1926 gegründeten Al Hoceima gibt es nichts zu sehen und das ist gut so. So komme ich zu meinem Ruhetag. Okay Nichts außer der wirklich schönen Lage der Stadt und dem lebendigen Fischerhafen.
Auch wenn ich jetzt wegen schlechtem WLAN nicht alle Mails ausführlich beantworten konnte, freue mich von Euch zu hören.

Viele Grüße

Jürgen


3. Rundmail: Marokko Etappe RuM (Radtour ums Mittelmeer), Al Hoceima nach Oujda Gesendet: 15. Oktober 2017

Hallo zusammen,
vielen Dank, für die Grüße und guten Wünsche.
Ich weiß nicht wie ich es hinbekommen habe, aber die Datei, an der ich jetzt 2 Tage immer wieder getippt habe ist plötzlich, als ich sie aufmache leer. Alles noch mal, vielleicht wird es ja dadurch sogar besser.
Nach einem Ruhetag verlasse ich Al Hoceima früh am Morgen im allerersten Tageslicht. Die Straße geht zuerst durch eine Ebene direkt auf die Berge zu aber irgendwie schlängelt sie sich immer wieder elegant daran vorbei.
Als ich anhalte um einen Kanister, der auf eine bald kommende Tankstelle hinweist zu fotografieren, kommt ein Typ und lädt mich auf einen Tee ein. Beim Tee zeigt er mir, dass er an jeder Hand sechs Finger hat (jeweils einen Daumen links und rechts) und an jedem Fuß sechs Zehen. Ich darf es sogar fotografieren, muss aber versprechen es nicht weiter zu geben und auf keinen Fall auf Facebook zu stellen.
Irgendwann taucht dann plötzlich eine kleine Herde Kamele am Straßenrand auf, die Eukalyptusbüsche abweiden. Wo kommen denn die her so weit im Norden? Vielleicht sind sie in der Tourismusindustrie tätig und im Sommer gibt es original "Camel Safaris" den Strand rauf und runter? Oder gibt es bei den Kamelen auch schon einen Migrationsdruck?
Apropos. Je näher ich Melilla, der zweiten spanischen Enklave in Nordafrika komme, desto häufiger stehen Schwarzafrikaner am Straßenrand. Ich grüße freundlich, doch meist wird mein Gruß nicht erwidert. Wenn er erwidert wird, kommt im nächsten Satz gleich die Forderung nach meinen Klamotten, meinem Fahrrad oder meiner Brille??? . Ich würde ja gerne irgendwie helfen habe aber einfach Schiss überhaupt anzuhalten. Die Jungs (es sind alles nur junge Männer) haben nichts mehr zu verlieren, ich schon.
Nachdem sich der Tag langsam dem Ende zuneigt, frage ich an einem Café, ob ich dahinter mein Zelt aufbauen könne. Ein Gast, Ibrahim, erklärt mir in fließendem Deutsch, dass ich gegenüber bei seinem jüngeren Bruder im ummauerten Garten schlafen könne, dass sei sicherer. Ich bin total happy und baue dort mein Zelt auf. Dann sitzen wir noch im Café und unterhalten uns.
Ibrahim war 8 Jahre lang in Deutschland und hat dort schwarz in einer italienischen Pizzeria gearbeitet. Als der Pizzeria Besitzer sich zur Ruhe setzte, konnte er keine andere Schwarzarbeit finden und ging nach Marokko zurück. Kurz vor Dunkelheit gehe ich zu meinem Zelt und koche. Als ich mit dem Essen fast fertig bin, kommt ein ebenfalls recht gut Deutsch sprechender älterer Herr (älterer Bruder?) mit einem Tablett und bringt mir auch noch mal Abendessen, auch sehr lecker. Nach zwei Abendessen spannt mir echt der Bauch, trotz des Kalorienverbrauchs der 115km Fahrt heute. Nachdem ich mich schon abends verabschiedet und bedankt habe, fahre ich um 8 los. Für marokkanische Verhältnisse sehr früh.
Mittags dann es gibt mal wieder ... na ratet mal, da stelle ich fest dass die Datei leer ist (siehe oben). Also Alles noch mal.
So gegen 16 Uhr komme ich in Saida an, der westliche Teil davon ist ein riesiges Nobelresort und der östliche auch sehr touristisch. Die Hotels haben europäische Preise und der Camping auch. Der Typ lässt auch nicht mit sich handeln, er weiß, dass es für mich die einzige Möglichkeit ist zu übernachten. Als ich frage warum es so viel kostet meint er nur: "Pour votre securité".
Der Typ zeigt mir die Preisliste, da steht auf Französisch "2 Personen mit WoMo oder Auto & Wohnwagen: 100 Dirham" (10Euro). Als ich ihm erkläre, dass ich eine Person bin und nur ein kleines Zelt habe, wird er laut. "Aha, Du verstehst gar kein Französisch, das ist dein Problem!" und fragt auf Französisch ob ich Spanisch spreche. Als ich "Solo un poccito" erwidere, deutet er mir, dass ich mit ihm vor den Campingplatz kommen soll, wo er den nächst besten Passanten auf Französisch anredet und meint. "Erklär dem Typ da mal auf Spanisch, dass das hier 100 Dirham kostet." Irgendwie erinnert er mich an Hadschi Halef Omar. Wir werden zwar keine Freunde aber er wird deutlich freundlicher als ich die 100 bezahlt habe.
Zu allem Unglück bricht dann auch noch mein Brillenbügel. Will mich dann mit der Honigmelone trösten, die ich heute auf der Strecke geschenkt bekam und die die ganze Zeit schon so verführerisch gut roch. Da hab ich mir echt die Falsche rausgesucht, sie ist innen total trocken.
Okay, dann halt Tagebuch. Ah, hier ist die Erklärung: Freitag der 13te.
Ich bin der EINZIGE Gast, werde aber trotzdem bis 2 Uhr morgens mit gefühlten 120dB von der Campingdisco, besser gesagt der "Amazon Lounge" beschallt.
Am nächsten Tag fahre ich für eine längere Strecke an der gut bewachten algerischen Grenze entlang. Manchmal fast direkt am Grenzzaun. Die Grenze ist seit 1994 geschlossen. In Ahfir, radle ich kurz zu dem kleinen Grenzübergang.
Am frühen Nachmittag komme ich in Oujda (sprich: Uschda) an. Kennt wahrscheinlich niemand. Kannte ich vorher auch nicht, hat aber mehr als 'ne halbe Million Einwohner. Obwohl es höher liegt, ist es deutlich heißer als an der Küste, aber dafür ist die Luft trockener, so sind auch die 33°C noch ganz angenehm.
Ich checke im "Hotel Royal" ein. Mit 150 Dirham passt das Preisleistungsverhältnis. Es geht hier richtig nobel zu und da ich ein Zimmer zu einem der zwei Innenhöfe habe auch leise.
Heute Morgen war ich mit meinem Radl an einem weiteren ehemaligen Grenzübergang. Diesmal ein etwas größerer. Wenn ich die Tour mal fortsetze, hab ich somit zwei Startoptionen auf algerischer Seite.
Ja, damit endet die 8. Etappe der Radtour ums Mittelmeer.
Ach so, hätte ich beinahe vergessen. In den ganzen acht Tagen seit Tétouan, wurde ich nur ein einziges Mal von einem Haschischhändler unterwegs gestoppt. Er akzeptierte meine Ablehnung zum Glück gleich. Muss ein gutes Stöffchen gewesen sein, der Typ sah so aus, als wäre er sein bester Kunde und er war ziemlich "verstrahlt".

Am Schluss vielleicht noch ein kurzes Fazit.
Wie ich schon im ersten Bericht schrieb:
"Das Radfahren in Marokko unterscheidet sich nicht nur wettertechnisch von meiner Radtour durch Norddeutschland diesen Sommer."
Das Wetter war definitiv anders, in Deutschland hatte ich an 4 von 30 Tagen KEINEN Regen und etwa 15°C, hier hatte ich keinen Regen und meist so 25°C (okay jetzt gerade etwas mehr).
Hier gab es sehr viele Berge, dort war alles flach. Klar, wen wundert's bei der norddeutschen TiefEBENE und dem RiffGEBIRGE.
Was mich aber wirklich erstaunt, hier waren die Straßen deutlich besser. Keine Schlaglöcher, kein Kopfsteinpflaster. Wie in Meck-Pomm sogar öfters bei Ortsverbindungsstraßen und mit Vorliebe bei Radwegen.
In Deutschland konnte man bei Aldi, Lidl und Co stoppen und Unmengen preisgünstiger Schokolade kaufen um sie dann, gleich in sich reinzumampfen. Hier gibt es keine preisgünstige Schokolade. Dafür kann man in einem einfachen Restaurant für zwischen 1,5 und 4 Euro ganz gut essen.
Okay, das alles sind Kleinigkeiten, ich glaube der größte Unterschied, den ich benennen kann sind die Leute. In Deutschland, war ich ihnen komplett egal. Wenn ich auf sie zuging waren sie, meist freundlich und hilfsbereit aber ansonsten wurde ich eher ignoriert. Hier sind die Leute deutlich extrovertierter und kommen auf einen zu. Damit meine ich jetzt nicht den Schlepper in Tétouan. Ich meine die ganzen erhobenen Daumen aus den vorbeifahrenden Autos, die Leute die angehalten haben um mir trotz Sprachproblemen alles Gute zu wünschen, die Leute die mich gestoppt haben um mich auf einen Tee einzuladen ... .
Aber der Hauptunterschied ist, es fühlt sich einfach anders an (ein bekannter deutscher Fußballer würde jetzt sagen vom Feeling her ist es einfach ein anderes Gefühl). Und damit will und kann ich nichts werten. Ich könnte nicht sagen, dass mir die Radtour in Norddeutschland besser oder schlechter gefallen hätte, wie diese kurze Etappe der "Radtour ums Mittemeer".
Wenn ich nicht alles von Osterburken bis hier gefahren wäre, hätte es sich wahrscheinlich noch mal anders angefühlt.
Okay, bevor da Bemerkungen kommen, die "Straße von Gibraltar" bin ich nicht gefahren. Wäre mal 'nen Projekt für 'nen Fatbike mit XXXL Reifen.
Ursprünglich hatte ich geplant den Zug nach Süden zu nehmen, um mir eine uninteressante Strecke zu sparen, mein Knie, das seit dem ersten Tag im Riffgebirge Probleme macht zu schonen und 'ne interessante Zugfahrt zu machen.
Der Normalverkehr auf der Strecke wurde leider eingestellt. Ein paarmal im Jahr gibt es für zahlungskräftige und -willige Touristen so 'ne Art "Orientexpressfahrt". Mal schauen ob ich mit Fahrrad und Bus Erfolg habe (in Ägypten hatte ich da keinen, weil das Rad gerade nicht in die modernen Reisebusse geht und die alten mit Dachgepäckträger gibt‘s schon lange nicht mehr).
Auch wenn die Etappe "offiziell" zu Ende ist, werde ich mich noch ein paar Mal aus dem Süden melden, wo es landschaftlich wahrscheinlich interessanter ist als hier.
Wenn ich wieder in Deutschland bin, fasse ich die Berichte, wie letztes Jahr zu einem pdf- Dokument mit Bildern zusammen.

Freue mich auf Mails von Euch.

Viele Grüße

Jürgen


Hier gehts weiter:
Marokko Oktober & November 2017 Teil 2 (Reiseberichte)

Marokko Oktober & November 2017 Teil 3 (Reiseberichte)

Geändert von Juergen (25.01.19 10:03)
Änderungsgrund: Fortsetzung eingefügt
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#1318748 - 19.01.18 20:33 Re: Marokko Oktober & November 2017 [Re: Juergen_L]
wpau
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 112
Von Mitte August bis Mitte November 1990 im Küstenort Bejaia bei einer Inbetriebnahme in Algerien wollte ich dort auch mal eine Radreise machen. Leider haben mich die dortigen Unruhen bis heute davon abgehalten.
Die Landschaft dort ist ja traumhaft und in 4 verlängerten Wochenendausflügen mit dem PKW und den Ingenieuren, die wir in die Anlage eingewiesen haben als Reisebetreuer, konnten wir Land und Leute hautnah erleben.
Für mich unerklärlich, was dort in den letzten Jahrzehnten passiert ist. Egal ob im Iran, Algerien oder Ägypten, bei meinen Inbetriebnahmen habe ich es nur mit freundlichen Gastgebern ohne religiösem Fanatismus zu tun gehabt.
Wir waren Selbstversorger und haben uns im örtlichen Basar mit allem was das Herz begehrt versorgen können. Gewürzstände in diesem Umfang habe ich danach nie mehr gesehen.

Dein Film ist schon fast professionell geschnitten und auch die Musik dazu gefällt mir. Besonders die Erklärungen zu den Reisebegegnungen und den dortigen Hügeln.

Ich hatte mein altes Rad mit genommen und dort auch zwei Wochenenden je ca. 100 km westlich und östlich eine Tour gemacht. Damals konnte man noch unbesorgt nächtigen und da wir 5 DM Scheine geschmuggelt hatten auch richtig fürstlich speisen. Normal gab es ja Zwangsumtausch mit Tagessätzen, den wir aber für unsere Verpflegung auf brauchten.

Die Oase Bou Sâada bleibt für mich ein unvergesslicher Eindruck. Nach der langen Fahrt dorthin durch sandige Umgebung hätte man so ein Kleinod nicht erwartet.

Geändert von wpau (19.01.18 20:34)
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#1319053 - 22.01.18 11:53 Re: Marokko Oktober & November 2017 [Re: wpau]
Juergen_L
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Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 13
Hallo Wpau,
ja ich hoffe wirklich, dass es mit Algerien irgendwann klappt. Ich behalte die Lage dort auf jeden Fall ständig im Auge. Allerdings für 2018 hab ich den Urlaub eh schon anderweitig verplant.

> Die Oase Bou Sâada bleibt für mich ein unvergesslicher Eindruck. Nach der langen Fahrt dorthin durch > sandige Umgebung hätte man so ein Kleinod nicht erwartet.
Bei der letzten Rund ums Mittelmeer Etappe im Uhrzeigersinn war ich zum Schluss noch in der Oase Siwa in Ägypten und war total fasziniert. Es war als wäre dort die Zeit vor 100 Jahren stehengeblieben. Wahrscheinlich hat sich da inzwischen auch einiges geändert, ist schon 10 Jahre her.

Freut mich, dass Dir der Film gefällt.
Das motiviert mich fleißig am nächsten Teil zu arbeiten und ihn dann hoffentlich bevor die Draussen-Klettersaison beginnt fertig zu haben und hochzuladen.

Viele Grüße

Jürgen
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