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#917611 - 09.03.13 20:52 Schluchten, Brücken und ein Gigant. France sud-est
Holger
Mitglied
Themenersteller
anwesend und zufrieden anwesend
Beiträge: 13986
Dauer:25 Tage
Zeitraum:15.6.2012 bis 9.7.2012
Entfernung:2012 Kilometer
Bereiste Länder:frFrankreich
chSchweiz
Externe URL:http://www.montivagus.de/to1206.html

Kurzer technischer Hinweis vorab: Ein Klick auf jedes Bild einer Bilderstrecke führt Euch zu einem Album mit den Bildern dieser Bilderstrecke.

So, drei Wochen hatte ich Urlaub, die müssen genutzt werden. Mein Ziel: Das Zentralmassiv. Vom Norden mit den Vulkanen bis zu den Cevennen im Süden. Natürlich habe ich vorher das Forumsschwarmhirn befragt. Und eine Innovation wollte ich wagen: Ich wollte ohne Papierkarten reisen. Das muss doch auch gehen. Nur das GPS und die App vom IGN auf dem iPad – Frankreich in allen Maßstäben.

Das erste, was fiel, war das Ziel. Die Wettervorhersage für das nördliche Zentralmassiv war, hm, mittelgut. Regelmäßig durchziehende Tiefausläufer, nein, das wollte ich als bekennender Schönwetterradler dann doch nicht. Also nur in den Süden, Cevennen und vielleicht etwas Provence. Dann mal los. Wie schon öfter war Genf der Start, von dort ging es direkt nach Süden. Heiß war vom ersten Tag an, der Rückenwind schob mich zwar am Lac du Bourget entlang, raubte mir aber noch die letzte Erfrischung. Der Flüssigkeitsverbrauch stieg ins unermessliche. In Chambéry besuchte ich die „Vier ohne Arsch“; am nächsten Tag musste ich mir beweisen, einen solchen in der Hose zu haben: Der erste Berg. Von Grenoble hinauf ins Vercors. 800 Höhenmeter! Als kleines Dankeschön sah ich am Abend im Fernsehraum des Campingplatzes, wie sich Holland aus der EM verabschiedete. Am nächsten Tag fuhr ich durch das Vercors, ein Zentrum des Widerstands gegen die deutschen Besatzer während des zweiten Weltkriegs – viele Gedenkstätten zeugen von Zeiten, in denen sich Deutsche und Franzosen anders begegneten als heute. Ich bin froh, durch ein freundliches Land radeln zu können, das sogar so freundlich war, mich fast 20 Kilometer vom Vercors hinunter ins Drôme-Tal rollen zu lassen. Eine kleine Tippfehlerrunde durch das Département Drôme folgte, ich überquerte den Roubion und fuhr durch Bourdeaux, übernachtete dann im Gewerbegebiet von Montélimar … und der zweite Teil der Tour begann, endlich westlich der Rhône. Ach ja, das Experiment „papierlos“ war recht schnell gescheitert, bald hatte ich die passenden Michelin-Karten gekauft. Gewohnheiten ändert man nicht auf Knopfdruck.



Über die Rhône fuhr ich bei Pont St. Ésprit. Und dann kam die Ardèche. Genaugenommen lag sie recht bald deutlich weiter unten. Ich fuhr die Panoramastraße, schön gestaltet mit einheitlich designten Ausblicks- und Info-Parkplätzen. Obwohl es nicht wirklich viele Höhenmeter waren – bei der Hitze quälte ich mich schon. Eine Hotelübernachtung mit dem besten Essen der Tour später und ich war in den Cevennen. Auf den Spuren – na ja, fast – von Louis Stevensons Esel bezwang ich die Corniche des Cévennes, begleitet von Cavendish und Trompetenmusik. Abends am Campingplatz Pastis, Dönerteller, Rosé, Deutschland – Griechenland 4:2 und am nächsten Tag eine fiese Steigung von Florac auf den Causse Méjean. Fast menschenleer, kaum Autos, dafür Schafe und seltsame, offensichtlich allochthone Tiere. Und ein Sturzflug in die Gorges de la Jonte. Dort echtes Schlucht-Feeling – Felsen, Felsen, Felsen, mit bizarren Formen und Namen: Der Bogen des Schäfers, die chinesische Vase, die Vasen von Sevres. Weiter zur Riesenbrücke, höher als der Eiffelturm ist der zweite Pfeiler des Viadukts von Millau. Leider eine Autobahnbrücke, mir bleibt nur der staunende Blick von unten und der Besuch des Infozentrums. Das war am Ruhetag, so konnte ich erholt auf das nächste Kalkplateau fahren, den Causse Noir – der allerdings eher grün als schwarz war. Und wieder runter in die nächste Schlucht, die Gorges de la Dourbie und wieder rauf auf das nächste Kalkplateau, den Causse du Larzac. Immer dasselbe, was folgt wohl? Wieder runter, diesmal in den Cirque de Navacelles. Großartiger Talkessel, tolle Aussicht auf beiden Seiten, aber dummerweise keine Brücke.



Und nun verließ ich die Causses fürs Erste, keine kargen Ebenen und tiefe Schluchten mehr, sondern grüne Berge. Ziemlich grüne Berge, ich schloss messerscharf, mit dem Sonnenschein Glück zu haben. Es regnete wohl öfter hier. Oben auf dem Mont Aigoual gab es eine Wetterstation mit meteorologischer Ausstellung, und tatsächlich, Regen war nicht selten – ein paar Wetterrekorde: größte Sichtweite 300 km, höchste Windgeschwindigkeit 335 km/h, höchste jemals gemessen Neuschneemenge in einem Jahr 10,24 m, 116 Tage schneebedeckt, 241 Tage im Nebel, 265 Tage mit starkem Wind, 170 Regentage, 144 Frosttage. Bei mir waren es knapp 20 Grad im ziemlich windstillen Sonnenschein, also ein eher außergewöhnlicher Tag. Der nächste Berg war der höchste der Cevennen, der Mont Lozère, sanft gewölbt, Granitgestein. Am Abend war ich dann in Mende, mal wieder eine „Stadt“, knapp über 12.000 Einwohnern und die Hauptstadt des Départements Lozère, dem mit 15 EW/km² am dünnsten besiedelten Frankreichs. Wichtig war aber eher: EM-Halbfinale, Deutschland – Italien. Okay, vergessen wir’s. Lieber weiter radfahren. Nächste Ebene, Causse de Sauveterre (fieser Gegenwind) – nächste Schlucht, Gorges du Tarn (bizarre, exzentrische, kuriose, schrullige, verrückte Felsen; Paddler auf dem Bach) – nächste Stadt, Millau, schon bekannt – nächste Ebene, Causse du Larzac (fieser Verkehr). Dann raus aus den Cevennen, hinunter ans Meer. Ich legte einen wetter- und formbedingten Ruhetag ein, den ich in Béziers vergammelte.



Das war es auch erstmal mit Bergen. Die nächsten Tage blieben flach und am Meer, also, nicht die Tage, die Strecke blieb flach und ich am Meer. Canal du Midi, Agde, Sète, Palavas, La Grande Motte – die größten Steigungen waren Brücken. Dafür wartete La Grande Motte mit dem teuersten Campingplatz der Tour auf, war aber ansonsten nicht mal so schrecklich, wie man es vielleicht erwartet. Auch am nächsten Tag gab es keinen Berg. In Aigues Mortes suchte ich hektisch und drängend eine öffentliche Toilette, fand sie gerade noch rechtzeitig. In der Camargue sah ich alle berühmten Camargue-Tiere, Pferde, Stiere und die Flamingos. Und ich schaffte das einzige nicht asphaltierte Stück der Tour, den (die?) Digue à la mer, ein ziemlich sandiger Weg zwischen Étang de Vaccarès und Meer. Genaugenommen schaffte ich es nicht ganz, ein paar Meter musste ich schieben. Auch der nächste Tag, von Arles nach Aix, war flach. Erst zu zwei Van-Gogh-Motiven in Arles, dann durch die Crau mit leichtem Rückenwind bei horrender Hitze nach Salon-de-Provence. Dort legte ich fast dehydriert eine Mittagspause direkt vor dem riesigen Leclerc-Hypermarché ein, trank unzählige Liter kaltes Zeugs und fuhr dann weiter nach Aix. Schöne Stadt, ich war das erste Mal dort und sicher nicht das letzte Mal. Diesmal reichte es nur für kurze Stadtrundfahrten inkl. Kunst im öffentlichen Raum und exkl. Einkauf im Le-Coq-Sportif-Geschäft. Leider, aber völlig verschwitzt wollte ich dann doch nichts anprobieren.



Nach der flachen Camargue nun die Hügel der Provence – und ein großer Hügel. Von Aix erstmal längs der Montagne Sainte Victoire, der Cézanne-Berge; der Maler hat unzählige Bilder dieser Gebirgskette gemalt. Eine Mittagspause mit Maria in Vauvenargues, nicht weit des Grabs eines anderen Künstlers: Picasso liegt hier begraben, das erfuhr ich allerdings erst bei der Nachbereitung. Dann ging es los mit den Hügeln. Und mit einer wahren Ballung an „plus beaux villages de France“. Lourmarin war das erste, noch recht leer, Touristen scheinen Spätaufsteher zu sein. Der nächste Hügel dann, der Luberon, mit einem schockierenden Erlebnis: Eine mindestens 70jährige überholte mich lächelnd auf ihrem Rad. Ich war drauf und dran, umzukehren und heimzufliegen, da merkte ich, dass sie elektronische Unterstützung hatte. Ich glaube, es machte ihr Spaß, ins fassungslose Gesicht eines Reiseradlers zu schauen. Es sei ihr gegönnt. Das nächste schönste Dorf war Bonnieux, wo ich nur kurz den Ausblick auf … auf den Mont Ventoux genoss. Schluck, immer wieder ein majestätischer oder furchteinflößender Anblick, je nach den Plänen, die man noch so hat. Über eine alte Römerbrücke und einen schönen Bahntrassenradweg kam ich nach Roussillon, selbstredend auch ein schönstes Dorf. Die Attraktion hier sind allerdings die Ockerfelsen, ich beschränkte mich auf ein paar Blicke (plus Fotos) und aß erstmal zu Mittag. Mit einem Plastikglas eingeschweißten Rosé, zu kaufen im Supermarkt. Es folge das letzte schönste Dorf für heute, Gordes, ich ging ein wenig im Ort treppab und treppauf, fuhr dann bergauf und bergab und war bei der Zisterzienserabtei Sénanque, die eingebettet zwischen Hügeln und Lavendelfeldern versteckt in einer Senke lag. Wegen Überfüllung verzichtete ich auf eine Besichtigung und machte mich auf die letzten Kilometer nach Bédoin, den Mont Ventoux immer im Blick. Und dann unter den Rädern: Keine Ahnung, das sechste oder siebte Mal fuhr ich hoch. Diesmal war es ziemlich anstrengend, die Form war nicht da und statt einer größeren Runde rollte ich einfach wieder runter. Bergauf bin ich nur überholt worden, fast sogar von einem Jogger! Dafür war der letzte Fahrradtag nicht mehr so schwierig. 40 km nach Avignon, das war’s dann. Kurz vor Avignon der Kilometer 2.000, damit auch das geschafft ist. Heimfahrt mit der Bahn, Zwischenübernachtung (leider) in Lyon. Leider, denn zum einen fehlte mir die Lust für eine Stadtbesichtigung, zum anderen hätte ich bei besserer Planung am nächsten Tag ein bisschen Tour de France sehen können, Einzelzeitfahren zwischen Arc-et-Senans und Besancon. Obwohl, einen Fahrer sah ich aus dem Zug: David Zabriskie. Zuende war die Reise nach einem Geburtstag im Zug und Umsteigen in Belfort, Mulhouse, Strasbourg, Appenweiher, Karlsruhe, Heidelberg und Frankfurt am Main Hauptbahnhof kam ich endlich wieder im schönen Rödelheim an.



Ein bisschen Statistik muss sein:
  • Kilometer auf dem Rad: 2.102,50, ø 80,50 (pro Tag, 83,85 pro Etappe)
  • Höhenmeter mit dem Rad: 18.868, ø 745,72 (pro Tag)
  • Stunden im Sattel: 121:10, ø 5:16 (pro Tag im Sattel)
  • Fotos: 22,33, ø 89,32 (pro Tag)
  • Für Getränke ausgegebene Euro: 229,40, ø 9,18 (pro Tag)
  • Für Campingplätze ausgegebene Euro: 189,12, ø 11,13 (pro CP-Nacht)
  • Für Hotels ausgegebene Euro: 416,08, ø 59,44 (pro Hotelnacht)
  • Pannen: 1, ø 0,04 (pro Tag)
  • Sirup (0,75-Liter-Flaschen): 3 (Cassis, lecker; Pfirsich, na ja; Grenadine, lecker)

Die Route in GPSies (bitte km-Angabe nicht beachten, ist falsch, bin ja schließlich über 2.000 km gefahren): Schluchten, Brücken und ein Gigant

Und, zu guter letzt, der ausführliche Reisebericht mit noch mehr tollen Fotos auf meiner Website:
.

Geändert von Holger (10.03.13 10:20)
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#917829 - 10.03.13 15:39 Re: Schluchten, Brücken und ein Gigant. France sud-est [Re: Holger]
Juergen
Moderator
abwesend abwesend
Beiträge: 6756
Nachdem die Bilderfrage nun erledigt ist bin ich richtig froh über Deine Moderatorenpause lach
Endlich! Du hast nicht nur wunderbar getextet, manchmal musste ich herzhaft lachen, sondern auch Land & Leute, Essen & Trinken, Fußball & TDF lebendig kombiniert. Du schreibst mit Herz, fährst mit Verstand und liebst Frankreich (den Döner lass ich da mal weg). Eine motivierende Vorlage für mich, deinem Weg demnächst mal zu folgen!

Als Du 1.208 Mücken ermordet hast, da musste ich an meinen ersten Zelt Urlaub in der Camargue und La Grande Motte denken.

Danke für Deinen ausführlichen Bericht,
Jürgen
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