Auf Schotterpisten durch die Westalpen

von: lutz_

Auf Schotterpisten durch die Westalpen - 05.09.12 21:02

Hallo zusammen!


Wir haben in den vergangenen Jahren diverse Touren in unterschiedlichen Ländern unternommen und haben dabei immer mehr Gefallen an einsamen Straßen und leichten Schotterpisten gewonnen. Unter anderem waren wir 2010 auf dem Kettle Valley Railway Trail in British Columbia (Kanada) oder haben 2011 und 2012 Korsika auf Abwegen bereist. Zu Hause bleibt das Rennrad immer häufiger stehen und statt dessen werden die Feierabendrunden auf dem MTB unternommen. Letztes Jahr habe ich mir ein Fully (Canyon Nerve) gebraucht gekauft und auch Madame hat mittlerweile ein Fully (Liteville 301). Wir sind also sowohl Reiseradler, Rennradler als auch Mountainbiker, gerne auch Wanderer, gelegentlich Autofahrer und eher selten Bahnfahrer.

Also warum nicht mit den MTBs quer durch die Alpen, schließlich gehört ein Alpencross zu den 100 Dingen, die man in seinem Leben mal gemacht haben sollte. Zwei Fixpunkte waren vorher fest eingeplant:

1. Der Rückflug von Nizza
2. Eine Woche lang Freunde in der Nähe von Guillestre besuchen

Die Deutsche Bahn beschert uns ein Freunde-Ticket für zwei Personen für 29 EUR nach Genf, zusätzlich jeweils 10 EUR pro Rad. Offenbar muss die Schweiz gezielt Touristen anlocken. So geht's also Anfang August für einen Monat auf die Reise, ein kleines Zelt, Isomatten, Kocher und ein Schlafsack (reicht für uns beide), 2 Bücher und Klamotten passen in jeweils 2 Ortlieb Backroller. Für Foto, Handy und GPS habe ich noch eine kleine Lenkertasche. Das muss reichen.

Die üblichen Alpencrosser mit kleinem Rucksack, die jeden Abend im Hotel absteigen und essen gehen, haben natürlich nur einen mehr oder weniger kleinen Rucksack auf dem Buckel. Deswegen habe ich im Vorfeld fleißig recherchiert, welche Pässe für uns mit Gepäcktaschen und deutlich mehr Gepäck überwiegend fahrbar sein würden. Außer diesem Forum hier war das Buch

http://www.amazon.de/Alpencross-West--Südalpen-Mountainbike-Alpen/dp/3765447730/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1346852129&sr=1-1

sowie die folgende Seite ein sehr hilfreicher Ratgeber bei der Vorplanung:

http://www.transalbino.de/westalpenpaesse.htm

Wir haben uns entschieden, die komplette Campingausrüstung mitzunehmen. Denn mit dem Zelt können wir einerseits zur Hauptreisezeit flexibel sein und zweitens ist uns das Zelt bei schönem Wetter wesentlich lieber als eine feste Unterkunft. Übernachtet haben wir schließlich dreimal in Hütten oder Hotels, ansonsten immer auf Campingplätzen im Zelt.

Die Strecke: http://www.gpsies.com/map.do?fileId=ohtxmtmhfuxlastc

Die Fakten: 1162 km, 33490 hm, darunter einmal eine Bahnfahrt von Bussoleno nach Oulx, zweimal mit dem Gratis-Shuttle-Bus im Alte Valle Susa und einmal mit dem Sessellift… ;-)



Anreisetag: Morgens um 9.29 Uhr in Reutlingen in den Zug eingestiegen, mit Umsteigen in Tübingen, Horb und Zurich erreichen wir am späten Nachmittag Genf.





Dort herrscht ein buntes Treiben in der Fußgängerzone und am Seeufer, offenbar ist heute abend ein großes Fest. Auffallend sind die vielen Personen in Business-Kleidern, die uns auf E-Bikes überholen. Eine solche hohe Anzahl von E-Bikes habe ich bisher nur in der Gegend des Kalterer See in Südtirol gesehen. Wir stoppen kurz beim Migros um uns noch zwei Exemplare der von uns sehr geschätzten Küchenmesser zu besorgen und pedalieren am Südufer des Genfer Sees entlang. Viele Villen und tolle Häuser gibt es dort zu bestauen, auch architektonisch gewagte Exemplare, allerdings nicht ganz unser Preisniveau. Kurz hinter der französischen Grenze machen wir auf einem kleinen Camping Municipal halt, der aber unweit des Badestrandes liegt. Nach einem kurzen Bad verbummeln wir den Abend am Seeufer und essen leckere Crepes an der Strandpromenade.



Am nächsten Morgen packen wir gemütlich zusammen und folgen dem Seeeufer. Das schön anzuschauende Städtchen Yvoire erreichen wir noch vor den einfallenden Touristenströmen, allerdings lässt sich dort keine Boulangerie finden, nur Restaurants, Galerien und Nippesläden.




Also machen wir einige Kilometer weiter eine ausgedehnte Frühstückspause an einem Strandabschnitt. Zwischen Thonon und Evian nimmt der Verkehr deutlich zu, wir weichen aber auf uns von früher bekannten Seitenstraßen aus. In Evian herrscht großer Andrang an einem Brunnen, vielleicht handelt es sich um heiliges Wasser? Jedenfalls kippe ich bei der nächsten Querstraße so unglücklich vom Rad, dass das Schaltauge in Mitleidenschaft gezogen wird. Also suchen wir erst das Office du Tourisme, dann den Radladen, der erst am späten Nachmittag wieder öffnet. Also nutzen wir die Pause um an der Seepromenade zu essen und zu lesen. Nachdem der Radladen wieder geöffnet hat, hilft uns der freundliche Besitzer das Schaltauge wieder gerade zu biegen, ich bitte noch um ein paar Schrauben und Muttern, da ich mein Säckchen mit den Reserveschrauben zu Hause habe liegen lassen. Mit reichlich Verspätung nehmen wir die Steigung nach Süden in Angriff, das GPS zeigt einen Campingplatz in St Paul en Chablais und wir beschließen hier hoch über dem Genfer See auf dem schön gelegenen und angelegtem Campingplatz zu bleiben.



Am nächsten Tag waren die ersten Pässe auf uns. Zunächst auf gleicher Höhe Richtung Thollon les Memises, bevor es dann steil bergan auf einem Schotterweg in den Wald hinauf geht. Auf einer schönen Wiese genießen wir unser Frühstück mit Croissant, Pain au Chocolat, Schokoladenpudding und Banane, lecker! Kurz vor der Passhöhe wird der Weg zum Pfad und zwingt uns zum Absteigen und Schieben. Die reichlich vorhandenen Himbeeren auf der Passhöhe des Col de Creusaz bieten ein ebenso leckeres zweites Frühstück. Statt dem Teersträßchen hinunter nach Bernex wählen wir ein weiteres Schottersträßchen das ein kurzes Stück bergauf führt. Anschließend zweigen wir auf eine ausgeschilderte MTB-Strecke ab, die auf einem sehr steilen Trail mit für uns teils unfahrbaren Serpentinen durch den Wald hinab führt.



In Bernex werden die Wasserflaschen gefüllt und zunächst auf Teer und anschließend auf gut fahrbarem Schotter geht es wiederum steil bergauf bis zur Alpe Pre Richard.



Ab hier führt der Weg steil auf Skipisten und an einem Wasserreservoir für die Schneekanonen bergaus, wir müssen teils schieben, und erreichen schließlich den unscheinbaren Pass.





Über einen netten Wurzeltrail, schöne Wiesen und schließlich eine Forstpiste geht es hinab ins Tal nach Vacheresse und auf der Straße noch wenige Kilometer bis Abondance. Hier mieten wir uns auf dem örtlichen Campingplatz ein, besichtigen die Abbaye und das nette Örtchen und goutieren den örtlichen Käse.






http://de.wikipedia.org/wiki/Abondance_(Haute-Savoie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Abondance_(Käse)







Abends zieht es dann immer mehr zu, nachts regnet es in Strömen. Morgens packen wir in einer Regenpause alles zusammen und brechen auf, um in der örtlichen Bäckerei vom nächsten Guss überrascht zu werden. Wir stellen uns zunächst unter, suchen dann ein Café auf, nach der zweiten Runde heißer Schokolade regnet es noch immer. Die ursprünglich geplante Offroad-Etappe über den Col de Bassachaux und Col Chesery hinüber ins schweizerische Champery fällt sprichwörtlich ins Wasser. Gerade als wir uns entschließen ein Hotelzimmer zu nehmen reißt der Himmel auf und wir fahren weiter. Wir wählen jedoch die Straße über Chapell d'Abondance und den Pas de Morgins hinüber in die Schweiz. Der Blick zurück Richtung Dents du Midi mit den dunklen Wolken lässt uns dann zusätzlich Tempo machen und wir brausen auf bestem Asphalt hinunter nach Monthey ins Rhonetal.







Auf der Veloroute kurz hinter Monthey müssen wir nochmals an einem Bahnhaltepunkt abwettern, bevor wir Martigny erreichen. Da sich das Wetter wieder beruhigt wählen wir den örtlichen Campingplatz und besuchen die nahegelegne Fondation Pierre Gianadda . Dort wird derzeit eine sehr sehenswerte Ausstellung mit Werken von van Gogh, Picasso und Kandinsky gezeigt. Auch die mit Kunstwerken bestückten Außenanlagen sind sehr sehenswert.

http://www.gianadda.ch/wq_pages/fr/expositions/






Nach so viel Kultur gibt es dann abends im Fernsehraum des Capingplatzes noch Olympia und wir erleben den eindrucksvollen Sieg von Usain Bolt im 100-Meter-Sprint der Herrn live und mit französischem Kommentar mit.

Am nächsten Morgen können wir noch bei trockenem Wetter zusammenpacken. Leider gibt es Richtung Großer Sankt Bernhard keine Veloroute, also müssen wir auf die viel befahrene Straße ausweichen. Den Schlenker über Champex schenken wir uns bei trübem Wetter macht es keinen Sinn zusätzliche Höhenmeter in den tiefhängenden Wolken zu machen. Zwischen Orsieres und Sembrancher beginnt es heftig zu regnen und wir finden unter eine Straßenbrücke ein wenn auch nicht gerade lauschiges, so doch immerhin trockenes Plätzchen zum Unterstehen. Lange müssen wir ausharren bis der Regen zumindest nachlässt. Wir beschließen weiterzufahren, in Orsieres hat der Supermarkt nur wenige Minuten vor unserer Ankunft über Mittag geschlossen. Also beschließen wir trotz des Regens weiterzufahren. Bis La Fouly am Ende des schweizerischen Val Ferret warten noch etliche Höhenmeter. Bei schönem Wetter ist diese Strecke bestimmt sehr schön, im strömenden Regen allerdings stampfen wir in die Pedale, um einigermaßen warm zu bleiben. Ein Tag, an dem man die Kamera am besten nicht aus der Lenkertasche nimmt...





In La Fouly verwerfen wir angesichts der Wetterlage den schön angelegten Campinplatz und freuen uns, dass wir zum Schnäppchenpreis von 175 EUR im Hotel des Glacieres ein Doppelzimmer mit Halbpension bekommen. Trotz des anderslautenen Namens unserer Herberge ist es im Zimmer wohlig warm, die heiße Dusche sehr willkommen und der Blick aus dem Fenster bestärkt uns in der Annahme, dass jeder einzelne Euro für die Übernachtung gut angelegt war. Beim leckeren Abendessen kommen wir mit einem Itlaiener (auf englisch) ins Gespräch, der in Turin lebt und (wie fast alle anderen Hotelgäste ebenfalls) zu Fuß den Mont Blanc umwandert. Er kann uns einige Tipps zu unserer geplanten Strecke geben und es wird ein sehr netter Abend, den wir mit Olympia gucken ausklingen lassen.

Morgen soll es über den Grand Col Ferret gehen, die erste wirkliche Bewährungsprobe für unsere Tour. Hoffentlich wird bis dahin das Wetter besser…