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#598486 - 03.03.10 21:49 Von Vancouver nach New York - anno 1999
2blattfahrer
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Beiträge: 3017
Dauer:1 Monat, 12 Tage
Zeitraum:11.8.1999 bis 21.9.1999
Entfernung:5400 Kilometer
Bereiste Länder:caKanada
usVereinigte Staaten von Amerika
Externe URL:http://radlfahrer.blogspot.de/1999/09/von-vancouver-nach-new-york.html

Umfang: 6 Wochen, 5400km, davon Flug und Urlaub in Chicago ca 7 Tage
Gebäck: ca 30kg
Übernachtung: Zelt
Pannen: eine, und einen neuen Mantel fürs Vorderrad unterwegs gekauft

mit dem Zelt (Tatonka Arctis) und den Satteltaschen verreise ich heute noch, auch eine bestimmte Regenjacke ist immer noch dabei, das Rad gibt es zwar nicht mehr, aber Schaltung und Umwerfer von damals sind an meinem Alltagsrad, also irgendwie begleitet mich diese Reise bis heute... schmunzel
Text ist von damals und die Bilder wurden mit einer Olympus XA gemacht, leider war das Filmmaterial und/oder die Entwicklung nicht herausragend, ich hatte mit der Kamera sonst oft wesentlich bessere Aufnahmen.

ich hab die Bilder mit 400pixel eingestellt, wer sich das ein oder andere Bild genauer ansehen will: ein klick darauf verbindet mit einer grösseren Version


Teil 1 (von 6)


11.08.1999, Tag der Sonnenfinsternis

Um 12.30 startet der Flieger mit mir und meinem Fahrrad in München. Zwischenstation London Heathrow, dann Weiterflug nach Vancouver, wo der Jumbo noch am selben Tag abends um 18.30 ankommt. Glücklicherweise kommt mein Rad "unverletzt" an, so daß ich schon eine halbe Stunde später mit bepacktem Drahtesel die 20km zur Jugendherberge zurücklege.

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12.08.1999, Über die Grenze in die Vereinigten Staaten

Auf Nebenstraßen nach Sumas, wo ich nach kurzer Überzeugungsarbeit eine Einreiseerlaubnis in die USA erhalte. Ich sage dem Grenzbeamten, ich will nach Chicago radeln, das klingt weniger unwahrscheinlich als New York. Nachdem ich am ersten Tag meiner Reise mein Zelt nicht irgendwo in der freien Wildbahn aufbauen wollte, suchte ich nach einem Zeltplatz. Man schickte mich prompt zu einem Campingplatz, der vor einigen Jahren schon geschlossen hatte. Es ist 7 Uhr abends und der nächste Zeltplatz 40km weg, 160km war ich schon geradelt und wollte es eigentlich am ersten Tag gemütlich angehen. Der Zeltplatz war dann ein Luxus-Platz mit Luxuspreisen, aber was soll's, erster Tag und neu im Land.

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13.08.1999, Erste Bergstrecke

Im Tal des Flusses Skagit geht es langsam aber stetig bergauf. Die Bergpässe, die ich zu überwinden hatte, haben Steigungen von rund 5%; um 1000 Höhenmeter zu gewinnen muß man mancherorts 40km lang flache Steigungen hinauftreten. Da mein Fahrrad mit dem vielen Gepäck (großes Zelt, Benzinkocher, Schlafsack, Proviant, Wasser, ...) sowieso eher einem Lastwagen/esel glich, war ich recht dankbar für die sanften Steigungen. Und die Abfahrten sind umso schöner, da man kaum bremsen muß und lange das Vergnügen hat.




14.08.1999, Doppelpaß I

Der erste Paß machte seinem Namen alle Ehre: Rainy-Paß, rund 4800ft über dem Meeresspiegel. Es soll dort recht schön sein, ich hatte leider Nebel und Regen. Nicht umsonst heißt Washington auch der "Evergreen State". Der zweite Paß, Washington-Paß, gleich danach 5400ft. Eine alte Western-Touristen-Stadt gibt es in Winthrop zu besichtigen. Ich sah zu, daß ich noch ein paar Kilometer von dem Trubel wegkam.

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15.08.1999, Doppelpaß II

Zwei weitere Pässe zu je rund 1000 Höhenmetern an einem Tag. Am Nachmittag machte ich Pause in einem Cafe / Tankstelle / Tante Emma Laden. Neblig und kühl war es draußen; ich trank ein dünnes braunes Wasser, in dem man anscheinend eine Kaffeebohne an einem Bindfaden befestigt für ein paar Sekunden hatte schwimmen lassen. Country Musik krächzte aus dem Radio und eine koreanische Frau polierte die ganze Zeit Besteck. Nach einer halben Stunde betrat ein Kunde den Laden und kaufte Köderfischchen, die in einem Wasserbecken schwammen. Cowboystiefel und -hut, in seinem Jeep sah ich ein Gewehr. Von dem Augenblick an war mir klar, ich bin im Wilden Westen. Soviele John-Wayne-Filme, Karl-May-Romane und Marlboro-Werbespots, ich bin da und mitten drin. Am Abend wieder Regen. Es ist sehr ärgerlich ein vom Vortag nasses Zelt im Regen aufzubauen.

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16.08.1999, Radler gesichtet

Das Land ist dünn besiedelt. Man sieht bisweilen abenteuerliche Wohnstätten, zusammengewürfelt aus Wellblech einem alten Wohnwagen und ein dutzend schrottreifer Autos herum, die der Besitzer der Behausung offensichtlich ausschlachtet. Stacheldrahtzäune, Satellitenschüssel, Blechtonnen, ein Pony und ein alter gelber Schulbus ohne Fensterscheiben. Ein kläffender Hund gehört in jedem Fall dazu. Um seinem Brotherrn seine Nützlichkeit und Aufmerksamkeit zu beweisen bellt er wie verrückt und nimmt, wenn nicht angekettet, was er meistens jedoch ist, die Verfolgung des Radfahrers auf. Auf dem schweren Rad ist man so gut wie hilflos. Nicht allzuweit entfernt hat sich jemand eine weiße Villa mit griechischen Säulen in die Landschaft gepflanzt. Swimmingpool, ein 15 Meter langes Wohnmobil, das aussieht wie ein Raumschiff, gepflegter Kiesweg zur Doppel-und Dreifachgarage; Garagentor in weiß, mit Kassetten, öffnet sich ferngesteuert. Ich weiß, wie schwarz-weiß das klingt, aber so war es. Ein älteres Ehepaar aus Princeton, New Jersey, kam mir heute auf der Straße mit Fahrrädern entgegen. Sie waren vor gut zwei Monaten im Osten gestartet. Das machte mir Mut. Sie waren Motel-Radler, ohne Zelt unterwegs.

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17.08.1999, Pend Oreille River

Am Pend Oreille River entlang von Ione nach Sandpoint. Sonne, blaues Wasser, Berge, wenig Autos, ein schöner Tag. Abends teilte ich mir mit zwei Radlern aus Vancouver einen Zeltplatz in der Nähe von Sandpoint. Dort staut sich der Fluß zu einem großen See. Ob Wasserski, Fischen, Surfen oder Segeln, der See hat genug Platz für alle. Ein wenig schwimmen, das verschwitzte T-Shirt wechseln und ich war wie neugeboren.


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#598498 - 03.03.10 22:10 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
2blattfahrer
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Teil 2 (von 6)

18.08.1999, Troja

Troy, also zu deutsch Troja, war mein heutiges Ziel. Die Öffnungszeiten von Supermärkten sind in Amerika bisweilen phänomenal. So hatte Troy, ein Dorf von rund 500 Einwohnern, einen großen Supermarkt, der von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts geöffnet hatte. In anderen Städten, die nur wenig größer waren fand ich auch welche, die 24h offen waren. Es war mir unmittelbar einsichtig, daß so ein Service notwendig ist, um 3 Uhr morgens kauft es sich nun mal am besten ein. An dem Tag hatte ich auch meine einzige Fahrradpanne auf der ganzen Reise: Der Schlauch meines Hinterreifens, bereits mehrmals geflickt und 3 Jahre alt, gab unter dem großen Gewicht des Fahrrades einfach den Geist auf. Das Ventil wurde undicht und in wenigen Sekunden war der Hinterreifen platt.

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19.08.1999, Eureka

Regen, wie so oft. Am Lake Koocanusa entlang nach Eureka. Mittags klart es etwas auf und ich kann mein Zelt zum Trocknen auslegen. Die modernen Zeltmaterialien sind herrlich, nach 20 min ist alles trocken. Täglich das gleiche Procedere am Morgen, um 6 Uhr aufstehen, meine Siebensachen in die Radtaschen zusammenpacken, Zelt abbauen, aufpacken, um 6.45 Uhr sitze ich auf dem Rad. Nach 20-30 km halte ich Ausschau nach einer Tankstelle, um einen Kaffee zu trinken.

20.08.1999, Glacier National Park

Um 11 Uhr morgens, ich strample gedankenverloren auf der kleinen Straße vor mich hin, sehe ich zwei Frauen am Straßenrand in Fahrradkleidung winken. Ich stoppe. Die beiden Frauen erzählen mir, sie seien mit einer größeren Gruppe von Radfahrern unterwegs und genehmigten sich gerade ein zweites Frühstück. Die Gruppe verfügte über einen Begleitbus und der "Organisator" hatte ein Buffet neben dem Bus aufgebaut. Auf 4 Metern Tischlänge waren Kartoffelsalat, Nudelsalat, Chips, Brot, Kuchen, Orangensaft und vieles mehr aufgebaut. Die Frauen sagten, sie hätten viel zu viel und luden mich ein, zuzugreifen. Ich schlug die Einladung nicht aus. Da ich nach meinem Woher, Wohin, Wieweit täglich, Wieviele Pannen usw. befragt wurde, hatte ich kaum Zeit, mich in einigermaßen gesitteter Weise am Buffet systematisch von links nach rechts "durchzuarbeiten". Abends zeltete ich im Glacier National Park so nah wie möglich am Logan Pass. Meinen Proviant verstaute ich übernacht in Eisenkisten, damit er vor dem Zugriff von Bären geschützt war. 5 weitere Fahrradfahrer traf ich auf dem Zeltplatz. Schwimmen in der Gumpe eines nahegelegenen Gebirgsbaches ersetzte die fehlende Dusche. Die letzte Nacht in den Rocky Mountains.



21.08.1999, Going-to-the-Sun Road

Ich sah in der Tat am frühen Morgen die Sonne, als ich mit meinem Drahtesel den Paß hinaufradelte, doch schon bald holte mich der Regen wieder ein. Der Logan - Paß liegt auf der amerikanischen Wasserscheide, alle Flüße, die westlich davon entspringen, fließen zum Pazifik, alle Quellen östlich des Passes ergießen ihr Wasser in den Atlantik. Eine Abfahrt im Regen. Nach der Überquerung von drei Bergrücken, den letzten Ausläufern der Rocky Mountains, war der Blick frei auf die Great Plains, die großen Ebenen des Mittelwestens. Ein heftiger Rückenwind und die sanft abfallende Straße machten die 80 km von Kiowa nach Cut Bank zu einem wahren Vergnügen. In 2 1/4 h mit Geschwindigkeiten von bis zu 63 km/h auf einer Schlaglochpiste, aber wer will schon bremsen, wenn man geschoben wird?

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22.08.1999, Weizen, Weizen, Weizen

... soweit das Auge reicht. Schnurgerade Straße auf mehr als 20 km. Parallel laufen die Eisenbahn, die Straße und die Telephonmasten. Parallele Geraden schneiden sich im Unendlichen, dort kann man es in Augenschein nehmen. Am Abend in Hingham übernachtet, ein Dorf mit rund 200 Einwohnern, das ich hier stellvertretend für viele Dörfer des Mittelwestens etwas näher beschreiben will: Eingeklemmt zwischen der Eisenbahn und der beschaulichen Landstraße "Highway 2", die Dorfstraßen ungeteert. Im Zentrum des Dorfes ist ein Wasserturm und der City Park, eine quadratische Grünflache mit 100m Seitenlänge. An einem Ende des Dorfes befinden sich große Silotürme, wo das Getreide der Umgebung mit LKWs angeliefert wird und bis zu seinem Weitertransport mit der Bahn lagert. Am anderen Ende, neben der Landstraße, befindet sich eine Tankstelle und eine Bar mit angeschlossenem Laden. Im City Park gibt es einige Picknick - Tische und eine öffentliche Toilette. Am Abend fahren 4 Jugendliche in einem alten Strassenkreuzer die Straßen auf und ab, verschwinden bisweilen Richtung Landstraße, drehen aber nach spätestens 15 Minuten wieder eine Runde um den City Park. Stundenlang. In den City Parks kann man im allgemeinen kostenlos sein Zelt aufschlagen; es ist jedoch keine schlechte Idee, im Dorf vorher nachzufragen. So bekam ich beispielsweise in Hingham den wertvollen Tip, daß die Sprenkleranlage des Parks zwei Kreisläufe hat und heute abend der westliche mit dem Spritzen dran ist.

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23.08.1999, Mitten in Harlem

Den ganzen Tag starken Gegenwind. Hier in den weiten Ebenen gibt es keine Hügel oder Wälder, die einen solchen Ostwind aufhalten könnten. Mit einem mittleren Gang gegen den Wind auf ebener Strecke anzufahren macht wenig Spaß. Da ich immer nach Osten fahre, bekomme ich auch nur auf meiner rechten Körperhälfte einen Sonnenbrand. In Harlem, Montana, sperrt am Abend der Sheriff für mich die Dusche des Swimming Pools auf. Eiskalt, aber dennoch schön. Sehr dankbar bin ich für mein feinmaschiges Mosquitonetz am Zelt. Eine wahre Stechmückenplage setzte heute ein.

24.08.1999, Glasgow

Meine Zeltplatznachbarn waren an diesem Abend ein Indianer und eine Architektin aus San Francisco, die zusammen ein Fest seines Stammes besucht hatten. Mit ihm trank ich mein erstes Bier in Amerika: Budweiser. Ich lobte es, lehnte jedoch ein zweites mit dem Hinweis auf meine Sportlernatur ab. "Interesting", "different", das waren so in etwa meine Worte, denn was soll man als Augustiner-verwöhnter Bayer schon viel sagen. Der Rotwein, den seine Reisegefährtin trank, sagte mir besser zu.
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#598519 - 03.03.10 22:43 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
2blattfahrer
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Teil 3 (von 6)


25.08.1999, Im Indianerreservat

Ich werde hier nichts weiter über die Ungerechtigkeiten des Weißen Mannes erzählen, die er seinem Roten Bruder zugefügt hat. Im Fort Peck Damm, der 1940 fertiggestellt wurde, verbaute man 96 Millionen Kubikmeter (das ist ein Quadratkilometer, der 96m hoch aufgefüllt ist) Füllmaterial. Der Damm ist 6.5km lang und 76m hoch. Um 9 Uhr abends kam im City Park von Culbertson eine Fahrradfahrerin an. Kari aus Olympia, Washington, die in etwa die gleiche Strecke wie ich gefahren war, nachdem sie am 1.8. am Pazifik gestartet war. Mit ihr verbrachte ich die nächsten 5 Tage.

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26.08.1999, Baden im Missouri

Eine für den Fahrradfahrer sehr angenehme Sache sind die Waschsalons. Für rund 2.50$ hat man innerhalb von 90 min frische Wäsche. Am Abend im Missouri gebadet, herrlich nach einem heißen Tag. Wir zelteten in der Nähe eines Gasthofes, Lund's Marina, der Apple Pie im Angebot hatte.



27.08.1999, In den Badlands (Gegenwind I)

Die nächsten 6 Tage gab es Gegenwind. Kein Lüftchen, sondern ein ausgewachsener Wind. Die Landschaft rund um den Missouri ist unfruchtbar und erlaubt höchstens extensive Weidewirtschaft. Ein Zufall, daß man es den Indianern für ein Reservat überlassen hat? Zwischen Williston und New Town sind es rund 100km ohne Einkaufsmöglichkeiten, die meisten der wenigen Häuser, die zu sehen sind, sind verlassen.

28.08.1999, Turtle Lake (Gegenwind II)

Wind, Wind, himmlisches Kind. Von morgens bis abends stetig, aber heftig, aus Ost. Dazu noch ein kleiner Wirbelwind, eine Windhose und Regen satt. In Montana waren oft Heuschreckenplagen biblischen Ausmasses auf den Strassen zu sehen, auf dem Weg von Feld zu Feld. Hier in North Dakota sind tausende Frösche unterwegs, die unbedingt die Strasse queren müssen.



29.08.1999, Im Herzen von North Dakota (Gegenwind III)

Im Herzen von North Dakota, "the heart of North Dakota", so wirbt McClusky für sich. Und es liegt tatsächlich in der Mitte des Staates. Man verbinde die 4 Ecken des rechteckigen North Dakota mit Diagonalen, dann liegt im Schnittpunkt McClusky. Regen und Gegensturm den ganzen Morgen und keine Aussicht auf Besserung ließ uns mittags in eine Kneipe abbiegen und, nachdem wir einige Zeit verzweifelt durchs Fenster auf die Strasse geschaut hatten, im Motel daneben nach einem Zimmer fragen.

30.08.1999, Ein grandioses Abendessen (Gegenwind IV)

Trotz Gegenwind, doch ohne Regen schafften wir heute mehr als 200km. Eine Familie mit norwegischen Ahnen feierte am Abend ein Fest im City Park von Culbertson und lud zum Mitfeiern/essen ein. Nach zahlreichen Tellern Nudel-/Kartoffel-/Gurkensalat, Grillfleisch und Würsten, Chips etc., gab es Kaffee und Kuchen. 10 Schnitten davon fanden Platz in meinem Magen. Eine Dusche danach im City Park, eine Seltenheit und ich schlief wie ein Ratz. Seltsamerweise ohne Magenbeschwerden.

31.08.1999, Fargo (Gegenwind V)

Kari bog heute nach Norden ab, um in einem Bogen auf ihr Ziel St Paul zuzufahren. Ich wollte nach Fargo. Der Wind drehte folgerichtig nach Süden, wo ich hinwollte. Mit 15km/h unter größter Anstrengung vorwärtsgestrampelt. Fargo ist riesengroß, schachbrettartig angelegt und hat eigentlich keine Attraktionen. Doch wer den Film gesehen hat, der sollte, wenn er mal in der Nähe ist vorbeischauen. Mein abendlicher Ausflug vom Zeltplatz in die Stadt endete in einem Drive-In McDonalds auf der Hauptstrasse, die sich von den anderen Strassen in Fargo nur durch ihre niedrigste Nummer auszeichnet. Dort gab es einen Milchshake und ich konnte lesen und das Treiben im Zentrum von Fargo beobachten. Grandios.

Geändert von 2blattfahrer (03.03.10 22:44)
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#598529 - 03.03.10 23:01 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
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Teil 4 (von 6)

01.09.1999, Minnesota (Gegenwind VI)

Nieselregen und weiterhin Gegenwind. Stimmung recht gedrückt. Ich fuhr auf einer autobahnähnlichen Strasse auf dem Randstreifen nach Südost. Es gibt Tage in Amerika, wo einfach nichts zu sehen ist. Ach ja Charles Lindbergh, der 1927 solo nonstop den Atlantik mit seinem Flugzeug überquert hat, lebte lange Zeit in Little Falls und das ist gleich um die Ecke.

02.09.1999, Mücken

Mücken. Man darf die m.i.v. - mean insect velocity, die ungefähr 12km/h beträgt, zu keinem Zeitpunkt unterschreiten, denn sonst ist man tot. Drückend schwül das Wetter hier und heute. Montana war bedeutend trockener. Das ist auch schon der einzige Unterschied, so kam es mir manchmal vor. Nein hier in Minnesota wird vor allem Mais angepflanzt und Milchwirtschaft betrieben. Es sieht aus wie in Niederbayern. Hier hat man nicht mehr das Bild des Cowboys im Kopf, der über endlose, trockene Ebenen dem Sonnenuntergang zureitet, nicht mehr das Bild von 4 Mähdreschern, die etwas versetzt nebeneinander ein Feld mähen. In Minnesota beginnt "Europa". Naja, vielleicht gibt es da ein paar Unterschiede.



03.09.1999, In der Mitte von Nirgendwo

Am Abend zeltete ich in Cloney, ein rund 17 Einwohner zählendes Dorf in Wisconsin. Hinter einer Bar. Am Abend war ich dort der einzige Gast. Ich kaufte dem Ehepaar, das den Laden betreibt, ein paar Bier und eine Tiefkühlpizza ab, die sie in einen kleinem Ofen hinter dem Tresen buken. Wir sprachen über Amerika, Gott und die Welt. Das Zelt war mal wieder naß und irgendwann kam ein zweiter Gast um sich ein paar Zigaretten zu kaufen. Das wars. These are the days ...



04.09.1999, Zeltplatz voll

Heute in Eau Claire, das Bild daneben zeigt, wie es dort aussieht. Ich kenne viele Leute, die früher mal dort wohnten, mir wurde klar, warum sie alle weg wollten. Heute war ein Feiertag, das Ende des Sommers gewissermaßen. Halb Amerika ist beim Zelten übers Wochenende. Der Zeltplatz, denn ich abends ansteuerte war übervoll, so stands auch schon am Eingang. Doch die Dame am Eingang zum State Park sagte gleich, da du ein Fahrradfahrer bist, kannst du bleiben und musst auch nichts zahlen.



05.09.1999, Gastfreundliches Amerika

Auch heute kaum ein Platz frei im Emily Lake State Park. Beim durchmustern der Reihen fuhr ich an einer Familie vorbei, die ich nach einem freien Plätzchen die Strasse runter fragte. 50m entfernt war etwas frei. Ich baute dort mein Zelt auf, als nach etwa 15min der Familienvater mit seinem großen Jeep vorbeikam, um mir zu sagen, das ich zum Essen eingeladen bin. Bis er auf der Straße mit seinem großen Wagen umgedreht hatte, war ich bereits an ihrem Zeltplatz zu Fuß angekommen. Seine Tochter war mit dabei, die mir später stolz rund 500 Photos von einer Autorennarena zeigte, wo sie letztes Wochenende mit ihrem Freund war. Eintritt 200$, Anfahrt mit dem Auto 15h, ca 150000 Zuschauer. Die Photos waren auf den ersten Blick alle gleich, ein Riesenkessel voller Menschen und, mit einer Lupe kaum zu erkennen, die Momentaufnahme von ein paar Motorboliden. Es gab Hamburger, sie hatten 6 Buletten mit dabei, 3 davon landeten, nach höflichem, aber anscheinend nicht überzeugendem, "nein, das braucht's doch wirklich nicht, haben Sie denn gar keinen Hunger" usw., in meinem Magen. Der Zeltplatz war mückenfrei, das Zelt sogar am Morgen trocken und die Duschen warm. Ich wusste schon gar nicht mehr, daß Radfahren Spaß machen kann. Ach ja, einen ALDI habe ich heute auch entdeckt, doch Sonntag ist er geschlossen, wie in good old Germany.



06.09.1999, Tom aus Manitowoc

In Manitowoc angekommen suchte ich die Touristeninformation auf, ja, die gibt es dort, und suchte nach einer Bleibe für mein Fahrrad, denn ich wollte mit dem Bus einen Abstecher nach Chicago machen. Tom der freundliche Mensch vom visitor center half mir aus der Patsche und das Fahrrad wurde im Keller verstaut.

07.09.1999, Chicago I

Einige Tage Erholung vom Radeln und die Möglichkeit deutsche Zeitungen in der Bibliothek zu lesen. Heute kann man die Süddeutsche Zeitung freilich überall auf der Welt im Internet lesen, außer vielleicht auf dem Radl.

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#598531 - 03.03.10 23:09 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
2blattfahrer
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Teil 5 (von 6)

08.09.1999, Chicago II

Es gibt in Chicago natürlich mehr, als nur Kühe. Doch bekannt ist es ja auch für seine Schlachthöfe. Berühmt sind seine Museen, die Hochhäuser, eines der höchsten Gebäude der Welt, die Musik, das erste McDonalds Restaurant und Al Capone und seine Freunde.

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09.09.1999, Chicago III

Chicago war die Geburtsstätte der modernen Wolkenkratzer im späten 19. Jahrhundert. Zu Chicagos bekannten Architekten zählen Daniel H. Burnham, Louis Sullivan, William Le Baron Jenney, Frank Lloyd Wright und Ludwig Mies van der Rohe. Kulturelle Sehenswürdigkeiten sind unter anderem das Art Institute of Chicago, das Chicago Cultural Center, das Field Museum of Natural History, das Adler Planetarium, das Shedd Aquarium und das Museum of Science and Industry, um nur einige zu nennen.

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10.09.1999, Chicago IV

This is not a BSE cow, this cow is Irish.



11.09.1999, Fähre über den Lake Michigan

Am frühen morgen mit dem Bus aus Chicago zurück nach Manitowoc. Die Fähre SS.Badger ist die einzige Schiffsverbindung über den Lake Michigan. Der See ist so groß, daß man die Ufer von der Mitte aus nicht mehr sehen kann. Rund 100km ist er dort "breit". Inzwischen wird es schon erheblich früher dunkel, so daß ich mein Zelt oft im Dunkeln aufbaue.



12.09.1999, Walhalla, Nirvana, Paris, Remus

an den Ortsnamen sieht man den Einfluß der Alten Welt. Mich wundert es nur, wer die Ortsnamen vergeben hat, denn die Ortschaften, die sich hinter den Namen verbergen haben oft kaum 200 Einwohner. Ein Ortsschild "Nirvana" gibt es übrigens nicht, wahrscheinlich das Opfer von Souvenierjägern. Ach ja, hier an dieser Stelle mein Dank an British Airways. Auf der Decke, die ich von ihnen während Fluges erhielt schlief ich jeden Tag weich und warm.

13.09.1999, Ithaca, doch immer noch nicht daheim

... anders als mein Vorbild Odysseus. Doch auch ich wollte jetzt heim. Das Wetter wurde merklich kühler und die Tage kürzer. Die Leute, die ich abends auf den Zeltplätzen traf immer deprimierender, der Verkehr immer dichter und mein Ziel New York hatte ich auch schon im Kopf.

14.09.1999, Zurück nach Canada

Über die Brücke Port Huron - Sarnia gab es einen shuttle service für Radfahrer. Eine Anmerkung zum Thema Sicherheit: wenn man allein reist gibt es zwei Möglichkeiten im Supermarkt einzukaufen, entweder man montiert alle Satteltaschen ab und füllt damit zwei Einkaufswagen und braucht danach wieder eine Viertelstunde bis alles am rechten Fleck sitzt, oder man läßt das Fahrrad draußen stehen und nimmt nur sein Geld mit. Ich habe mich immer für letzteres entschieden, es ist nichts passiert und ich hatte eine angenehme Zeit. Was das Zelten betrifft, so machte ich außer mit Stechmücken keine unangenehmen Bekanntschaften. Ich will damit nicht sagen, daß Amerika ein Muster an Sicherheit wäre, aber wenn man die Augen und Ohren etwas offen hält, dann kann man auch alleine zurechtkommen.




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#598534 - 03.03.10 23:11 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
2blattfahrer
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Teil 6 (von 6)

15.09.1999, Die Schwalbe flog über den Eriesee

..."Wer ist John Maynard?" schmunzel

16.09.1999, Buffalo

Wieder zurück in den USA. Jetzt bin ich bereits im Bundesstaat New York. Am Abend habe ich etwas Pech. Darien State Park, der Platz, den ich mir zum Zelten ausgesucht habe, liegt unter einer Regenwolke. 2km weiter nördlich scheint die Sonne gleisnerisch herab.

17.09.1999, Der tägliche Wahnsinn

ein ewiges Auf und Ab hier im Osten der USA. Da werden die 200km Tagesetappe zur Strapaze. Am Morgen muß ich inzwischen mit Handschuhen und Mütze fahren. Ich stand jeden Tag vor 6 Uhr auf, denn wenn Eos, die rosenfingrige, safrangewandete, die Göttin der Morgenröte herabblinzelt und ihre Tränen auf das Gras fallen, so ist das bestimmt die herrlichste Zeit. Rechts schon wieder ein Ithaca, diesmal im Bundesstaat New York.

18.09.1999, Es wird kalt

Heute musste ich im stockdunklen Wald mein Zelt aufbauen und die Batterien meiner Taschenlampe waren leer. Ich führte ein kleines Solarladegerät mit für solche Zwecke, doch das war freilich in so einer Situation auch nur von beschränktem Nutzen.

19.09.1999, Auf und Ab

warum kann man Strassen nicht neben einem Fluß entlangführen? Nein man hat sich eingebildet, die Landstrasse muß alle paar Kilometer das steile Ufer rauf, rund 200 Höhenmeter und dann wieder runter und das 5 mal, ganz zu schweigen von den vielen Hügeln hier in der Gegend.

20.09.1999, Radfahren in New York

Nach einer fast schlaflosen Nacht machte ich mich um 5 Uhr morgens auf die Socken. 115km waren es bis zur Stadtgrenze von New York, bis zur George Washington Bridge. Dann ist man auf der Halbinsel von Manhattan. Rechts abbiegen, den Broadway runter, sich nicht von roten Ampeln und hupenden Autos irritieren lassen, eine kleine Runde im Central Park. Über den Times Square zum World Trade Center an der Wall Street vorbei, die falsche Auffahrt der Brooklyn Bridge erwischt (also nicht den Fußgängerbereich, sondern die 3 spurige Autobahn ohne Seitenstreifen), in Brooklyn etwas falsch abgebogen, worauf ich mit großer Geschwindigkeit die nicht sehr einladende Gegend verließ. Nach einigen weiteren kleineren Abenteuern, inklusive einem Sicherheitsbeauftragten, der mein Fahrrad unter keinen Umständen im shuttle bus zum Flughafen mitnehmen wollte, obwohl ein Schild darauf hinwies "Fahrradfahrer nehmen den shuttle bus", wobei man bis zu dem Schild nur unter Mißachtung sämtlicher Verkehrsregeln und guter Sitten als Fahrradfahrer gelangen kann, inklusive Geisterfahren auf dem Grünstreifen einer Autobahn, erreichte ich JFK - Airport. 2 Stunden später war ich bereits in der Luft.

21.09.1999, München

In München angekommen montierte ich mein Fahrrad am Flughafen zusammen und radelte heim.

"... angenommen München wäre Manhattan, so bin ich aus Memphis ..."
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#598586 - 04.03.10 08:42 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
wanz
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Beiträge: 1089
moin lach
SUPER
es dankt
wanz
Lieber Heidenspass statt Höllenqual
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#598622 - 04.03.10 10:35 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
tortaldo
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 82
Großartige Radreise!
Schöne Bilder!
Herzliche Grüße von der Adria,

Aldo
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#600614 - 09.03.10 20:46 Re: Von Vancouver nach New York - anno 1999 [Re: 2blattfahrer]
Dietmar
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 6063
Hallo Andi,

gut gemacht! Die Fotos sind ok, in erster Linie eine gute Illustration. Besonders hat mir aber der Text gefallen: flüssig, anschaulich, gute Sprache!

So eine Tour steht bei uns auch auf der Wunschliste, aber Kategorie: langfristige Perspektive schmunzel .

Besten Dank
Dietmar
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