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#459019 - 07.08.08 14:22 Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt
Jimmy
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 216
Dauer:4 Tage
Zeitraum:30.7.2008 bis 2.8.2008
Entfernung:315 Kilometer
Bereiste Länder:deDeutschland

Baden-Württemberg von Nord nach Süd oder: 1 Jahr nach Herzinfarkt


Es ist der 07. Juli 2007. Ein Herzinfarkt zwingt mich in die Knie und anschließend in die Intensivstation. Im Krankenhaus und der anschließenden Reha finde ich genügend Zeit, meinen bisherigen Lebenswandel Revue passieren zu lassen, Zeit genug um mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Ich bin 48 Jahre alt und das kann’s doch nicht gewesen sein?

Wir schreiben Mitte Oktober 2007: Ich fange wieder an zu arbeiten, allerdings wurde ich an den Schreibtisch verbannt. Ist ja in Ordnung, wer will schon einen herzkranken Mitarbeiter im Außendienst. Es fällt mir trotzdem schwer, ich habe das rauchen aufgehört und sitze nur noch am Schreibtisch, was zur Folge hat, dass ich immer fetter werde. Säße ich nicht täglich auf dem Ergometer, wer weiß, welche Konfektionsgröße ich in einem Jahr ….

Schon seit Tagen trage ich mich mit dem Gedanken, dieses Problem mittels Fahrrad fahren zu bekämpfen. Ich frische meinen uralten Drahtesel auf, wie lange bin ich schon nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen? 1 Jahr oder 2, ich weiß es nicht. Aha, es ist eigentlich gar nicht so schwer, es geht doch noch, das klappern und die fehlende Wirkung der Vorderbremse, was soll’s, das kriegen wir auch noch hin.

Seit 2 Wochen fahre ich mit dem Rad. Ich trage mich mit dem Gedanken, ein neues Fahrrad zu kaufen, etwas „Besseres“ mit so allem drum und dran. Es ist Samstag, ich habe mich soeben entschieden: ich schaue mir die Fahrräder in den Baumärkten der Umgebung an, Beratung findet hier keine statt, folgerichtig geht’s zum Fachhändler.

Fachkundige Beratung, mehrer Probefahrten, ich habe es, das neue Fahrrad, in 2 Stunden findet die Übergabe statt.

Zurück nach Hause, entsprechende Sportklamotten angezogen, ich will nämlich mit meiner neuen Errungenschaft nach Hause strampeln. Das war meine erste längere Strecke, 15 Kilometer.

Wir schreiben nun April 2008. Mittlerweile habe ich 1.600 Kilometer hinter mir oder besser gesagt: unter mir gelassen.
Ich will es, ich will eine Tour machen, ich will meine Verwandten im südlichsten Baden-Württemberg besuchen, mit dem Fahrrad, alleine. Ich plane die Route:

Bad Friedrichshall - Heilbronn – Bruchsal – Karlsruhe – Rheinradweg – Kehl – Breisach - zurück mit dem Zug


Am Dienstag, 29. Juli 2008, 14.oo Uhr. Spontan treffe ich den Entschluss: Morgen soll’s losgehen. Mein Chef gibt mir die nächsten 3 Tage frei. Die ersten Zweifel packen mich: es sind nach meiner Planung etwa 220 km, schaffe ich das, übernehme ich mich nicht? Genug gegackert, das Ei wird gelegt!


Tag 1, es geht los!

Mittwoch, 30.07.08, 08.00 Uhr. Es geht los, mein persönliches Abenteuer! Über den Kochertal-Radweg erreiche ich gegen 09.00 Uhr Bad Friedrichshall. Den Neckartalradweg aufwärts fahre ich bis Heilbronn.
Ab hier geht es permanent gen Westen. Über Leingarten fahre ich über gut ausgebaute Radwege bis nach Schwaigern. Um 10.00 Uhr mache ich an einer Bäckerei meine erste Kaffeepause. Die Sonne scheint schon kräftig, das Thermometer meiner Kaffeestation hat die 25 Grad Marke bereits erreicht.
Weiter geht es in Richtung Eppingen. Der Kraichgauradweg ist gut ausgebaut und beschildert. Die Fachwerkstatt Eppingen erreiche ich gegen 12.oo Uhr, mittlerweile bei 32 Grad. In einem Supermarkt frische ich meine Vorräte auf: Apfelschorle und Bananen.
Der „alten Sulzfelder Straße“ entlang geht es über den Kraichgauradweg bergauf und bergab durch Zaisenhausen bis nach Gochsheim.

Irgendwie und irgendwo habe ich den beschilderten Radweg unbeabsichtigt verlassen, nun muss die Straßenkarte her. Richtung Bruchsal zwingen mich teils starke Steigungen mehrfach zum schieben aber trotz der drückenden Hitze fühle ich mich immer noch fit, das fahren auf der Landstraße ist allerdings weniger witzig; die Straßen sind eng der Verkehr nicht unbedeutend. Bei der nächsten Tour muss ich solche Abschnitte meiden.

Gegen 15.00 Uhr erreiche ich Bruchsal. Ein frisches Apfelschorle und – ich konnte es einfach nicht lassen – ein frisches Pils, so verbringe ich meine „Kaffeepause“ in der Bruchsaler Innenstadt. Bruchsal hat was: eine schöne Innenstadt, ein schönes Schloss und vor allem, keine Steigungen mehr in Sicht.
Durch das Industriegebiet erreiche ich alsbald Karlsdorf – Neuthard, von nun an geht es südwärts, um 16.30 Uhr komme ich in Blankenloch an. Es ist immer noch sehr heiß. Ich beschließe, dass ich hier übernachte.
Ein Getränkehändler im Ort belädt seinen Lkw und wenn nicht der wer sonst kann eine Unterkunft empfehlen? Auf dessen Empfehlung steuere ich die Pension an. Die Oma des Hauses empfängt mich sehr freundlich, allerdings gibt sie zu bedenken, dass nur noch ein Einzelzimmer ohne Bad und WC frei wäre, Dusche und WC über den Flur? Egal, Hauptsache ein Bett und sauber. Und das ist es tatsächlich.
Ein gepflegtes Abendessen beim Italiener, noch ein Bierchen und ab ins Bett!

Reine Fahrzeit: 6:05
Tageskilometer: 102


Tag 2, der Weg ist das Ziel:


Was für eine Nacht in dem sauberen Zimmer! Der nette Getränkehändler und die freundliche Oma haben mir nicht gesagt, dass direkt vor der Pension, vor meinem Zimmer die Straßenbahn fährt. Und zwar bis morgens um 01.00 Uhr um nach nur kurzer Zeit um 04.30 Uhr den Betrieb wieder aufzunehmen!
Fenster schließen ging nicht, die drückende Schwüle…
Das Frühstück ist richtig o.k., ich bezahle. Die nun anwesende Chefin fragt mich, warum ich denn ein Zimmer ohne Dusche und WC wollte? „Die Oma sagte doch…“, die Chefin runzelte die Stirn und murmelte etwas das klang wie „Entschuldigung, aber Oma, na ja“.

Mit der mich bislang nervenden Straßenbahn freunde ich mich an: parallel der Schienen fahre ich auf gut ausgebauten Radwegen Richtung Karlsruhe, sind keine Schilder vorhanden, halte ich mich einfach an die Trasse und erreiche schon bald den Rheinwald. Kilometerweit radle ich durch den kühlen Wald und erreiche das Waldparkstadion in Karlsruhe. Einen wartenden Radfahrer, welcher offensichtlich auch auf Tour ist, frage ich nach dem Weg in Richtung Rheinhafen. Der Mann kennt sich aus und stellt mir seinen nun eintreffenden Partner vor: ein 82-jähriger Herr, beide fahren heute in den Nordschwarzwald, geplante Kilometer: 85! Respekt!!!
Hervorragend beschilderte Radwege - Radfernweg Mannheim-Basel und Rheinhafen - machen es mir in der Folge leicht, der Rheinhafen ist schon bald erreicht. Hier sehe ich es zum ersten Mal: das Schild Rheinradweg welches mich nun lange Strecken begleiten wird, hoffentlich.
Unbedingt sehenswert ist der Karlsruher Hafen, die Hafensperre ist eng und man darf dort sein bepacktes Fahrrad Treppen hoch und runter schleppen, aber das Flair hier hat was.

Ich folge dem Rheinradweg auf der deutschen Seite, vorbei am Rheinstrandbad, Neuburgweier, Plittersdorf, bis Iffezheim. Den größten Teil der Route legt man auf dem Hochwasserdamm zurück, meist fest geschottert, aber mit einem Tourenrad gut zu befahren. Für Rennradler halte ich diesen Streckenverlauf für weniger geeignet. In Iffezheim besichtige ich die Schleuse, was für ein Verkehr! Sowohl auf dem Rhein als auch auf der Brücke nach bzw. von Frankreich.

Ich will nun ein bisschen auf französischer Seite fahren und überquere die Brücke nach Frankreich. Allerdings schiebe ich meinen Drahtesel auf dem Gehweg, der Straßenverkehr ist mir doch zu stark, irgendwie fühle ich mich da nicht so wohl.
Ich schätze, dass die Brücke fast einen Kilometer lang ist, danach treffe ich einen Franzosen und frage ihn nach dem Verlauf des Rheinradweges in Richtung Süden auf der französischen Seite. Er erklärt mir, dass ich nach der Brücke gleich rechts abbiegen muss und nach etwa 100 Metern wieder rechts.
Die nächsten 17km sind enttäuschend: Links über mir der Rheindamm, rechts von mir Wald. Das erste Kieswerk ist recht interessant, aber die nächsten Kieswerke, und es gibt hier mehr wie genug, sehen irgendwie alle gleich aus. Die Radstrecke ist asphaltiert, aber ansonsten wirklich langweilig. Rennradler und Kilometerfresser habe hier sicherlich mehr Freude daran als ich. Der Entschluss, in Drusenheim mittels Fähre die Seiten zu wechseln, fällt mir leicht. Angenehm überrascht bin ich, dass die Überfahrt nichts kostet.
Kieswerke hat auch die deutsche Rheinseite zu bieten, aber die Landschaft direkt am Rhein ist hier viel natürlicher, die Altarme des Rheines bieten eine einzigartige Landschaft. Mehrmals wechsle ich vom Hochdamm auf die asphaltierten Uferstraßen und erreiche alsbald Rheinau. Auffallend in Rheinau sind mehrfach Hinweise auf ein Bett and Bike Landgasthof im Ortsteil Helmlingen. Da soll meine nächste Übernachtung sein, fragen wir mal nach. Es ist nun 15.40 Uhr, die Gaststätte hat offen. Schnell ein Apfelschorle und dann nach Zimmer gefragt. Es trifft mich wieder: Ein Einzelzimmer, allerdings ohne Dusche / WC, aber egal…


Reine Fahrzeit: 4:55
Tageskilometer: 86

Das Zimmer ist sehr sauber sogar eine mobile Klimaanlage ist vorhanden. Da bleibe ich. Es ist sehr heiß heute, ich habe bei Iffezheim 34 Grad abgelesen und man soll ja nichts übertreiben.

Frisch geduscht, zwei Stunden geschlafen, ein sehr gutes Abendessen, ein kleiner Spaziergang, der Abend ist mein Freund.

Dieser Landgasthof scheint unter Radlern beliebt zu sein, gut 10 Fahrräder finden sich im Laufe des Abends in der abschließbaren Garage zu einem Stelldichein.

Ich gehe zu Bett, nach einer Stunde nervt mich die ständig rauschende Klimaanlage. Anlage aus, Fenster auf! Das war’s dann auch mit schlafen, hatten wir das nicht schon mal? Ich fühle mich zurückversetzt nach Blankenloch, direkt unter mir verläuft die B 36. Drei Alternativen bleiben
1. Fenster offen – geht nicht wegen des Lärms –
2. Fenster zu, Klimaanlage an, zu laut
3. Fenster zu, Klimaanlage aus, zu warm.

Ich habe in der Nacht mehrfach variiert und bin morgens ziemlich gerädert (was für ein Wort im Zusammenhang mit einer Fahrradtour). Ein reichhaltiges Frühstück und einige Tassen Kaffee bringen mich in Schwung und schon geht es um 08:45 Uhr weiter.


Tag 3, nach Süden, der Sonne entgegen:

Welche Sonne? Heute ist bedeckt, aber die Luft ist frisch und die Schwüle der letzten beiden Tage wird sich heute wohl nicht breit machen. Warten wir´s ab. Schnell bin ich auf dem Hochwasserdamm in Richtung Kehl. In Kehl-Sundheim decke ich mich in einem Supermarkt erneut mit Getränken und Bananen ein. Auf einem brachliegenden Grundstück sehe ich ein Storchenpaar welches sich vom Verkehr der naheliegenden Straße überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lassen. Zum wiederholten Mal auf dieser Tour ärgere ich mich über mein nichttechnisches Verständnis, die mitgeführte Digitalkamera will sich einfach nicht in Betrieb nehmen lassen. Sicherlich hat meine Frau die Kamera mit leeren Batterien bestückt oder liegt es doch an mir?
Am Rhein wiederholt es sich: ein Kieswerk folgt dem nächsten. Die Landschaft drum herum wird immer natürlicher, der Radweg immer menschenleerer. Manchmal frage ich mich, ob ich der Einzige bin, der diese Route fährt, wo sind denn die anderen alle? Von Goldscheuer bis Höhe Ichenheim, entlang des Bassin de compensation de Plosheim begegnen mir Schwäne, sonst nichts und niemand.
In Höhe Wittenweier, dem, so die Selbstbeschreibung schönstem Dort der Ortenau, machen die seit längerer Zeit sich verdunkelnden Wolken wahr, was vorzuahnen war: es gewittert und regnet kräftig.
Schnell verlasse ich den Uferweg, ein kurzes Stück durch den Rheinwald und schon befinde ich mich unter einer Bushaltestelle in Wittenweier. Die unfreiwillige Pause nutze ich, trinke was und futtere die schon fast unvermeidbaren Bananen.
Nach etwa 1 Stunde lässt der Regen nach. Ich entschließe mich, die weitere Strecke mehr „landeinwärts“ zu fahren, hier habe ich bei möglichem weiterem Regen eher die Möglichkeit, mich unterzustellen.

Schon am Ende des wirklich sehenswerten Ortes Wittenweier erreiche ich den Rheintalradweg.
Diesem folge ich nun, durch die Rheinebene bis Rust, hier zwingt mich wieder einsetzender Regen zu einer weiteren Pause.
Nach etwa 30 Minuten geht es weiter nach Rheinhausen-Oberhausen, Weisweil, Wyhl. Dieser Abschnitt gehört zu den schönsten meiner Tour. Einem kleinen Bach folgend geht es durch Feld und Flur, vorbei an Tabak- und Maisfeldern, idealer Radweg, ideale Temperatur, kurzum: zum genießen empfohlen!
Ich glaube, dass ich mich in Wyhl verfahren habe, plötzlich stehe ich vor einem Maisfeld! Habe ich etwa ein Hinweisschild übersehen? Oder fehlte da eines? Ach, da vorne ist die Landstraße, also schiebe ich ein Stück. Was für eine Überraschung! Das Maisfeld ist von der Straße mittels eines mannshohen Zauns getrennt. Ich bin mir sicher, dass ich noch nie in meinem Leben ein so großes Maisfeld gesehen habe, aber nach 20 Minuten über Stock und Stein ist auch dieses Handicap überwunden, ich finde einen „Ausgang“ und entlang der Landstraße geht es am nördlichen Rand des Kaiserstuhls nach Sasbach. Schon befinde ich mich wieder auf dem Rheinradweg und ab geht es, die letzten Kilometer nach Breisach. Aber nicht ohne Stopp! Unter der Ruine Limburg befindet sich ein Kiosk. Und was nimmt man zu sich? Das mehrfach erwähnte Schorle und ein kühles Blondes.
Nun aber hurtig nach Breisach. Etwa 14 Kilometer, Breisach ist erreicht! Jetzt spüre ich erstmals richtig meine Knochen, es wird Zeit zu ruhen. Aber noch habe ich schätzungsweise 15 Kilometer vor mir. Ich durchfahre die Stadt, unterhalb des Münsters geht es weiterhin nach Süden.
Ich bleibe auf dem Rheinradweg, verlasse diesen nach etwa 10 Kilometern und bin dann, nachdem ich wieder einmal den Rheinwald durchquert habe, an meinem Ziel: ein kleines Dorf im Markgräflerland.

Ankunft: 19.oo Uhr
Reine Fahrzeit: 7:36
Tageskilometer: 127,5

Total: 315,50 km

Ich genieße 2 (oder waren es 3?) Gläschen Badischen Gutedel, bin mit mir selbst zufrieden aber auch hundemüde, gehe zu Bett, schlafe wie ein Bär unweit der Hauptstrecke der Deutschen Bahn, Karlsruhe-Basel.




Tag 4, das Erlebnis der besonderen Art -Deutsche Bahn-



Gegen 15.00 Uhr steige ich an einem kleinen Bahnhof zwischen Basel und Freiburg in den Regionalexpress.
Dankenswerter Weise hat mich mein Onkel darauf aufmerksam gemacht, dass es ein sogenanntes „Baden-Württemberg-Ticket“ gibt, da kann ich für 22,-- € inklusive Fahrrad nach Hause reisen, wenn auch nur in bestimmten Zügen. Dieser Tipp erspart mir entgegen des „normalen“ Fahrpreises über 30,--€.
Wie gesagt, ich besteige den Zug, darf sogar auswählen, ob ich meinen Drahtesel am ersten oder letzten Wagen einlade, ich bin hier offensichtlich der einzige Radler.
Das ist in Freiburg ganz anders: Hier muss ich umsteigen. Mit mir warten etwa 1 Dutzend Radfahrer und schon kommt der Zug – ein Wagen mit der Kapazität für etwa 5 Fahrräder steht für uns bereit. Aber Radler verstehen sich untereinander (meistens), es wird zusammengerückt bis es passt. Auf der Fahrt nach Offenburg erfahre (im wahrsten Sinne des Wortes) ich, dass eine durch einen Landessender organisierte Fahrradtour – Tour de Ländle – am Freitag in Bad Säckingen endete, Start war Heidelberg. Insgesamt zählte die Tour 22.000 Teilnehmer, einige davon waren in unserem Zug, was deutlich und riechbar an den Trikots erkennbar war.


Offenburg: Die Hölle auf Räder!!!

„Offenburg, hier Offenburg, der Zug endet hier. Reisende Richtung Karlsruhe bitte umsteigen. Sie haben Anschluss an den Regionalexpress nach Karlsruhe am Gleis 4.“

Am Gleis 4 kommt ein Zug aus Richtung Bodensee an. Hier befindet sich zwei Möglichkeiten, die Fahrräder mitzunehmen: vorne und am Ende des Zuges. Ich steige vorne
ein und befinde mich inmitten vieler anderer Radfahrer, welche ebenfalls von der besagten Tour auf der Rückreise sind. Zusammenrücken ist mal wieder angesagt. Da kommt der Schaffner und brüllt uns an, es seien zu viele Fahrräder im Raum, mindestens zwei müssen raus und hinten einsteigen. Ob den hinten mehr Platz ist getraue ich mich den Repräsentant der Deutschen Bahn zu fragen. „Das weiß ich nicht“, war die erschöpfende Antwort des anscheinend überforderten Zugbegleiters.
Ein junger Mann und ich schnappen unsere Räder und hetzen nach hinten, wir sollten uns beeilen, schreit der Uniformierte. Wir hetzen mit den Rädern Richtung Zugende und werden auf dem Bahnsteig von einem weiteren Eisenbahner angeblökt, dass das Radfahren auf dem Bahnsteig verboten sei…Natürlich herrscht hinten das gleiche Gedränge wie vorne, aber wir quetschen uns noch rein.
Klar, der Zug kommt aus Richtung Bodensee, die vorhin erwähnten Tourteilnehmer wollen nach Hause. Ich frage mich und das erlauchte Auditorium im Zug, ob es seitens der Bahn denn nicht möglich ist, auf so ein Ereignis zu reagieren und einen extra Wagen für Fahrräder an den Zug anzuhängen. Die Frage konnte allerdings nicht beantwortet werden.
Dieses Erlebnis mit dem ehemaligen Staatsbetrieb ist nicht zu toppen – oder doch?



Achern - Heilbronn mit der S-Bahn:

Das ist schnell erzählt. In Achern verlasse ich den Abenteuerexpress und fahre mit der S-Bahn nach Heilbronn. Es dauert bis Heilbronn zwar ein bisschen länger als geplant, aber in der S-Bahn ist es ruhig, mein Fahrrad stört niemand.




Heilbronn-Bad Friedrichshall, Erlebnistour mit der Deutschen Bahn, Teil 2:

Zeitgleich mit der Ankunft der S-Bahn verlässt der Anschlusszug den Heilbronner Hauptbahnhof. Nicht so tragisch, in 20 Minuten kommt der nächste. Und der kommt tatsächlich, und wie! Ich bin der festen Überzeugung, dass die Waggons die ältesten sind, welche in der ganzen Republik aufzutreiben sind.
Ich wuchte mein Rad in einen Wagen, bleibe mit den Packtaschen an einem Bügel hängen und reiße eine Abdeckung an den Fahrradgriffen weg. Der Zugbegleiter ist von meinen akrobatischen Verrenkungen sichtlich beeindruckt, hätte der den nicht…..? Auf der Fahrt nach Bad Friedrichshall repariere ich die Griffe und freuen mich auf das aussteigen. Der nette Zugbegleiter kommt vorbei und fragt mich, wo ich denn aussteigen will. Der wird doch nicht helfen wollen, ich wage gar nicht daran zu denken. Die Chancen stehen gut, er setzt sich in ein Abteil, nur wenige Schritte vor mir entfernt.
Ankunft Bad Friedrichshall. Ich wuchte die Tür auf und erkenne jetzt den Sinn des Spruches: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die selbige Tortur wie beim Einstieg. Nachdem ich zum zweiten Mal Bekanntschaft mit dem besagten Bügel mache erklimmen mein Fahrrad und ich den Bahnsteig. Nur eine Tür weiter steht der nette Zugbegleiter und fragt mich: „Geht´s?“


Schluss!

Noch 15 km und ich komme zu Hause an. Müde aber mit mir selbst zufrieden.
Ein Jahr nach meinem Herzinfarkt habe ich mir selbst bewiesen, dass es ein Danach gibt. Ich habe die Tour genossen, fühlte mich in keiner Phase überfordert, hatte keinerlei gesundheitliche Probleme. Klar, ich habe mich vor kurzem von meinem Arzt nochmals untersuchen lassen und ihm auch über meine Pläne berichtet. Er gab mir das o.k.
Wenn mein Bericht dazu beitragen kann, dass gesundheitlich auf die gleiche Art Geschädigte zum Radfahren animiert werden, dann ist der Sinn und Zweck meines Beitrages erfüllt. Lasst mich noch eines sagen: Es geht!


Jimmy, im August 2008


Dunkel ist der Rede Sinn, manchmal steckt auch keiner drin...

Geändert von Jimmy (07.08.08 14:25)
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#459024 - 07.08.08 14:57 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: Jimmy]
Roland83
Nicht registriert
Tolle Geschichte, Jimmy, außerdem wirklich sehr gut niedergeschrieben. bravo
Und, planst Du schon die nächste Tour?

Alles Gute!

Roland
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#459025 - 07.08.08 15:01 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: Jimmy]
szaffi
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 1344
Meine herzliche Gratulation !!

Ich habe Deinen Beitrag mit grossem Interesse gelesen, da ich ein ähnlicher Jahrgang bin wie Du und auch einen Job habe, der nicht gerade gesund ist.
Ich hoffe, das Radeln rechtzeitig "entdeckt" zu haben und fühle mich nachdem, was Du hier schreibst bestärkt.

Alles Gute noch und weiterhin viele Erfolgserlebisse auf 2 Rädern !
Gruss
Christian
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#459026 - 07.08.08 15:10 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: Jimmy]
Dipping
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 1237
Hallo Jimmy,
danke für Deinen anschaulichen Bericht, der sicherlich einigen Betroffenen Mut machen wird. Bahnerlebnisse wirst Du sicher noch mehr haben, auch erfreuliche (immerhin biste ja mitgenommen worden) Gruß, Ralph
Gruß, Ralph
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#459028 - 07.08.08 15:12 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: ]
Jimmy
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 216
Danke für das Kompliment. Ja, die nächste Tour ist in Planung, will mal Richtung Norden, habe da an Rotterdam gedacht...
Dunkel ist der Rede Sinn, manchmal steckt auch keiner drin...
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#459033 - 07.08.08 15:34 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: Jimmy]
Hanjok
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 136
Hallo Jimmy

Hast dich nicht unterkriegen lassen ist auch gut so.Machst auch anderen Mut sich nicht Hängen zu lassen.Das es nach ein Herzinfarkt weiter geht.
Wünsche dir alles Gute und Gesundheit
und auf dein Nächsten Bericht deiner neuen Tour.

Gruß Hanjok
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#459050 - 07.08.08 16:14 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: Hanjok]
worilo
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 12
Dein Bericht macht Mut. Ich bin auch 48 und habe vor einigen Wochen von meinem Arzt wegen einer akuten Herzerkrankung "Anstrengungsverbot" bekommen. Radreiseaktivitäten liegen daher zurzeit auf Eis. Gern wäre ich in diesem Jahr dort weitergefahren, wo ich letztes Jahr aufgehört habe: an der Dordogne. Das muss dann wohl bis zum nächsten Jahr warten.

Gruß
Wolfgang
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#459066 - 07.08.08 16:47 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: worilo]
jumasa
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 143
Das war mal ein richtig guter und spannender Bericht.
Alle Achtung vor deiner Leistung und auch dem Mut, das anzugehen.
Gruß
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#459271 - 08.08.08 14:21 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: Jimmy]
upanddown
Gewerblicher Teilnehmer
abwesend abwesend
Beiträge: 123
In Antwort auf: Jimmy
Baden-Württemberg von Nord nach Süd oder: 1 Jahr nach Herzinfarkt

Das Maisfeld ist von der Straße mittels eines mannshohen Zauns getrennt. Ich bin mir sicher, dass ich noch nie in meinem Leben ein so großes Maisfeld gesehen habe, aber nach 20 Minuten über Stock und Stein ist auch dieses Handicap überwunden, ich finde einen „Ausgang“

Bist du jetzt mitten durchs Maisfeld oder drum herum? Gab's da nicht mal einen Horrorfilm von Stephen King, wo das Böse im Maisfeld lauerte?

Ansonsten danke für deinen anschaulichen Bericht!

LG Herb
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#459276 - 08.08.08 14:35 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: Jimmy]
natash
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 5142
Hai Jimmi,
ein gut nachvollziehbarer Bericht und wenn Du das nächstemal in Blankenloch übernachtest, dann sag Bescheid, wir wohnen im Nachbarort...
LG Nat
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#459290 - 08.08.08 16:13 Re: Ba-Wü von Nord-Süd, 1 Jahr nach Herzinfarkt [Re: upanddown]
Jimmy
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 216
Drum herum, nicht mitten durch. Wegen dem oder des Bösen... zwinker
Dunkel ist der Rede Sinn, manchmal steckt auch keiner drin...
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