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#918028 - 11.03.13 00:16 Vogesen-Tripel 2012 und LPP revisited 2014
veloträumer
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Zeitraum:
Entfernung:1304 Kilometer
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frFrankreich



VOGESEN-TRIPEL 2012

Wie wohl schon einigen im Forum bekannt, sind die Vogesen mir nicht gerade unbekannt. Einen Überblick mit weiteren Links zu bereits gefahren Vogesen-Touren habe ich zu Beginn meiner Vogesen-Berichte 2011 gelistet. Die vielen verästelten Sträßchen durch das vielfach dünn besiedelte und wenig befahrene Mittelgebirge jenseits des Rheins bilden immer noch ein Eldorado, um neue Nischen zu erschließen. Erstmals habe ich dabei auch das Oberelsass intensiv beradelt, dass – heute als Sundgau bezeichnet – im Dreieck zwischen Belfort, Basel und Mulhouse bereits von den Ausläufern des Jura gebildet wird. Damit ist auch der (fast unmittelbare) Anschluss an die große Juratour gelegt, die ich nur wenig später im Mai des selben Jahres antreten sollte (samt Forumstreffen Biel/Bienne). Neben der Südvogesen-/Sundgau-Tour, die im Westen auch weit aus dem Elsass raus in die westlichen Vogesenausläufer führte (Haute-Saône), gab es zudem eine Tour in die dazu nördlich angrenzenden Südvogesen mit dem Petit Ballon als Hauptziel und eine kleine Nordvogesen-Tour, wiederum weit in den Westen reichend. Der Fokus lag bei letzterer Tour auf einem Festival mit Weltniveau in fast verlassenen Wäldern inmitten elsässischer Provinz. Die beiden letzten Touren hatten zudem einen gewichtigen Anteil Schwarzwald. Die zwei Touren im Frühjahr waren um Feiertage rum gebaut, im August war es lediglich eine Wochenendtour. Während ich auf der Sommertour alle Vorzüge eines mehrdeutig karibischen Flairs genießen durfte, stellte das Wetter zu Ostern und dem 1. Mai jeweils eine heftige Herausforderung dar. Winterkälte, Landregen, Orkanböen und Blitzeinschläge in Rufweite standen weit weniger Sonnen- und Frühjahrsmomenten gegenüber, die es aber immerhin auch gab. Ungehofft also die passende Vorbereitung zu der späteren Juratour.


I. Süd-Vogesen & Sundgau: Tour du Ballon de Servance – oder:
Warum Osterhasen immer Fell tragen

4-5 Tage | 457 km | 6685 Hm

Die Hauptziele dieser Tour waren neben dem gut 1200 m hohen Ballon de Servance die nahe der südlichen elsässischen Weinstraße verlaufende Route des 5 Châteaux, der Col de Boenlesgrab, das Lauchtal mit seinem romantischen Stausee auf dem Weg nach Le Markstein, der Rundkurs auf den über 1000 m hoch gelegenen Bergweiler Rouge Gazon bei Maurice-sur-Moselle, der knapp 1000 m hohe Col des Chevrères, weitere Varianten durch das Plateau des Mille Étangs mit der stimmungsvollen Kleinseenlandschaft, die Wasserfälle Géhard und Faymont im Westen sowie eine möglichst typische Route durch den Sundgau. Die geplante erneute Befahrung des Col du Grand Ballon von Norden auf der Route des Crêtes (mit der Abfahrtsvariante nach St-Amarin) musste ich wegen verharschter Schneedecke auf der Straße abbrechen. Daraus abgeleitet vermied ich die Südrampe des Ballon d’Alsace auszuprobieren, was aufgrund der regnerischen Witterung am Ostermontag ohnehin unmöglich geworden wäre. Stattdessen ergaben sich die (wiederholten) Stadtbesuche von Belfort und Mulhouse eher zufällig als Folge der schlechten Witterung.

Die Temperaturen überstiegen die zweistellige Zahlengrenze nur zu Anfang um Colmar, bei einer kurzen Aufheiterung am Ostersonntag um das Kirschtal von Fougerolles herum und in der zweiten Tageshälfte am Ostermontag – allerdings meist von Regen begleitet. Die Temperatur blieben um 3-4 °C geringer als in den Wettervorhersagen angekündigt. Morgens hatte ich regelmäßig mit kalten Fingern zu kämpfen – die Handschuhe konnten die fehlende Wärme nicht ausgleichen. Am Ostersonntag musste ich meine Fahrt auch eine Weile in einem Schuppen unterbrechen, als inmitten der Mille des Étangs ein heftiges Schneegestöber aufkam. Trotz der Kälte lugte am Samstag und Sonntag auch immer wieder launisch die Aprilsonne hervor und wärmte so manchmal ein wenig die Seele.

Do 5.4. Stuttgart 14:59 || per Bahn || 18:21 Colmar – Wintzenheim – Col de Repos des Chasseurs Etang Hertzog (605m) – Eguisheim
28 km | 12,3 km/h | 2:11 h | 465 Hm
E: Tartiflette Bargkas, Ww, Cafe Gourmande 25,05 €
Ü: C Des Trois Château 9 €

Es sei erwähnt, dass die Fahrradmitnahme zu den Pendelstoßzeiten auf der Elsassroute Strasbourg – Basel offiziell nicht erlaubt ist. Die Folge ist, dass einige ihre Räder in demontiertem Zustand so in die Bahn packen, dass dabei mehr Platz verbraucht wird, als wenn ein Fahrrad an den dafür vorgesehen Plätzen regulär verstaut würde (Hängevorrichtung). Ich habe mich trotz der Hinweise und mahnender Blicke des Personals über die Bestimmung hinweg gesetzt. Es gibt also keine Garantie, dass das in anderen Fällen auch akzeptiert wird. Regulär hätte ich noch einen Zug später nehmen müssen.

Die Route des Cinq Châteaux gehört zu den versteckten Routen im Elsass, obwohl ganz nahe der betriebsamen Weinroute und dem beliebten Munstertal. Um den Abzweig zu finden, muss man auf der D 417 nach Wintzenheim aufpassen, eine kleine Nebenstraße nicht zu verfehlen. Wenig weiter findet sich dann der gut ausgeschilderte Abzweig. Die Route steigt gleich an, man bewältigt sehr unrhythmisch verschiedene Steigungsstufen, auch sehr steile. Noch vor dem endgültigen Hochpunkt gibt es einen Abzweig zur Hohlandsbourg. Es handelt sich um eine der größten Burganlagen (13. Jh.) im Elsass, die aber just umfangreich renoviert wird. Laut Homepage wird die Anlage mit touristischem Angebot ab Mai 2013 geöffnet. Ich konnte leider nicht nahe ran fahren, weil die Straße unten komplett abgesperrt war (Bauzaun). Schon vor der Hohlandsbourg findet man abseits der Straße eine Burgruine, die man erwandern kann, ggf. auch per Mountainbike radelbar (steile Rampe).

Die Route liegt gänzlich im dichten Wald, mystisch legt sich kalter Nebel zwischen die Bäume. Autos kann man zählen, es braucht nicht mal beide Hände dazu. Und doch werde ich beobachtet. Es knackst und raschelt, schon unheimlich mutet es an – Trolle, Geister, Feen? Doch hinter den Bäumen verraten sich die neugierigen Beobachter manchmal: Die Ruhebrecher sind Rehe. Der Atemhauch droht bald zu gefrieren, da sehnt man sich wieder nach unten. Vom Panoramaweinort Husseren-les-Châteaux fährt man durch offene Rebenhänge steil hinunter nach Eguisheim. Zu den drei Burgen, die Eguisheim eine schöne Kulisse geben, zweigt von der Burgenroute oben ein Waldweg ab, es fehlte mir aber wegen der einbrechenden Dunkelheit die Zeit, diese zu erkunden. Weil es doch reichlich kalt war, genehmige ich mir abends gefährliche Feuerspeisen verschiedener Art. schmunzel

Fr 6.4. Eguisheim – Gueberschwihr – Col de Wolfsgrube (748m) – Col de Borne Jaune (738m) – Col de Firstplan (722m) – Col de Boenlesgrab (865m) – Linthal – Le Markstein (1179m) – 2 km près Grand Ballon (~ 1250m) – Le Markstein – Kruth – Urbes – Col de Bussang (727m) – St-Maurice-s-Moselle
100 km | 12,1 km/h | 8:11 h | 1905 Hm
E (Snack Bar): Salat Tom., Ruccola, Quiche Lorraine, Rw, Eis Schoko/Van. 12,80 €
Ü: C St-Maurice-s-M. 5 €

Auf dem Camping war ich zwar einziger Zeltgast, doch herrschte ganz guter Betrieb von Wohnwagen- und Wohnmobilgästen. Manchem erschien ich da natürlich etwas suspekt. Kritische Blicke werfen auch die Störche nach unten, derweil ich das schmucke Weinörtchen Eguisheim durchstreife. Mein Rad hat ja eine verdächtige Farbe – „könnte ein Frosch sein“ wird Meister Adebar wohl denken. Noch wenig grün ist es auf der Fahrt durch die Weinhänge, leicht über der Autobahn liegt die parallele Fahrstraße. Die Reben knospen noch zaghaft, graue und braune Erdtöne dominieren im Stangen- und Drahtgewirr für die geordnet wachsende Traubenranke. Doch verheißen hin und wieder leuchtend weiße Kirchblüten süß-fruchtige Sommerträume.

Nach Gueberschwihr, wiederum ein Panoramaweinort, geht es dann erheblich hinauf, und danach noch kräftiger, aber bald durch Wald von Aussicht abgehalten. Von Husseren gäbe es auch eine Höhenpanoramaroute nach Gueberschwihr, wenn man nicht nach Eguisheim hinabtauchen möchte. Landschaftlich ist nun die Route durchschnittlich, man passiert ein größere Klosteranlage – dort nimmt bald die Steigung ab. In einer Kurve wenig weiter findet sich der Abzweig zu einer Forststraße, zunächst mit Steinen fest gepresst, später mehr erdige, aber feste Waldpiste. Man braucht Karten, die Ausschilderung ist komplex und nicht eindeutig. Orientierungssinn ist hilfreich, ich verfahre mich kurz, merke aber anhand der Kurven und Topographie, dass ich falsch liege.

Hat man den Col de Wolfsgrube erreicht, fährt man geradezu flach um einen Berg herum und kommt zum Col de Borne Jaune, wo sich gute Picknickmöglichkeiten finden. Beide Pässe sind Kreuzungspunkte für Wanderwege und Pisten. Hier ist der Wald etwas lichter. Auch die folgende Route bis zur Straße am Col de Firstplan ist weniger dunkel als die Auffahrt zuvor. Überraschend sind einige Radler unterwegs, zwei Mountainbikegruppen, aber auch ein Reiseradlerpaar.

Die Piste zum Col de Boenlesgrab ist schottriger, wenn festgefahren sehr robust, wird auch von Autos befahren. Die Strecke ist nun deutlich offener, der höchste Punkt liegt an einer Wegekreuzung mit Lichtung unweit und etwas oberhalb vom Col de Boenlesgrab. Wer gut offroad-tauglich ist, kann die Piste vom Col de Boenlesgrab zum Col du Petit Ballon fahren – sie gilt aber als schwierig, was ein Blick meinerseits von unten auch bestätigt. Am Boenlesgrab-Pass gibt es eine Auberge, die aber nicht immer geöffnet ist. Der Parkplatz dient jederzeit als beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen. Ins Lauterbachtal (Lauchtal) geht es dann flott wieder asphaltiert.

An der Lauch entlang gibt es recht wildromantsche Passagen, auch der Stausee gehört zu den hübscheren in den Vogesen. Im Dunst lassen sich die noch schneebedeckten Bergrücken des Vogesenkammes ausmachen. Die Straße ist eine der wichtigeren Auffahrten zur Routes des Crêtes, daher gibt es hier auch etwas mehr Verkehr als etwa am Col du Platzerwasel weiter nördlich (vgl. 2. Vogesentour). In Le Markstein gibt es eine große, sehr kommerzielle Verpflegungsinsel. Hier dürfte auch im Winter recht viel Betrieb herrschen, denn umliegend befinden sich zahlreiche Liftanlagen – das größte Skizentrum an der Route des Crêtes. Ich wollte über den Grand Ballon fahren und ein mir noch unbekannte Route nach St-Amarin runter testen. Zwar war die Sperrung der Strecke zum Grand Ballon ausgeschrieben (Richtung Col de la Schlucht war offen), ich hoffte aber als Radler irgendwie durchzukommen. Etwa 2 km vor dem Grand Ballon war dann aber leider vor der Harschschneedecke Schluss. So musste ich den geordneten Rückzug antreten und über Le Markstein und den Lac de Kruth-Wildenstein ins Thur-Tal.

Für den Col de Bussang samt Moselquelle verweise ich auf meine vorjährige Ostertour (Link s.o.). Ich fahre diesmal umgekehrt hinauf – also die Ostseite, auf der es keinen Radweg gibt (westlich Moselradweg ab Quelle). Oberhalb von Urbès gemahnt ein Gedenkstein an die Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen aus Dachau, die hier für kurze Zeit in einem Bunker zur Rüstungsproduktion eingesetzt wurden. Eigentlich wäre es meine Absicht gewesen, noch auf den Berggasthof Rouge Gazon aufzufahren. Dazu war es aber mit Blick auf die Essenszeiten zu spät, sodass ich mich in St-Maurice-s-Moselle niederlassen musste.

Der Campingwart begrüßte mich als ersten und wohl einzigen Ostergast und machte mir wohlige Heizwärme im Sanitärraum. Leider finden sich in St-Maurice nur verfallene Restaurants, eine anderes liegt unangenehm entfernt einen Berg hoch. Einzige Möglichkeit war eine Bistro – ein Kneipe für die Dorfgeschädigten – mit Spielautomat, elektronischem Dartspiel und Fernseher. Ich versuche mich an Mikrostudien ländlicher Vogesenjugend nebst internationalem Damentennis aus der Röhre. Hier wird noch kräftig geraucht. Dazu eine ausgetrocknete Quiche Lorraine mit kaltem (!) Rotwein. Ich vermisse Frankreich – in Frankreich. Das beste war vielleicht ein erotisches Poster im realfotografischen Stil über der Theke – Frau mit Hand im Schritt. Soviel heißen Sex gönnt sich wohl nur der Radler an kalten Ostertagen. unsicher

Sa 7.4. St-Maurice-s-Moselle – Les Charbonniers – via RF – Rouge Gazon (1086m) – St-Maurice-s-Moselle – Le Thillot – Col des Croix (679m) – Ballon de Servance (1216m) – Plancher-les-Mines – Col de la Chevestraye (623m) – Belfahy – Col des Chevrères (951m) – Miellin – Servance
91 km | 11,9 km/h | 7:31 h | 1795 Hm
E: Entrecôte, PF, Rw, Apfeltorte 24,60 €
Ü: C wild 0 €

Nach Rouge Gazon fährt man nur aus zwei Gründen: Man braucht ein paar zusätzlichen Höhenmeter oder man möchte die Vorzüge eines einsamen, charmant-rustikalen Berggasthofes genießen. Im Winter kommt die Attraktion eines kleinen Skigebietes hinzu. Während Autofahrer nur die recht gut ausgebaute Straße hin und zurück fahren, empfiehlt sich für den Radler ein (fast) Rundkurs. In Les Charbonnieres kann man auf eine asphaltierte Forststraße abzweigen, die man nach einer kleinen Talmulde erreicht. Im Gegensatz zur regulären Straße geht es fast ausschließlich durch dichten Wald. Die Straße ist in schlechtem Zustand, Tannenzapfen und diverses Geäst sorgen für zusätzliche Gefahrenmomente, wenn man dort herunterfahren möchte. Daher die Forststraße möglichst nur auffahren. Die Steigungen sind unrhythmisch, es gibt Steilrampen, im oberen Bereich auch flachere Passagen. Der Hochpunkt der Straße liegt geringfügig über Rouge Gazon – dort überblickt man das gesamte Gelände um den Hof mit mehreren Gebäuden. Um Aussicht zu genießen muss man vom Gasthof etwas vorlaufen über die Wiesen, dann kann man zumindest nach Osten Vogesenkuppen bewundern und das Thur-Tal erahnen. Weiter kommt man nur mit Wanderschuh.

Trotz anstrengender Auffahrt war ich völlig ausgekühlt und leiste mir einen Kaffee in Rouge Gazon. Das Frühstücksbuffet wurde gerade weggeräumt, sodass ich noch einen Eindruck gewinnen konnte: Ein unfranzösisch umfangreiches Frühstück mit vielen Eigenprodukten des Berghofes, die auch im freien Verkauf erhältlich sind. Gelegenheit um einen schmackhaften Käsevorrat anzulegen. Auch die Speisekarte klingt vielversprechend. Viele Gericht werden im offenen Ofen des Gastraumes angerichtet.

Le Thillot bildet ein kleines Regionalzentrum, im Vorjahr hatte ich dort ja bereits genächtigt. Ebenso wiederholte sich die Fahrt bis zum Col des Croix. Dort aber fuhr ich diesmal nicht rechts in das Plateau des Mille Étangs ein, sondern links auf die Route zum Ballon de Servance. Auch hier wieder eine Streckensperrungsankündigung, die mich verunsichert. Mein Mut wird aber belohnt. Es gab auf der Südseite Schneereste und eine Menge aufgeschwemmten Pflanzenkehricht. Doch ließen sich die wenigen Passagen neben der Straße umgehen. Zwei entgegenkommende Motorbiker konnten das Fahrgerät auch vorbeischieben, neugierige Autofahrer hingegen mussten umkehren. Nicht nur durch die Sperrung allerdings ist es eine einsame Strecke ohne Besiedlung und eine der abwechslungsreichsten, attraktivsten Routen unter den großen Vogesenhöhen. Auf der Nordwestseite zahlreiche Ausblicke, Steinbrücke, archaische Baumskulpturen und eine große Blumenvielfalt samt einer kleinen Osterglockenwiese. Dazu noch Sonne, dass man gar die Winterjacke ablegen konnte – soviel österliche Gnade war in diesen Tagen ja selten.

Von üblichen Weitblicken über die Vogesenhügel abgesehen, ist die Berghöhe dieses Belchen eher hässlich – ein kleiner Makel auf der sonst sehr schönen Route. Ein Sendeturm steht auf einem abgeriegelten Militärbereich, über eine kurze Stichstraße bis zum Drahtzaun zu erreichen. Die einzige Sitzgelegenheit ist eine schon leicht zerfallene, schattige Bank am Hochpunkt der Straße. Bessere Picknickmöglichkeiten findet man weiter unten auf der Südseite – allerdings auch meistens schattig, wie ohnehin die Südseite. Wahrscheinlich ist die Südseite schwieriger, wenngleich rhythmischer zu fahren als die Nordwestseite – ein langer steiler Anstieg, während der untere Teil des Tales recht flach ist. Wasserreich finden sich Vogesen-typische vermooste Kaskadenbachläufe sowie zwei größere, mehrteilige Wasserfälle.

Wie der spätere Etappenort Servance ist auch Plancher-lesMines ein Dorf, das nach einer Phase früher Industrialisierung, unterstützt von der Wasserkraft der Mühlen, seine Blütezeit überlebt hat und durch die massive Abwanderung im 20. Jahrhundert zu den heute eher vergessenen Vogesenorten zählt. Einst lieferten die Minen bereits seit 1458 Silber, später auch Blei, Molybdän und Eisen – letzteres heute noch an den rötlichen Erosionshängen zu erkennen.

Der Col de Chevrères erfordert wieder stramme Beinarbeit. Der schönste Teil ist die Dorfdurchfahrt von Belfahy, das sich recht weitläufig auf sonniger Südhanglage verteilt. Hier kann man nach Servance zwar abkürzen, allerdings hat man bis zu dem Abzweig ohnehin bereits den größten Teil der Höhe bewältigt. Nach der Abfahrt nach Miellin zieht sich das Tal recht idyllisch recht flach nach Servance. Kurz vor Servance steht die Mühle Martin als Industriedenkmal – dazu hatte ich bereits das Bilderrätsel 802 gestellt. Das für die heutige Bedeutung übertrieben riesige Rathaus kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier tiefste Provinz liegt. Im frühen Industriezeitalter lebten 1831 in Servance 5100 Menschen, heute sind es nur noch ca. 900. Immerhin reicht es für ein Hotel/Restaurant, das an diesem Ostersamstag ziemlich überquillt. Der Pizzabäcker verkörpert eine örtliche Attraktion – macht schelmische Witze, zieht Grimassen, mit denen er nicht nur Kinder zum Lachen bringt, verteilt mindestens soviel Küsse an die Damen wie er Pizzen mit flinken Fingern zubereitet – ein kleines Stück Lokaltheater gewissermaßen. Ich darf ein köstliche Zwiebelrotweinsauce zum servierten Fleisch genießen.

So 8.4. Servance – Saut de l'Ognon – Montandre – Beulotte-St-Laurent – Corravillers – La Rosière – Cascade du Géhard – Cascade de Faymont – Le Val-d'Ajol – Fougerolles-les-Château – Benzey – Raddon – La Voivre – Melisey – Fresse – Col de la Chevestraye (623m) – Plancher-Bas – Evette – Valdoie – Belfort
122 km | 13,6 km/h | 8:56 h | 1685 Hm
E (oriental.): Couscous Royal (4 x Fleisch, Gem. im Sud), Rw, Cafe 24,40 €
Ü: C wild 0 €

Nach dem Besuch des Ognon-Wasserfalls, an dem die Industriegeschichte von Servance auf Tafeln dokumentiert ist (vgl. wiederum o.a. Bilderrätsel) fahre ich zu den 1000 Seen hinauf, jene in der Eiszeit geschaffene Tümpellandschaft, die ich gleichwohl auch an Ostern des Vorjahres auf einer nördlichen Variante befahren habe. Im Vergleich einschließlich der weiteren Variante am Abend des selben Tages, würde ich die Vorjahresroute zwischen dem Col des Croix und dem Col du Mont de Fourche immer noch als die reizvollste in den Mille Étangs bezeichnen. Der Vergleich ist allerdings etwas schwierig, soweit die Vegetation noch so weit zurücksteht wie auf dieser Ostertour.

Nach dem bissigen Schneesturm um Beulotte-St-Laurent herum erreiche ich Corravillers wieder bei Sonnenschein. Die Aprillaunen bleiben den Tag lang erhalten, wenngleich die zweite Tageshälfte etwas milder wird. Mit Zwischenspielen folgen mehrere Wasserfälle. Der erste (Cascade du Tampa), wohl gewöhnlichste, nur wenig oberhalb von Corravillers. Für den Cascade du Géhard bedarf es schon eines weiteren Berges, zunächst steil über kleine Weiler, danach eher eintöniger durch dunkle Nadelwälder. In Richtung Girmont-Val-d’Ajol öffnet sich eine hügelige Weidelandschaft in sattem Grün, bevor man zum Wasserfall wieder in dunklen Wald eintaucht. Vom schluchtigen Géhard- zum spreitzigen Faymont-Wasserfall geht es durch ein Tal mit einigen dezent aufragenden Felsen, der Wasserfall ist etwas abseits per Stichstraße zu erreichen.

Es beginnt ein weites Tal, dass recht belebt scheint, eine sehr zerstreute Besiedlung aufweist. Immer mehr Kirschbäume prägen lieblich die Landschaft. Vollends das ganze weiße Blütenmeer entfaltet sich über die Fougerolles-Ebene, wenn man die Talebene nach oben verlässt. Seit dem 17. Jahrhundert werden hier zahlreiche Kirschsorten geerntet und veredelt, insbesondere als „Kirsch“, einem 45%igen Kirschwasser. In zahlreichen Destillerien werden noch weitere Obstbrände erzeugt, dazu kommen vielfältige Produkte rund um die Kirsche, Kirscheis und Kirschpfannkuchen zählen mitunter zu weiteren bekannten Leckereien der Region. Im Juli findet gar eine Fête de la cerise statt – samt einer Miss Cerise im Zeichen der roten Verführung. Allein die zahlreichen Kirschsorten schmecken schon lustvoll durch ihre Namen: Marie Jean Diaude, Tinette, Jeanblanc, …

Ein weiteres Zeichen der Landschaft sind kleine Kornspeicher, die man auf der Route des Chalots folgen kann. Aus Holz gebaut, mit Steindach versehen und auf gekreuzten Balken nebst Steinsockel vom Erdboden abgehoben, dienten sie nicht dem Schutz der Ernte, sondern auch der Destillation. Heute werden sie allen möglichen Zwecken genutzt. Parallelen gibt es zu den hórreos in Nordspanien – dort meistens aber größer, in Galicien zudem meist aus Stein gefertigt.

Nach Raddon führt eine lichte Waldlandschaft, es folgt ein weitgehend flache Auenlandschaft mit kleinen Dörfern. Nochmal moderat hinauf an Seen vorbei geht es zwischen La Voivre und Mélisey. In Fresse soll es laut Karte einen Camping geben, aber der Ort macht einen solch ausgestorbenen Eindruck, dass ich keine Suche anstrenge, da es wohlmöglich kein Esslokal gibt. Keiner der weiteren Orte bietet irgendeine Gelegenheit zum Etappenstopp, sodass ich letztlich mich in die Dunkelheit hinein noch bis Belfort durchbeiße. Dort fehlt mir etwas die Orientierung, scheinbar bin ich gerade in einer falschen Ecke für Esslokale, überwiegend leergefegte Einkaufsstraßen. So bin ich dankbar für jede Speisestube, wenngleich das orientalische Menü nicht ganz meinen Geschmack trifft. Besonders ärgerlich dann, dass der Campingplatz nur per Sicherheitscode bzw. Chipkarte zu betreten ist. Natürlich ist zu dieser Zeit auch keine Rezeption mehr besetzt. Die hermetische Abriegelung des Geländes sorgt nicht gerade für ein Vertrauensgefühl zu der Umgebung. Durch die sumpfige Uferzone kann ich mein Zelt gerade eben noch am Rande eines Sportplatzes nahe der Straße platzieren. Von einer Restwärme des Freizeitsees ist auch nichts zu spüren. Nun, wer Ostern Hasen jagen möchte, braucht dick Fell.

Mo 9.4. Belfort – Montreux – Manspach – Largitzen – Altkirch – Wahlbach – Magstatt – Steinbrunn-le-Bas – Zimmersheim – Mulhouse – Rixheim – Ottmarsheim – Müllheim 18:55 || per Bahn || Stuttgart 23:25
116 km | 15,3 km/h | 7:25 h | 835 Hm
E (Bf. Freiburg): Spaghetti Monti e Mare, Rw 9,80 €

Der Tag beginnt nicht nur kalt, sondern auch regnerisch mit tief hängenden Wolken. So zeigt sich Belfort recht trist, nicht mal Bäckereien und Cafes werden besucht. Nach der Stadtvisite bleibt es leider regnerisch, zwischen Niesel und mäßigem Landregen wechseln die Launen der Natur, erst mit der zweiten Tageshälfte nehmen die Trockenphasen zu. Der ländliche Sundgau hat einen lieblichen Charme, erfüllt die Anforderungen pittoresker Fachwerkbauten des Elsass einerseits. Und doch ist hier alles ruhig, keine aufgebrezelten Dorfkerne, nahezu untouristisch, Versorgungsmöglichkeiten selten – ein Landstrich zum stillen, abseitigen Wohnen und zum entspannten Radeln. In gewisser Weise setzt sich hier die 1000-Seenlandschaft fort, doch handelt es sich meist um künstlich angelegte Fischteiche. Neben Forellen züchtet man insbesondere Karpfen. Ich folge in Teilen auch der Route de la Carpe frite, eine gastronomische, teichreiche Route, die ausgewählte Betriebe verbindet, die lokale Spezialitäten anbieten. Der goldbraun frittierte Karpfen – meist in kleinen, grätenfreien Stücken ähnlich wie große Pommes frites serviert – ist nicht nur namensgebend, sondern auch Gegenstand einer Sage, von denen es viele im Sundgau gibt.

So heißt es von einem Sohn des Grafen zu Ferrette, dass er sich eines Tages in eine Schäferin unsterblich verliebte. Er umwarb sie mit einem Gedicht, das der Schäferin so gut gefiel, dass sie die Hochzeit mit dem Grafensohn ersehnte. Doch traf das nicht den Zuspruch des Grafen. So stellte er der Schäferin eine scheinbar unmögliche Aufgabe, ihn mit einer außergewöhnlichen Tat umzustimmen. Die Schäferin bot ihm an, von ihrem sagenhaften goldenen Fisch zu kosten. Der Graf ward neugierig und ließ die Schäferin ihren Vorschlag ausführen. So nahm sie Karpfen und gab ihm in Öl gebacken auf ihre Art die goldbraune Farbe. Der Graf ward von der Köstlichkeit mehr als überzeugt und ließ die beiden heiraten und ihnen gleich noch dazu ein Schloss auf einem Felsen bauen, das seither als Schloss Liebenstein bekannt ist. Der gebackene Karpfen trat unaufhaltsam seinen Siegeszug im Sundgau und darüber hinaus an – wie könnte es auch anders sein, wenn jeder goldene Bissen ein Stück großer Liebe enthält. Leider gibt es frittierten Karpfen oft nur als Mehrpersonengericht (wie auch in Servance), so kam es, dass ich erst zu Beginn meiner späteren großen Juratour in den Genuss dieses Fischgerichtes kam (Link s.o.).

Die flachen bis leicht hügeligen Routen kann man gelegentlich durch kurze Steilrampen aufpeppen, wie etwa über eine kurze Nebenroute nach Altkirch. Es wäre aber falsch ins Sundgau zu radeln um eine velopedistische Herausforderung zu suchen. Altkirch ist der einzige unter den von mir beradelten kleinen Orte, der so etwas wie eine touristische Betriebsamkeit aufweist, wenngleich das Wetter auch hier einen lähmenden Schleier über die Straßen legte. Ich lande in einem heruntergekommenen asiatischen Fastfood-Bistro, um mich aufzuwärmen. Der Elsässer, wohl mit einer Ostasiatin zusammenlebend, zaubert trotz des schmierigen Ambientes die saftigsten frittierten Hähnchenbällchen, die ich je gekostet habe.

Ich versuche noch eine möglichst hügelige Variante nach Mulhouse zu finden. Es geht meist durch braun-graues Ackerland, gelbe Rapsfelder, aber auch Weideland, Haine mit erstem Frühjahrsgrün und Weinberge. Wenn mal die Steigung etwas stärker ausfällt, ist sie allerdings sehr kurz. Gourmets finden in den kleinen Orten versteckte Pilgerstätten. Die Bebauung trägt Richtung Norden immer mehr die Zeichen einer modernen Pendlerbevölkerung und weniger traditionelles Fachwerk.

Schon weil der Radelgenuss an diesem Tage nicht gerade auf Hochstimmung kommt, bin ich froh, die Tour mit einer Stadtbesichtigung gewissermaßen abzuschließen. Leider bestimmt auch in Mulhouse die Tristesse des Tages das Leben. Nicht mal die Chocolatiers bieten Stimmungsaufheller an, die Osterhasen sind erschöpft von der Arbeit der vergangenen Tage – ich kann es ja nachempfinden. traurig Trotzdem verfliegt die Zeit schneller als dass ich noch zu einem Cafebesuch komme. Die ätzende Flachstrampelei nach Müllheim will ja auch noch bewältigt sein. Glücklicherweise gibt es mittlerweile eine neue Bahnverbindung über den Rhein, die hätte ich da gerne schon in Anspruch genommen.

Bildergalerie Tour I (180 Fotos):


Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias

Geändert von Uli (31.12.14 11:10)
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#918100 - 11.03.13 11:06 Re: Vogesen-Tripel 2012 [Re: veloträumer]
StefanS
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Beiträge: 2977
Hallo Matthias,

Danke für den Bericht. Obwohl ich die Gegend schon halbwegs kenne, habe ich doch den einen oder anderen Tipp aufgeschnappt, z.B. die Route des cinq châteaux. Den Ballon de Servance fand ich eher langweilig und ohne große Aussicht. Wie ich Deinen Bildern entnehme, wird das südliche Ende der Straße noch immer von diesem garstigen Bären bewacht, ich hoffe, er hat Dir nicht allzu sehr zugesetzt schmunzel Schöne Blumenbilder übrigens!

Viele Grüße,
Stefan
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#918354 - 11.03.13 21:09 Re: Vogesen-Tripel 2012 [Re: StefanS]
veloträumer
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Beiträge: 12931
Der Bär dürfte ohne mich zufrieden sein, er hält ja eine Frau im Arm. schmunzel Was die Bertung angeht, ist das - wie auf die 1000-Seenrouten bezogen schon gesagt - immer eine Sache der Jahreszeiten und Umstände. Auf der Nordseite hatte ich den Vorteil, dass es etliche Frühblüher gab, im Sommer ist es da vielleicht was schlichter. Der untere Südteil ist im Sommer sicherlich sehr erfrischend ob des Wassers.
Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
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#918356 - 11.03.13 21:11 Re: Vogesen-Tripel 2012 [Re: veloträumer]
veloträumer
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II. Vogesen mit Schwarzwald: Tour de Col du Petit Ballon – oder:
Warum Damen giftige Maiglöckchen mögen

4-5 Tage | 500 km | 7045 Hm

Neben dem Col du Petit Ballon waren die Hauptziele dieser Tour das Linacher und Simonswälder Tal, der Rimsinger Baggersee, die kehrenreiche Südrampe des Col de Bramont, der Lac de Blanchemer, der Panorama- und Pilgerort Trois-Epis, der Höhenort Labaroche (mit dem Col du Herrenwasen nahebei) über das Walbachtal, der schon zweimal zuvor verfehlte Col de Bermont bei Orbey und die Kalbin-Route mit dem Col du Seelacker (Forstraße zwischen Fréland und Riquewihr). Nachdem ich durch extremen Gegenwind in der Rheinebene den geplanten Aufstieg zum Petit Ballon und einem dort bewusst ausgewählten Berggasthof mit klassischer Melkermahlzeit am zweiten Tag unerwartet nicht mehr zu passender Uhrzeit erreichen konnte, war ich bereits relativ zu Anfang weit im Rückstand zu meinen Plänen. Als dann die Winde am Petit Ballon Orkanstärke erreichten, zudem später am Sonntag ein aufgespalteter Baum durch Blitzeinschlag in unmittelbarer Nähe meines Standortes mitten im Wald eine Forststraße blockierte und garstiges Gichtwetter auf der Route des Crêtes mir den Schüttelfrost in die Knochen jagte, musste ich u.a. die angedachte Schlussetappe durch die nördlichen Vogesen streichen. Da eine abschließende Schwarzwaldquerung ebenso nicht ratsam war, bin ich ein paar weitgehend bekannte Schleifen gefahren, sodass ich im Falle einer massiven Wetterverschlechterung jederzeit die Wege hätte abkürzen können. Die morgens noch berechtigte Erwartung, das wenigstens der erste Maientag nochmal an das sonnige, wenngleich windige Baggerseewetter vom Samstag anknüpfen würde, erfüllte sich denn auch nicht. Abgesehen von dem sommerlichen Samstag und der milden Nacht auf der Schwarzwaldhöhe in Neueck, waren die Temperaturen alles andere als frühlingshaft. Die heftige Wetterfront des Sonntags sorgte am Montagmorgen auf den oberen Vogesenhöhen sogar für eine schmucke Neuschneedecke. Dass die weißen Flocken in den Freiamter Wäldern abschließend tatsächlich Maiglöckchen waren, kommt da schon fast einer botanischen Sensation gleich, die ich aber fotografisch beweisen kann. schmunzel

Fr 27.4. Stuttgart – Böblingen 16:38 || per Bahn || 18:17 Brigachtal – Tannheim – Hammereisenbach – Linacher Höhe (1019m) – Furtwangen – Neueck (981)
54 km | 16,2 km/h | 3:18 h | 790 Hm
E (GH Hirschen): Ziegenkäse m. Thymianhonig überb., Rw, Gulasch, Spätzle, Salat, Himbeertorte, Cafe 25,10 €
Ü: C wild 0 €

Mal wieder eine ungewöhnliche Anreisevariante, indem ich nicht vom schwäbischen Maulwurfbahnhof starte, sondern erst nach Radel-Auffahrt aus dem Stuttgarter Talkessel vom Rand des Gäus die Bahn in den Schwarzwald bemühe. Das reicht bis zur Dämmerung, um immerhin eine neue Route auszuprobieren – nach einem Stück Bregtal in das mir noch unbekannte Linachtal. Die Sehenswürdigkeit des schwach besiedelten und recht hübschen Tales ist eine Talsperre mit einer Gewölbereihenmauer aus dem Jahre 1925. Durch die 13 halbkreisförmigen Gewölbe, geneigte Stützpfeiler und einen verstärkenden Querriegel konnte man 80 % Material gegenüber einer herkömmlichen Massivstaumauer einsparen, wenngleich für die Verschalungsarbeiten viele Fachkräfte benötigt wurden. Eine zweifelsfrei typische, tüftelige schwäbische Sparlösung (badische Schwarzwälder sind mindestens so sparsam wie authentische Schwaben), von der man in der Schwabenmetropole am Neckar heute allerdings nichts mehr wissen möchte. Dort gräbt man hingegen ohne Sinn und Verstand Milliarden in nutzlos überdimensionierte Erdlöcher. böse The times they are a-changin’.

Es sei erwähnt, dass kurz vor der Linacher Höhe ein Gasthof mit Camping-/Caravanwiese zu finden ist, den ich aber nicht aufgesucht habe, um noch die zweite Passhöhe Neueck zu erreichen. Zwischen Linacher Höhe und Neueck muss man einen nicht unerheblichen Höhenmeterverlust verkraften. Durch einen separaten Abzweig ist es aber möglich, nicht nach Furtwangen einzufahren, sondern oberhalb der Stadt zu bleiben. Das Abendmahl im Gasthof auf der Höhe erweist sich als äußerst schmackhaft, woraus sich eine unbedingte Empfehlung ableitet. Es gibt ausdrücklich lokale, ausgewählte Produkte zur Speisezubereitung. Wildcampen ist auf der Schwarzwaldhöhe schwieriger als erwartet, da mehr gezäunte Weiden als freie Wiesen und Hochleitungstrassen ebenso stören, wie Nebenstraßen, auf denen rasende Ureinwohner auch noch nach Mitternacht unterwegs sind. böse Still und einsam ist der forêt noir zumindest hier nicht, obwohl erste Eindruck hinterwäldlerisch sein mag.

Sa 28.4. Neueck – Simonswald – Freiamt-Gscheid (450m) – Maleck – Emmendingen – Umkirch – Merdingen – Rimsinger See – Breisach – Neuf-Brisach – Hettenschlag – Sundhoffen – Wintzenheim – Soultzbach les-Bains – exc. Route de Col de Marbach (~500m) – Wihr-au-Val
127 km | 16,9 km/h | 7:25 h | 550 Hm
E (Pizzeria): Tomatensalat, Flammkuchen L'Alsacienne, Rw, Erdbeeren m. Sahne, Cafe 21,40 €
Ü: C La Route Verte 6,80 €

Das reicht lang geschnittene Simonswälder Tal erfüllt gleich mehrere Charakteristika und Klischees des Schwarzwaldes. Oben führt die Straße eng teils durch Felsen, weiter unten breiten sich verschiedene Formen von Wiesentälern aus. Kleinbäuerliche Idylle ist greifbar, man kann in Anbetracht der vielen frei in Wiesen pickenden Hühnern sich eigentlich gar keine Hühnerfabriken moderner Machart vorstellen. Simonswald ist dann ein kleines, aber bescheidenes touristisches Zentrum, Angst vor Trubeltourismus braucht keiner haben, auch wenn eine Schaumühle am Bach klappert. Selbst auf moderne Kunst braucht man nicht zu verzichten, direkt an der Straße kann man kreative Skulpturen bewundern.

Wer allergisch gegenüber kräftigen Steigungen ist, wird das Elztal in Richtung Freiburg wählen. Wer noch Körner hat, findet ein paar reizvolle Nebenwege, wiederholt fahre ich über Gscheid, eine kleine Passhöhe mit Gasthaus. Im Osten ein leicht alpines Bergwiesental, im Westen ein weiter geschwungenes Blumenwiesental wo es so aufregende Ortsnamen wie Sexau gibt. Über Maleck fährt man nochmal über ein kleine Höhe mit Altobstwiesen, ein kurzes Bilderrahmenpanorama zur Hochburg über die Breisgauer Ebene der Zähringerstadt vor den großen Schwarzwalderhebung, sowie im Westen in frühlingshaften Buchenwald getaucht, um plötzlich Emmendingen vor dem Auge zu finden.

Die Ausschilderung in Emmendingen ist noch verbesserungsfähig, die Stadt durch die Bahntrasse etwas ungünstig zerschnitten. Der Schwerpunkt der Weinregion Kaiserstuhl liegt zwar nördlicher, doch befindet sich auch hier südlicher über March und Merdingen noch ein rebenreicher Ableger der Breisgauhügel. Merdingen präsentiert sich als pittoreskes Weinörtchen, das wohl wieder ruhigen Zeiten entgegen geht, nachdem Jan Ullrich schon vor Jahren im Kanton Thurgau sein persönliches Steuerparadies entdeckt hatte. Nunmehr nur noch flach, erstreckt sich der Rimsinger Baggersee etwas versteckt hinter Hainen. Schon fast in Karibikblau leuchtet der See, zunächst noch ein wenig still, doch bald von zahllosen Badegästen überrollt, von denen nicht wenige mit Grillrauch und Müll die Idylle unnötig stören. böse

Noch stolz beschreibe ich einem Badepaar meine Absicht, eine ausgewählte Ferme auberge am Petit Ballon zu Abend zu erreichen, doch straft mir der Wind des Nachmittags in der Rheinebene alle hochtrabenden Bergankunftspläne ab. Selbst in den recht hübschen und dichten Laubwäldern um Colmar fegt der Wind noch mir entgegen. So gebe ich in Soultzbach-les-Bains mein Vorhaben auf, zumal laut Einheimischem im zwischenliegenden Wasserbourg kein Gasthof vorhanden ist. Auch eine Exkursion zum Col de Marbach in verbleibender Restzeit breche ich ab, da auf sehr steiler Strecke der Untergrund zu klitschig ist. Nicht unbedingt für Straßenrad geeignet. Die Pizzeria in Wihr-au-Val, beliebt bei jungen Leuten, kann ich empfehlen, Camping auch – insbesondere mit Blick auf den günstigen Preis im Vergleich zu dem wenig weiter liegenden Camping in Munster (vgl. nächster Tag).

So 29.4. Wihr-au-Val – Wasserbourg – Col du Petit Ballon (1163m) – Sondernach – Col du Platzerwasel (1193m) – Le Breitfirst (1282m) – Le Markstein (1179m) – Kruth – Wildenstein – Col de Bramont (956m) – Col de l'Etang (1018m) – Col de Bramont – Lac de Blanchemer – Col de la Schlucht (1135m) – Munster
107 km | 11,7 km/h | 9:04 h | 2515 Hm
E: Kalbsnieren in Sahnes., Gem., PF, Rw, Himbeertorte, Cafe, 27,10 €
Ü: C Village Center 15,61 €

Der Hauch von Sommer am Vortag ist nunmehr endgültig unter einem bedrohlich dunklen Himmel vergraben. Nur der Wind wurde übernommen, allerdings noch um ein paar Kategorien aufgewertet. Unterhalb des Petit Ballon muss ich kurz anhalten, das Fahrrad festhalten, da es sonst umstürzen würde. Das Stehen fällt ohne Wanderstock schwer, ohne den Flammkuchen des Vorabends wäre ich sicherlich weggeflogen. grins Da der Wind böig ist, gibt es kurze Windpausen, nur so komme ich überhaupt voran und bald in windgeschütztere Bereiche des Berghanges. Zum Glück bleibt die Passhöhe unterhalb der Berghöhe des Petit Ballon, wo man wohl nicht stehen könnte. Die Abfahrt nach Sondernach wie auch der folgende Anstieg zum Col de Platzerwasel ist dann durch die Bergnische vollkommen windgeschützt.

Nicht bekannt war mir, dass auch noch deutlich unterhalb des Petit Ballon eine nette Auberge zu finden ist, zu der ich es wohl auch noch am Vorabend innerhalb der Essenszeit hätte schaffen können. Die Auberge du Ried liegt genau an einer Straßengabelung, wo noch weitere Auffahrten zum Petit Ballon einmünden (von Luttenbach und Eschbach). Zum Mitnehmen gibt es Käse, Wurst und Fleisch aus Eigenproduktion. Die von mir ursprünglich zum Etappenstopp geplante Ferme-auberge Rothenbrunnen liegt hingegen bereits leicht unterhalb des Straßenhochpunktes auf der Westseite. Wem Rothenbrunnen zu rustikal ist, findet in der Auberge Kahlenwasen die etwas feinere Berggasthofadresse – genug Auswahl also hier mit Fernsicht.

Den Col du Platzerwasel bin ich schon mal auf einer Ostertour gefahren, musste ab an der Passhöhe umkehren, da noch schneebedeckt. Diesmal war die Straße frei, wenngleich um den höchsten Punkt Le Breitfirst noch recht hohe Schneefelder einem die Kälte in die Augen trieb. Der Col du Platzerwasel gehört sicherlich zu den weniger reizvollen Aufstiegen zur Route des Crêtes – bescheidener Wald ohne größere Ausblicke, sogar den Col de la Schlucht muss ich höher bewerten.

In Markstein stoße ich wieder auf die Strecke der ersten Tour dieses Berichtes. In weiten Schleifen fährt man hinunter zum Lac de Kruth-Wildenstein, durch die wechselnden Schattenspiele der Wolken immer wieder in neuen Perspektiven zu erleben. Zum Picknick leider recht ungemütlich, der der kühle Wind hält an. Am Nordende des Sees empfiehlt sich ein Abstecher zum Cascade du Bockloch auf der anderen Seite der Straße (gibt aber auch dort einen Fahrweg, auf dem man das Westufer des Sees abradeln kann).

Durch die grünen Knospen der Bäume ist die serpentinenreiche Auffahrt zum Col de Bramont bereits eine schönes Erlebnis, etwa auf halber Höhe ein weiter Ausblick zurück. Am Col de Bramont täuscht das Gewimmel einiger Radrennfahrer, denn keiner ist auf die Wetterlaunen vorbereitet. Mein Versuch die abzweigende Waldpiste zu fahren, wird jäh durch ein Gewitter unterbrochen. Es kracht auffällig laut unweit meines Standortes. Wenig später erreiche kurz nach dem höchsten Punkt die offenbar frisch durch den Blitz geschlagene Baumleiche – das Grollen des Teufels – mal wieder knapp überlebt. Teufelsbünde habe ich ja schon einige geschlossen. schmunzel

Es ist unmöglich, über den morastigen Waldboden im Steilhang das Hindernis zu Umgehen und ich muss zurück zur Straße. Den Lac de Blanchemer fahre ich so über eine asphaltierte Straße an, die recht steil und schmal von der Straße zum Col des Feignes (weiter zum Col de la Schlucht) abzweigt. Der See selbst ist über einen kurzen Pistenabzweig von der Straße zu erreichen. Hier kleidet sich der See in ein Trauerkleid, am anderen Ende raucht das Feuer von Wildcampern, die verzweifelt die Flamme zu retten versuchen. Eine kleine Hütte bietet Schutz vor den großen Tropfen. Als der Regendampf etwas aufsteigt, zieren die Höhen Neuschnee.

Ich fahre bei leichtem Regen weiter hinauf. Den Lac de la Lande lässt man unterhalb der Straße liegen – er ist weit weniger romantisch als der See Blanchemer zuvor. Kälte und Nässe erfassen mich auf der Route des Crêtes vollständig und ich zittere mich zum Col de la Schlucht. Dort ist aber kein einziges Lokal mehr geöffnet, nur noch ein einziges Ausflugslokal hat überhaupt Betrieb – aber nur zur Tageszeit. Das Hotel, im Jahr zuvor noch in vollem Betrieb, scheint auch geschlossen – ob für immer, konnte ich nicht ausmachen. So muss ich ohne mich Aufzuwärmen den Berg hinunter – unabdingbar von Schüttelfrost begleitet. In Munster mag ich nicht mehr weiter, obwohl der Camping durch die Parzelleneinteilung für Einzelcamper überteuert, eher für Mobilheim- und Blockhausbewohner geeignet. Auch die Sanitäranlagen sind für die Gebühr recht bescheiden. Mit etwas Glück kann man im Elsass sogar ein Gîte mit Dach für denselben Preis finden. Eine schwache Regenphase erlaubt mir so gerade eben das Zelt aufzubauen.

Mo 30.4. Munster – Turckheim – Collet du Brand (327m) – Niedermorschwihr – Trois-Épis – D11-8/D11-1 (Golfplatz) – Labaroche-la-Chapelle – Col du Herrenwasen (708m) – Labaroche – Orbey – Col de Bermont (642m) – Lapoutroie – Hachimette – Fréland – Kalbin – Ursprung – Col du Seelacker (676m) – Riquewihr – Ribeauville
92 km | 11,8 km/h | 7:46 h | 1825 Hm
E: Kartoffeln, Kasseler m. Munsterkäse überb., Salat, Rw, Heidelbeertorte, Cafe 27,10 €
Ü: C Municipal 8 €

Nach der Regennacht benetzt die Vogesenhöhen ein weißes Winterkleid. Doch habe ich die größten Höhen bereits hinter mir und darf so hoffen, dass ich dem nahen Angesicht des Winters entkomme. Im Munstertal gibt es selbst nach mehrfachen Besuchen immer noch was zu entdecken. Als erste Höhenleistung sollte es zum Wallfahrts- und Kurort Trois Epis aufwärts gehen, doch schiebt sich zwischen Turckheim und Niedermorschwihr bereits eine zusätzliche Weinberghöhe dazwischen (man kann auch direkter von Turckheim auffahren). Vom Collet du Brand geht es wohl ohne Höhenmeterverlust auf Asphalt durch die Weinberge auch Richtung Trois Epis, doch lohnt der Umweg über Niedermorschwihr unbedingt – eines der weiteren von vielen malerischen Elsassdörfern. Der Anstieg dann weniger spektakulär, auch Trois Epis bietet dem Radler wenig, an trüben Tagen schon gar nicht.

Sehr lieblich geht es nach Abfahrt vorbei am Golfplatz von Ammerschwihr vorbei erneut hinauf. Entlang des Walbaches ist es bereits sehr grün, Frühling jubelt im Auge. Der Pistenabzweig (nicht ausgeschildert) zum Col du Herrenwasen ist wenig einladend, da der Regen den Boden unangenehm matschig gemacht hat. Auch sehr furchenreich, insgesamt keine Empfehlung, wie auch mein Eindruck von oben ist, als ich den Pass noch von Labaroche aus ansteuere (dort über Stichstraße und Piste gut und leicht zu erreichen). Es würde schlicht durch dichten Wald gehen ohne Besonderheiten. Auch mein Abstecher von Labaroche aus lohnt eigentlich nicht. Labaroche verteilt sich auf einen Unter- und Oberteil, ein sehr verzweigte Gemeinde, auch nahezu ohne Infrastruktur, aber doch wohl als Wohngebiet beliebt. Ein Agrarmuseum vermittelt Bäuerliches, ist allerdings natürlich zur Mittagszeit geschlossen.

Eindrücklich begleiten Löwenzahnwiesen nach Orbey hinunter. Der recht geschäftige Ort liegt strategisch wichtig an einer Verzweigung für verschiedene Vogesenauffahrten – so auch ein Basisort für Wintersport, strahlt Bergatmosphäre aus. Den Col de Bermont hatte ich bereits bei einer anderen Vogesentour von der Nordseite versucht, aber verfehlt, da dort nicht ausreichend ausgeschildert. Ein anderes Mal reichte die Zeit nicht mehr für einen erneuten Versuch. Nun endlich konnte ich ihn fahren – ein durchaus lohneswerter Kurs über offene Wiesen, besonders auf der Nordseite mit weitem Panorama ins Vallée de Kaysersberg. Ein Hauch von wärmenden Sonnenstrahlen macht die Sache noch schöner – sogar das Zelt trocknet.

Fréland ist eine alter Mühlenort mit einem ungewöhnlichen Museum – genau genommen die drei Museen Barlier. Präsentiert wird Schmiedekunst von Handwerkszeugen. Ambroise Barlier führte die einzige durch Wasserkraft betriebene Schmiede in ganz Frankreich. Heute wird Ambroise durch einen Roboter dargestellt, den der Enkel entwickelt hat. Weitere Roboter sind hinzugekommen und können vom Besucher per Knopfdruck in Gang gesetzt werden. Während das Äußere vom ersten Fahrrad von Fréland geziert wird, gibt es im Inneren eine Kopie der Laufmaschine von Baron von Drais zu sehen. Leider – die Beschreibung ist nur zitiert – ist das Museum nur auf Anfrage und für Gruppen mit Mindestgröße zu besichtigen.

Die folgende Kalbinroute oberhalb Fréland per Abzweig (kurze Steilrampe) zu erreichen, ist wohlmöglich komplett asphaltiert zu fahren. Vermutlich bin ich auf eine untere Variante (Ausschilderung Ursprung) gerutscht, sodass ich einen Pistenteil vorgefunden habe, kam aber später wieder auf die asphaltierte Variante zurück. Die Besiedlung ist etwas unübersichtlich. Im westlichen Teil gibt es verteilte Häuser, teils im Wald, teils auf panoramareichen Bergwiesen. Nicht alle scheinen bäuerliche Betriebe zu sein, sondern auch Jahreszeit- oder Wochenendhäuser sind wohl darunter. Nach Osten wird der Wald dichter, dort gibt es weder Besiedlung noch Aussicht. Der Abstecher über eine recht gut fahrbare Waldpistenschleife mit dem Col du Seelacker lohnt eigentlich nicht, da nur dunkler Nadelwald. Wer sich für gut offroad-tauglich hält, hat vom Col du Seelacker noch verschiedene Alternative ins Tal (Ruine Bilstein, Bilsteinthal, Hunawihr).

Kommt man die Asphaltstraße hinunter in die elsässischen Weinhänge, hat man gleich Riquewihr vor Augen. Das schmucke Weindorf habe ich bereits im Rahmen der 2011er-Vogesenberichte ausführlich vorgestellt. Diesmal als nur ein paar Varianten des Panoramablickes in der Bildergalerie. Nur wenig weiter erreiche ich das nicht weniger museumsträchtige Ribeauville mit dem mir ebenfalls schon bekannten Camping am unteren Ortsrand beim Sportplatz.

Di 1.5. Ribeauville – Col de Fréland (831m) – Kalbin – Fréland – Kaysersberg – Houssen – Barrage de Marckolsheim – Königschaffhausen – Kichelingsberger Eck (397m) – Schelingen – Bahlinger Eck (434m) – Bahlingen – Nimburg – Mundingen – Landeck – Brunicher Berg/Freiamt-Eckle (420m) – Brombach – Kenzingen 20:23 || per Bahn || 23:25 Stuttgart
120 km | 15,0 km/h | 7:59 h | 1365 Hm
E: Döner, PF, Salat, Bier 8,50 €

Ich erwähnte bereits, dass der Tag eine Reihe von Fragezeichen bzgl. der Wetterentwicklung setzte. So kann ich den Tag nur als Verlegenheitslösung bezeichnen. Noch sehr schön, da auch sonnenbegleitet, verlief der erste Tagesteil. Der Col du Haut de Ribeauville ist ein recht lieblicher Pass, mit viel Grün und recht viel Blumen am Wegesrand, sodass eine Wiederholung durchaus lohnenswert ist. Kleinere Passagen des Passes enthalten noch Pflastersteine, die aber echt gut fahrbar sind und der Strecke einen besonderen Charakter verleihen. Mehrere Destillerien erlauben auch hochprozentige Besichtigungsabstecher, wenn die Beine mal durchhängen sollten. Ich fahre den Pass aber nicht aus, sondern nehme die mir noch nicht bekannte Variante zum Col de Fréland, der etwas anspruchsvoller ist als der untere Teil des Ribeauville-Passes. Hier gibt es mehr Buchenwald, einen Ausblick zu den Burgen bei Ribeauville und später die kleine Weidehochebene um Aubure unmittelbar vor der Passhöhe.

Wieder im Vallée de Kaysersberg wähle ich die Radwegvariante, die eine Empfehlung ist. Man fährt direkt neben dem Bachlauf und unter lichten Buchenblattdächern durch. Kaysersberg ist erwartungsgemäß gut besucht, Maiglöckchen (muguet) werden in kleinen Bünden gerne verkauft. 2-3 Maiglöckchenstengel sind ausreichend, um einem Menschen, den man mag, zu beglücken – selbstverständlich meistens die Geliebte. Der Brauch ist in Frankreich wesentlich älter als der Tag der Arbeit als politischer Feiertag, ein lieber Brauch, der auf das Mittelalter zurückgeht. Etabliert wurde Maiglöckchen zu verschenken unter Karl IX., der 1560 seinen Hofdamen mit den weißen Giftlilien seine Zuneigung beteuerte.

Die Fahrt durch das Kaiserstuhlgebiet litt unter dem sehr tristen Himmel. Recht hübsch war es daher, nochmal durch leuchtend grünen Buchenwald bei Freiamt zu fahren. Hier standen dann auch die Maiglöckchen und Maikräuter um den hoffnungsfrohen Frühlingsmonat einzuläuten. So ganz gelungen war das Geläut wohl nicht – der Mai zeigte auch noch später ein ziemlich giftiges Gesicht, wie die spätere Juratour um Himmelfahrt untermauerte. Aber immerhin: Maiglöckchen statt Schnee – das ist ja schon eine versuchte Liebeserklärung an den Frühling.

Bildergalerie Tour II (170 Fotos, bitte auf Bild klicken):

Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
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#918764 - 12.03.13 23:43 Re: Vogesen-Tripel 2012 [Re: veloträumer]
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III. Nord-Vogesen mit Schwarzwald: Tour de la Petite-Pierre – oder:
Alsace meets Cuba

2-3 Tage | 347 km | 3715 Hm

Neben dem gesetzten Ziel mit Abendtermin in La Petite-Pierre, sollten auf dieser Tour auch noch einige Nischen beradelt werden. Im Schwarzwald sollte es die Gaißtal-Route bei Bad Herrenalb sein (Teile bin ich mal im Rahmen einer Forumstour gefahren), die Begehung der Laufbachwasserfälle in Loffenau sowie den Murgtal-Baden-Baden-Übergang via Schloss Eberstein. Am Sonntag retour bis zur Oberrheinbahnstrecke in Rastatt konnte ich die geplanten kleinen Pässe in den Nordvogesen mit einigen idyllischen Plätzen alle abfahren, allerdings unter Verzicht auf eine längere Rastpause. Die größte Beachtung verdient dabei vielleicht der Col de Kundschaft ob seiner verträumten Sumpf- und Tümpelbiotope. Statt einen größeren Bogen über Bitche zu fahren, habe ich in Lemberg eine Abkürzung über einen neu eingerichteten, asphaltierten voie verte genutzt – ein Tipp auch insbesondere für weniger bergfähige/-willige Pedaleure.

Fr 3.8. Stuttgart – Leonberg – Rutesheim – Perouse – Hausen – Neuhausen – Schellbronn – Unterreichenbach – Langenbrand – Höfen – Dobel (689m) – Bad Herrenalb
75 km | 17,1 km/h | 4:24 h | 1285 Hm
E (Schw.stube): Hirschgulasch, Spätzle, Rotkohl, Rw, Schw.kirschtorte, Cafe 24,70 €
Ü: C Bad Herrenalb 10 €

Unscheinbar als Schnellroute gefahren, da einer meiner Standardrouten Richtung Westen. Hätte auch noch Loffenau oder gar Gernsbach schaffen können, wird aber dann zunehmend schwieriger mit dem Zelten. In Bad Herrenalb ist die kleine Zeltwiese ganz am Ende des Campings, der Platz wird deutlich von Stammcampern (Wohnwagenhäusle) dominiert, Autoparkplätze sind heilig. Die Sanitäranlagen sind zwar gut, sonst aber eher nicht zu empfehlen. Wirt auch ein bisschen muffig – wie Schwarzwälder halt so sind. Meinte zunächst, es wäre kein freier Platz mehr, aber ich könne ja mal schauen. Hab ihm dann berichtet, dass ich auf seiner Wiese noch eine ganze Fußballmannschaft mit Zelten meiner Größe platzieren könne. Es kommt halt drauf an: Da stand eine Zelt, das hatte die Stellfläche von fast 10 Zelten meiner Größe. Jeder hat halt andere Ansprüche. Ruhe gab es auch nicht, die einen lärmten mitten in der Nacht – so Art Partyzelter, die anderen waren als Kinderfamilie schon vor 5 Uhr morgens am Quasseln.

Liest man die Speisekarte der Klosterscheuer, läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Gerühmt werden vor allem hausgemachte Maultaschenspezialitäten. Ungewöhnlichst: Bratwurst aus Forellefilet (sic!). Leider ist der Andrang so groß, das ich auf eine andere Lokalität zurückgreifen muss. Ist aber auch okay gewesen.

Sa 4.8. Bad Herrenalb – Gaistal – Rißwasen (576m) – Loffenau (kleine Wanderung Laufbach-Wasserfälle) – Lautenbach – Gernsbach – Schloss Eberstein – Baden-Baden-Lichtental – Steinbach – Rheinmünster-Söllingen – Greffern Fähre || Drusenheim – Haguenau – Pfaffenhofen – La Petite-Pierre
130 km | 17,2 km/h | 7:32 h | 1085 Hm
E (La Gourmand): Kalbschnitzel in Sahnesauce, PF, Rw, Cafe 17,40 €
Ü: C privat 0 €

Das Gaißtal ermöglicht eine schöne Waldroute, Richtung Rißwasen liegen Weiler – wieder wiesenpickende Hühner – und ein Mühlenrestaurant. Nähe Rißwasen üppige Blumenwiesen. In Loffenau mache ich einen Abstecher zu den Laufbach-Wasserfällen. Das Wasser schleicht über glatt geschliffene Felsrinnen zu Tal – weniger Fälle als schnelle fließende Gefällstrecken – eben wie der Name der Fälle nahe legt „laufendes Wasser“. Begehen kann man sie von oben oder von unten, Rad muss man abstellen dafür. Nicht sehr spektakulär, aber ein idyllisches Fleckchen.

Eine weitere Empfehlung ist die Halbhöhenroute nach Lautenbach. Sie führt mit Panoramablicken auf die Badener Höhen und weiter ins Rheintal durch Streuobstwiesen – Walnüsse, schwer tragende Apfelbäume, Zwetschgen und mehr. Danach fällt die Strecke steil über Lautenbach ins Murgtal ab. In Gernsbach fällt mir etwas versteckt ein interessanter Garten auf. Es handelt sich um einen Ziergarten mit Figuren und Motiven von der Renaissance bis ins Heute, ein Haus japanischer Gartenkultur, ein Froschkönig mit übergroßer goldener Kugel über ihm. Der Garten wird gerade hergerichtet. Es handelt sich um den Katz’schen Garten – ein Schaugarten aus privater Hand Anfang des 19. Jahrhunderts geschaffen und seit gut 10 Jahren durch einen Bürgerverein wieder mit neuem Leben erfüllt. Dazu habe ich bereits das Bilderrätsel 805 gestellt, die entsprechenden Bilder gibt es auch nur dort – in der abschließenden Bildergalerie hier ist der Garten nicht mehr berücksichtigt.

Unter den Übergängen nach Baden-Baden war ich noch nie über Schloss Eberstein gefahren. Die Burg aus dem 13. Jahrhundert thront über dem Murgtal, zu Teilen umgeben von Weinbergen, die heute die Grundlage für schlosseigenen Tropfen bilden. Nebst Weingut kann man insbesondere fein Essen, ein Michelin-Stern die Visitenkarte. Reiche Leute gibt es hier in der Baden-Badener Vermögensschutzzone genug, die Eigentümerfamilie muss nicht Hunger leiden. Das Schloss liegt an einer Spitzkehre, die Aussicht nach Gernsbach bei der Auffahrt aber nur lückenhaft, da der Wald die Sicht nimmt. Die Höhenstraße führt dann weiter vorbei an einem verträumten Brunnen, alsbald dann auf die L78 – die direktere Variante von Gernsbach.

Unter Vermeidung der Stadt Baden-Baden zweige ich gleich in Lichtental über ein kurzes Stück der Schwarzwaldhochstraße ab, um dann in die Rheinebene abzugleiten. Zwischenstopp am Baggersee zu Rheinmünster-Söllingen, der so etwas wie Sanddünen vorzuweisen hat. Unregelmäßig kommt ein Italiener mit Eiswagen vorbeigefahren. Jeder gemütliche Aufenthalt ist aber schon fast eine Weil zuviel, die Kultur ruft. Bis zum Vogesenrand steht nur noch linear-flaches Kilometerraspeln auf dem Programm. Kleine Atempause in Pfaffenhoffen bei ein paar surrealistischen Fassadenmalereien à la Salvador Dalí.

Die Ausschilderung nach La Petite-Pierre führt nördlich an Bouxwiller vorbei über Weiterswiller, wahrscheinlich ist es ruhiger und entspannter über Ingwiller und Sparsbach zu radeln. Ab Weiterswiller steigt die Straße an, nicht sehr steil, aber doch für einen eilige Terminsache lästig. Aus Hügelackerland wird dichte Waldflora. Für den Weg zum abseits gelegenen Camping in Imsthal ist es zu spät, da ich noch etwas gegen den knurrenden Magen brauche. La Petite-Pierre steht derweil ganz im Zeichen des Jazz: Sogar das Restaurant bietet nicht Speisekarte sondern „carte jazz“ an. Für einen 600-Einwohnerort eine große Herausforderung: Fast zwei Wochen Jazz auf Weltniveau, teils Doppelkonzerte an Nachmittag und Abend. Zwar gibt es erstaunlich viele Gastbetriebe für die Ortsgröße, doch wie sind die ausgelastet, wenn kein Festival läuft? Mitten in der Provinz? – etwas Wandertourismus, kein Wintertourismus.

La Petite-Pierre liegt auf einem Felssporn, heißt zu Deutsch Lützelstein, was auf die Felslage anspielt. Dort im oberen Ortsteil befindet sich auch die Burganlage aus dem 12. Jahrhundert, deren exponierte Lage aber nicht zu allen Seiten sichtbar ist. Zwischen Burg und Kirche befindet sich ein Burggartenareal, das sich hervorragend als Konzertbühne eignet. Bei schlechtem Wetter muss das Festival in eine kleine Halle ausweichen (leichter Regen wird durch ein Zeltdach abgehalten). Doch erlebe ich hier eine äußerst milde Sommernacht – kaum ein Unterschied zu Korsika oder – Kuba, der Heimat des Hauptakteurs. Unter den zahlreichen attraktiven Acts musste ich mir ja genau einen Auftritt raussuchen, der an einem Samstagabend stattfand. Umso besser, das mir der Zufall den vielleicht mir am meisten geneigten Auftritt in die Hand/ins Ohr spielte. (Andere Konzerte, die mich interessiert hätten: Zakir Hussain, Boubacar Traoré, Kenny Barron & Mulgrew Miller, Bojan Z, Anouar Brahem Quartet, Avishai Cohen Trio.)

Die Karte hatte ich noch vor dem Essen besorgt, der Eintritt ist hier sehr moderat mit 18 Euro. Grundlage ist, dass nahezu alle Gewerbe des Ortes, Privatleute, die Region und das Klassikfestival von Saverne die finanzielle Basis für ein solch hochkarätiges Festival in der Provinz legen. Diese Geschlossenheit aus Bevölkerung, Wirtschaft und öffentlicher Hand macht denn auch die Atmosphäre sehr sympathisch – das ist überall zu spüren – organisch und geerdet.

Die laue Sommernacht erfüllt dann Roberto Fonseca mit seiner aktuellen Gruppe mit Rhythmen und Klängen zwischen Kuba, Afrika, Jazzharmonien, Rockidiomen und orientalischer Melancholie. Heimlicher Star des Auftritts ist der malische Perkussionist Baba Sissoko, der nicht nur, aber insbesondere mit seiner Sprechtrommel alle Register zieht und seine bunt durchsetzten Rasterlocken dabei fliegen lässt. Roberto Fonseca gehört zu den immer wieder nachwachsenden Pianistentalenten aus Kuba, die die Spitze des Virtuosentums scheinbar spielend leicht erklimmen. (Musikausbildung funktioniert seit je her in Kuba immer gut.) Sein Aufstieg führte über den Buena Vista Social Club, wo er den Altmeister Rubén González ersetzte und der mittlerweile verstorbene Kultsänger Ibrahim Ferrer zu seinem wichtigsten Mentor wurde. Nachhaltig aber auch immer über den Horizont schauend, erweiterte er seine Spielfläche weit in den internationalen Jazz hinaus – etwa mit Herbie Hancock und Wayne Shorter. Ein Bild könnt ihr euch machen über eine Auszug aus meiner eigenen Rezension im Jazz Podium 4/2007 (S. 67) zu Fonsecas Album „Zamazu“ (2007, Enja Records):

Um als junger Jazzpianist in Kuba eine internationale Karriere zu starten, ohne in den Fußstapfen der großen Meister von der Zuckerinsel zu versinken, bedarf es schon einer Originalität, die weit über die reine Könnerschaft hinausreicht. Vordergründig also einer, der über showtaugliche Allüren als Teufelspianist Publikum und Bandmitglieder in Ekstase versetzen und notfalls auch die Frauen als Mannequin in Machopose betören kann. Oder einer, der als HipHop-Produzent und Filmkomponist Geld verdient, und doch weiß, dass das Plakative der Feind der Hohen Kunst ist. Ein solcher ist Roberto Fonseca, denn wer sein neues Album „Zamazu“ hört und den „Was kann der spielen!“-Effektpianisten in der Band von Ibrahim Ferrer in Erinnerung hat, der wird ob der vielen leisen, sehr lyrischen Töne bis hin zur Monkischen Abstraktion überrascht sein. Fonseca setzt auf variable Besetzungen, die jedem Stück eine eigene Klangfarbe und dem ganzen Album eine bestechend reiche Vielfalt verleihen. … Zwischen aller Poesie versteckt sind sie dann doch noch, die rasenden Tastenläufe, die romantisch orchestrale Strahlkraft, die hymnisch-rocklastigen Cluster, das virtuose Feuer auf dem Klavier. Soviel intelligente, gleichwohl schöne wie pulsierende Musik macht süchtig.

Es gibt zwar auch ein paar (inoffizielle) Videos aus Petite-Pierre bei YouTube, ich habe jedoch schon aus klangtechnischen Gründen andere Klangbeispiele ausgewählt:

Roberto Fonseca „Clandestino“ aus CD „Zamazu“ (4:46 min.)

Roberto Fonseca „Cuando Uno Crece – live 2010” (6:45 min.)

Fonseca in Marciac – Interplay mit Baba Sissoko (3:43 min.)

Ein erhebendes Konzerterlebnis mag einen positiven Schlummerfaktor haben, doch wo bettet man sich in einem Ort umgeben von unzugänglichen Wäldern? Ich hatte angedacht, ein Stück zurückzufahren, wo ein Abzweig wohl zu einer Wiese führte. Dennoch suchte ich trotz der mehrere Hunderte von Menschen auch die Ränder der Burganlage mit dem Auge ab, ob vielleicht eine geschickte Nische zu finden wäre. Da sprach mit ein Mann mit Frau an: „Sie suchen doch was? Sie suchen noch was für die Nacht?“ Der Mann hatte offenbar einen geschulten Blick. Es ergab sich, dass er Einheimischer war, mit Elsässerin verheiratet und hier im Ruhestand lebend, aber gebürtig und arbeitend gewesen im Kölschen Rheinland – also so eine Art Blutsverwandter. lach Es stellte sich heraus, dass er schon öfters Radler in seine Garten eingeladen hatte, um zu campieren, er selbst auch dem Radeln nicht abgeneigt ist und meine beabsichtigte Nächsttagesroute kritisch beäugte. So fand ich mich bald in einem schönen Elsässer Garten wieder, weiche Wiese, Aussicht vorhanden. Den verpassten Nachtisch bekam ich auch noch in Form von selbstgebackenen Kuchen beim Mitternachtsgespräch (internationale Radgeschichten, Bankwesen), nebst Frau auch noch der Sohn mit Frau (aus Nizza stammend). Tja, komische Dinge, die man so auf Radreisen erlebt – schöne natürlich derweil. Ich sage hier mal offiziell Danke!, obwohl ich ja mal wieder den Namen vergessen haben peinlich – Haus würde ich aber wieder finden, schmunzel so weit ist es ja auch nicht weg. Zwei Radetappen westwärts eben.

So 5.8. La Petite-Pierre – Erckartswiller – Col de Pfaffeneck (318m) – Puberg – Col de Puberg (325m) – Wingen – Goetzenbruck – Lemberg – voie verte/RF – Col de Widerschall (392m) – Mouterhouse – Col de la Kundschaft/Col du Kammbühl (354m) – Reipertswiller – Rothbach – Zinswiller – Col d'Holdereck (408m) – Col de l'Ungerthal (438m) – Oberbronn – Reichshoffen – Eberbach – Gunstett – Betschdorf – Hatten – Beinheim – Rastatt || per Bahn || Stuttgart
142 km | 14,6 km/h | 9:44 h | 1345 Hm
E (Lehners Wirtshaus): Bier, Schweinebraten, Kloß, Krautsalat, Apfelküchle m. Vanilles., Cafe 19,80 €

Der eigentliche radlerische Vogesentrip dieser Wochenendtour war denn auch gleich der Rückreisetag. Der Kölner wollte von meiner frühmorgendlichen Erweckung nichts wissen (Rentner möchten ausschlafen), sodass ich La Petite-Pierre in ländlicher Stille verlassen habe. Wie schon eingangs erwähnt, fehlen im Folgenden markante Merkmale. Meist Buchenwald, dazwischen etwas Weideland um die Orte, Puberg dabei auf dem Berg liegend. Auf und ab, machbare Routen auch für bergkritische Radler.

Zu den kleineren Sehenswürdigkeiten zählen die Moderquelle und der Stein der zwölf Apostel (Breitenstein). Es handelt sich eigentlich um einen Menhir, dessen Bedeutung sich im Laufe der Zeiten immer wieder änderte. So gehen die Spuren bis in die Steinzeit zurück, der Ort diente ebenso okkulten Handlungen wie auch astronomischen Berechnungen, war vielleicht auch Ort eines Meteoriteneinschlags. Die christliche Deutung erfolgte erst im Jahre 1787, doch wurden die das Kreuz umgebenden Figuren schon wenig später enthauptet (säkulare französische Revolution), nachgewiesen ist die strategische Bedeutung des Ortes für die Rheinarmee, die hier einen wichtigen Wachtposten unterhielt.

Die erste offene Bäckerei des Tages finde ich erst in Lemberg, ein Ort, der auch heute noch für die Kristallproduktion bekannt ist. Wo Industrie, da auch Bahn. Am südlichen Ortseingang beim Bahnhof ist ein voie verte ausgeschildert, der erlaubt, nicht über Bitche zu fahren, um auf die Forststraße nach Mouterhouse zu gelangen. Ich nehme die zufällige Gelegenheit gerne an, der Rad- und Wanderweg ist durchgehend asphaltiert und noch ganz neu. Leicht zu fahren, nett durch Buchenwald. Der Bahntrassenweg mündet auf besagte Forststraße, auf der es steigungsarm nicht mehr weit zum Hochpunkt ist. (Alternativ kann man die Route auch für den Weg nach Bitche benutzten, dann Straße runterfahren). Auf der Südseite dann ein sumpfiges, stilles Tal, ein bisschen Vogesen-Urwald dabei.

Mouterhouse ist Angelrevier, der See dort dient dem geordneten Fischfang, überall Stege – der Franzose angelt mehr als das er baden geht. Man muss dann noch vor Baerenthal zur Route de Kundschaft abzweigen. Hier hat man radlerisch wieder einen echten Pass unter dem Pedal, wenngleich kein großer. Unten vermoderte Teiche, idyllisch, still, mystisch, oben mal geordneter, mal ungeordneter Wald. Die Südseite mit etwas gepflegteren Teichen, auch hübsch, schattig. In Reipertwiller gab es mal eine bedeutende Gesundquelle, heute muss man sich mit Wasser ohne große Erwartungen begnügen. Für Radler ist aber jedes frische Wasser ein Genuss. Danach nochmal idyllische Teiche, Auenwiesen im Rothbachtal.

Noch eine Bergroute hatte ich ausgespäht. Bei Zinsweiler zweigt man zunächst ab entlang der Zinzel du Nord, nimmt aber wenig später die erneut abzweigende Forststraße „Daumen-Linsenthal“. Diese ist auch voll asphaltiert und führt quasi um den Falkenberg herum, wobei man vom Holdereck etwas runterfährt, bevor es zum Col de l’Ungerthal nochmals kurz hoch geht (restliche Körner bewahren). Die Steigungen sind hier teils recht steil, die Route ist aber ohnehin eine reine Luxusroute für Radler, die nirgendwo hin wollen. schmunzel Im unteren, noch flacheren Bereich kann man zu einem kleinen See abzweigen, in dem schöne Seerosen wachsen – weiße und rote.

Auch dieser Sommertag ist etwas gemischt, nach nebligem Morgen, recht drückend schwül, aber auch immer wieder bewölkt, sodass gar dunkle Wolken kurz aufziehen. Doch bleibt es trocken, derweil die Route mehr auf und ab führt als vermutet, weil ich eine Umleitung nehmen muss. Den Abschluss bildet das empfehlenswerte Lehners Wirtshaus in Rastatt, das über ein für mich besonders gut bekömmliches Kellerbier verfügt. Die Dirndl-Kleidung wird auf der Speisekarte auch erklärt, wie rum der Knoten, die Schleife sein muss, damit man sieht, ob Fräulein noch zu haben ist. Die Bedienung muss also aufpassen, wie sie bindet, sonst werden niedere Jagdinstinkte geweckt. grins

Bildergalerie Tour III (125 Fotos, bitte auf Bild klicken):

Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
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#922060 - 22.03.13 19:31 Re: Vogesen-Tripel 2012 [Re: veloträumer]
kettenraucher
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Ich setz mir jetzt einfach mal fixe Lesezeichen zu Deinen Touren. Auch diese Beschreibung ist ganz nach meinem Geschmack. Ich möchte mich schlicht mal herzlich für diese kompetenten und informationsreichen Anregungen bedanken. Vieles möchte ich einfach nur mal nachfahren.
Allen gute Fahrt und schöne Reise.
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#1091659 - 30.12.14 23:10 La Petite-Pierre revisited 2014 [Re: veloträumer]
veloträumer
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Dem scheinbar abgeschlossenen 3-Touren-Bericht aus 2012 möchte ich hier noch eine Fortsetzungsgeschichte aus 2014 anhängen, die sich unmittelbar auf die letzte (dritte) Tour bezieht. Gleicher Zielort, aber ein diesmal südlicher Anschlusstag in den Nordvogesen.

IV. La Petite-Pierre (LPP) revisited 2014 – oder: Über die schwierige Mission eines rheinischen Sattelkuriers aus Schwaben im provinziellen Elsass offenherzige Sachsen zu treffen um mediterrane Weltmusik und amerikanischen City-Groove zu hören
3-4 Tage | 360 km | 3775 Hm

Lesemusik (zum 1. Musik-Act): Renaud Garcia-Fons „Aqa Jan“ aus: „Entremundo“ (7:51 min.)

Gewiss, ein Kurierdienst ist Terminsache. Nichts ahnend legte ich mich bereits ca. 10 Wochen zuvor auf eine scheinbar profane Wiederholungsreise nach La Petite-Pierre fest, bereichert um ein paar Schleifen durch die Nordvogesen. Ich vereinbarte Birgit und Hans zu treffen, ein Paar aus der Nähe von Freiberg in Sachsen, wobei er mir als freier Mitarbeiter immerhin über Fernkommunikation bekannt war. Die Kuriersache war also so etwas wie einen Mitarbeitergruß zu übermitteln (wie üblich sind aber Kurierangelegenheiten meist Geheimsache und bleiben daher unter Verschluss). Beide hatte ich u. a. durch meine Vogesen-Reisen, speziell durch die Schilderung des Jazzfestivals in La Petite-Pierre animiert, dort für die Dauer des gesamten Festivals Urlaub zu machen. Für Sachsen sind Elsässer Fachwerkhäuser mit ihrem Blumenschmuck und den vielen Details, die die Bewohner gerne dort anbringen, eine wunderbare Welt, die zu entdecken lohnt. (Und ich seh’s immer wieder gerne.) Die roten Felstürme im Pfälzer Wald und den Nordvogesen könnte man gar als eine parallele Steinsagenwelt zur Sächsischen Schweiz interpretieren – es gibt also Anknüpfungspunkte. Gewiss, Birgit und Hans sind keine Radler, auf Reisen Italien-geneigt, aber eher Frankreich-Neulinge, wenngleich mit kleiner Vorerfahrung im Elsass.

Umso mehr bewunderte ich die Entscheidung, die fast urwaldeinsamen Nordvogesen aufzusuchen, um Musiker von internationalem Rang zu erleben – und nicht das allverdächtigte Stuttgart mit Elite-Jazzclub und einem gehypten sommerlichen Jazz-Event, das noch seinen Stil und seine kulturelle Identität sucht, die über „wir sind Schwaben, wir können alles … wir haben das Geld dafür“ hinausreicht. Kultur braucht zwar Geld, aber sie ist doch noch nicht käuflich – zumindest manchmal nicht. Die nicht gekaufte Kultur muss man suchen, finden, entdecken – sie wird einem nicht nachgeworfen. Das ist ihr Geheimnis. Wenn Orte diesem Geheimnis Raum und Atem geben, dann haben sie selbst Kultur, dann sind diese Orte des Verweilens wert, wie es ein entschleunigter Mensch mal gerne erlebt. Wie mir Birgit und Hans glaubhaft versicherten, waren sie von der elsässischen Gastfreundschaft und dem charmanten wie ebenso kompetenten Festivalambiente schlichtweg begeistert, was bei den erfahrenen Festivalgängern von Großevents zwischen Düsseldorf, Dresden und der jazzahead Bremen etwas heißen will.

Ich selbst konnte nur einen wochenendnahen Termin aussuchen – bei der faszinierenden Programmgestaltung dieses feinen Festivals ist aber immer was für mich dabei. Es kam mir besonders gelegen, einen meiner Lieblingsmusiker, den Bassvirtuosen Renaud Garcia-Fons zu erleben. Eine satte Neo-Hardboptruppe mit brillantem Groove und Bläsersound wie The Cookers konnte als Ergänzung dabei natürlich nicht schaden. Garcia-Fons steht auch für so etwas wie einen musicien mediterranée, umfasst doch sein stilistischer Horizont verschiedenste Mittelmeerregionen von der Iberischen Halbinsel bis zum Nahen und Mittleren Osten. Für einen Mittelmeermusiker hatte ich natürlich auch Mittelmeersommerwetter im August zu hoffen gewagt – zumal es vor zwei Jahren mit dem Kubaner Roberto Fonseca und einer elsässischen Karibik-Sommernacht auch geklappt hatte. Doch 2014 war natürlich gaaaaanz anders.

Ich erlaube mir meine grafischen Interpretationen meiner eigenen Fotos nochmal ein Stück auszubauen, auch den Musikercharakteren so näher zu kommen. Renaud Garcia-Fons erscheint in einer Bilderfolge, des Abtauchens in die Tiefe des Bassspiels, den nachdenklichen Ton, sich steigernd in die ekstatische Hingabe, die Loslösung von der Umgebung in das eigene Ich des Künstlers, dem plötzlichen Auftauchen mit einer Portion musikalischen Humors bis hin zum schmunzelnden, spielerisch leichten Schweben über dem scheinbar so schwerfälligen Holzkorpus bis der Bass nur noch zu singen scheint. Vom philosophisch-kreativen Franzosen über das Geheimnisvolle des Orients, das Rhythmische des Blues bis zur Offenherzigkeit des Katalanenblutes. Am Schluss bleibt der lächelnde Triumph des musikalischen Charmes.

Je einem „realen“ Foto der Hauptakteure bei The Cookers habe ich je eine Bild-Interpretation gegenübergestellt. (Die banddienlichen, dadurch wirksam dem Ensemble den Boden bereitenden Billy Harper an den Drums und George Cables am Piano vermieden es, sich irgendwie optisch in den Vordergrund zu drängen und blieben so von mir kameratechnisch unbeachtet.) Da ist der recht klar agierende Tenorsaxophonist Billy Harper, ein bühnenpräsenter Gentleman, sein scheinbar leicht zu durchschauendes Spiel, wenngleich facettenreich wie in ein feingliedriges Mosaik. Da ist der Neuzugang Donald Harrison, ein Wirbelwind am Altsaxophon, der entgegen seiner unscheinbaren Statur großartige Soli herauszublasen und die Show an sich zu reißen vermag. Da ist der Trompeter Eddie Henderson, klar und strahlend im Ton, abstrakt defragmentierend die Sequenzen wie geometrische Figuren, im offbeat versetzte Muster aus blue notes und der virtuosen Brillanz des Tonhöhenspiels. Da ist David Weiss, der Lenker und Denker der Truppe, um den Gesamtklang bemüht, nicht weniger klar im Ausdruck am Horn, aber leicht kühl, ein understatement im Soloklang, ein Meister in der Gestaltung des Ensemblesounds. Und dann ist da noch der Altmeister am Bass, Cecil McBee, ein alter, weiser Mann würde man sagen, mit edelgrauem Haar, elegant in der Erscheinung, ebenso im Klang, doch nicht minder moderne Patterns spielend, wie ein Schachspieler in klaren Linien, aber faszinierend von spontaner Spielintelligenz ebenso wie von kompositorischer Komplexität getrieben. Das ganze gepackt in einen treibenden Ensemblesound, der die Köpfe frei macht.

14.8. Stuttgart- Leonberg – Perouse – Hausen – Neuhausen – Monbachtal – Unterreichenbach – Engelsbrand – Neuenbürg – Conweiler – Marxzell – Burbach – Moosbronn – Freiolzheim – Waldprechtsweier – Malsch (+)
AE (Asia-Imbiss, Malsch): Ente in Erdnusssauce, Gem. Reis, Bier 9,50 €
Ü: C wild 0 €
92 km | 16,2 km/h | 5:46 h | 1405 Hm

Der Anritt über den Schwarzwald verlief schon unter schweren Wolken, die aber noch an Ladehemmungen litten. Ein kurzer Gewitterschauer verzögerte den Start, es blieb dann aber kühl-trocken bis in die Nacht im Oberrheingraben. Ob kühl oder kalt ist eine Streitfrage, die nicht mehr zu klären lohnt. Immerhin konnte ich am Sonntag gar sommerlich aufatmen und bei starken Winden an den verwehten Sanddünen des Krieger-Baggersees bei Rheinstetten ein verzagtes Bad nehmen.

Die Absicht auf dem Camping in Walprechtsweier kippte ich deswegen, weil in diesem von mir erdachten Touristenort die Bürgersteige hoch geklappt waren und Gastronomiebetriebe dort unbekannt scheinen. Trotz der manchmal gerühmten badischen Küche setzte sich derartiger Eindruck eines verarmten, verlassenen Landstriches ohne Lokalitäten weiter fort, denn auch in Malsch fanden sich nur berüchtigte Bretterbuden – wahlweise türkisch oder chinesisch, wobei ich mich für die Asiaten entschied. Es reicht aber nicht mal für eine windstille Ecke – aber dafür hat man ja Windjacken an Bord oder man würzt etwas schärfer nach.

15.8. Malsch (+) – Muggensturm – Niederbühl – Beinheim – Hatten – Betschdorf – Gunstett – Griesbach – Pfaffenhofen – Ingwiller – Sparsbach – La Petite-Pierre
AE (Rest. beim Chateau): Hähnchen in Sahnesauce, Nudeln, Salat, Rw, Cafe 0 € (eingeladen)
Ü: H Aux Trois Roses (in der Lounge) 0 €, + Frühstück (eingeladen)
B: 2 Festival-Konzerte Au grés du Jazz: Renaud Garcia-Fons/The Cookers 36 €
96 km | 15,6 km/h | 6:11 h | 780 Hm

Mit dem Morgen kam auch der Regen, der nicht mal ausreichend Pause zum Zelteinpacken ließ. Von den Muggensturmer Nussbaumwiesen bis zum Muggensturmer Zentrum reicht es, die Hände schrumpelig zu wässern. Die Stehcafeplätze in Muggensturm sind insgesamt etwa auf sechs Personen begrenzt, die nun mal gleich am Berufsverkehrsmorgen schnell belegt waren. Erst bei der Bäckerei ein paar Regenecken weiter fand die zweite Hälfte der freien Muggensturmer Stühle, sodass ich doch noch zu einem Aufwärmkaffee kam. Nach Westen war aber denkbar schlecht zu radeln. Dass Wind von dort kommt, ist sicherlich Einheimischen vertraut. Dass aber eine atlantische Wasserwand via das gesamte Frankreich über die Vogesenhügel es bis zum Sommer am Oberrheingraben schaffen würde, war schon doch eher eine zarte Erinnerung an die Sintflut-Ereignisse, von denen ein gewisser Pirineosaurus jüngst aus einer anderen Region im Atlantik-Stream zu berichten hatte.

Nun bin ich ähnlich schlecht mit modernen Kommunikationsmitteln ausgestattet wie ein Pirineosaurus einst gewesen ist. Das hat seine Vorteile, da man nicht gleich so schnell die Flinte ins Korn wirft und Verabredungen versucht auch gegen einen Regentsunami einzuhalten. Mit ein paar Unterbrechungen bei Starkregen durfte ich mich über die Qualitäten meiner eigenen, mir bisher nicht bekannten Schwimmhaut erfreuen. Gegen Mittag schafften es dann sogar wenige Sonnenstrahlen ins Elsässer Hügelland. Eine freundliche Geste des Gastlandes, vielleicht auch unterstützt unter dem Einfluss seiner sächsischen Gäste.

Die herzlich erfreuliche Begegnung mit den Sachsen machte es dann leichter, den ausgefallenen Burgabend zu verschmerzen, derweil die Musiker in der ersatzweise bereit gehaltenen Halle des Ortes aufspielen mussten. Den feinen Nuancen des Solobassspiels von Garcia-Fons kam das auch sicherlich entgegen, wären die Töne bei dem Wind schnell fortgetragen worden. Von der Kälte des Abends wollen wir schweigen – zumal er mit stark prozentigen Elsässer Rebentropfen merklich gut aufgewärmt wurde. Der sicherlich etwas ungewöhnliche Übernachtungsplatz hätte vielleicht auch noch eine kleine Geschichte verdient, die ich aber hiermit mal im Radlerlateinkasten unter Verschluss halte. In jedem Fall scheint der Ort für besondere Übernachtungsformen vorgezeichnet zu sein, wie sich mir wiederholt bestätigte.

Zur Route sei gesagt, dass der Anfahrtsweg nach La Petite-Pierre durchaus reizvolle Passagen hat, insbesondere aber über ruhige Straßen führte. Zu bemerken ist, dass in Karten wohl meist als D87 eingezeichnete Straße zwischen der D297 westlich von Kesseldorf und der Einmündung auf die D28 nach Hatten mittlerweile eine reine Radfahrstraße ist. An der D28 ist dann auch noch vor Hatten das Ligne-Maginot-Museum Esch zu finden, wo einst heftige Kämpfe in den Endtagen des Zweiten Weltkrieges zwischen Deutschen und Amerikanern stattfanden. Man möge mir die blutgetränkte Dramatisierung eines Bildes verzeihen, aber im Original schien mir der Platz eines kriegerischen Grauens fast schon zu schön gestaltet zu sein. Erwähnenswerte ist das Töpferstädtchen Betschdorf, sofern an dieser Handwerkskunst Interesse besteht. Die sehenswerten, bemalten Häuserfassaden zu Pfaffenhoffen hatte ich ja bereits auf der 2012er-LPP-Tour berücksichtigt. Sicherlich nochmal ruhiger und ohne den Festivalanfahrtsverkehr führt die Straße über Sparsbach, wobei man allerdings einen kleinen Zwischenhügel mit folgendem Höhenmeterverlust hinnehmen muss. Insgesamt ist aber der Anstieg nach La Petite-Pierre auch auf dieser Variante recht harmlos.

16.8. La Petite-Pierre – Hammerweyer – Phalsbourg – Lutzelbourg – Haselbourg – La Hoube – dev. C.d.l.S. – Col de la Schleif (689m) – Col de la Wetzlach (732m) – Col du Sandplatz (798m) – Windsbourg – Engenthal – Cosswiller – Geissweg/Col du Schanz (414m) – Wasselonne
AE (Aux Trois Gôuts): Indische Paella, div. Saucen, Fladenbrot m. Käse, Rw, Cafe 25 €
Ü: C Municipal 8,80 €
87 km | 12,8 km/h | 6:41 h | 1285 Hm

La Petite-Pierre liegt auf einem Berggrat und entsprechend der nahe gelegene Camping doch recht erstaunlich tief unterhalb LPP in einem verwunschenen Sumpftal mit Fischteichen, wie sie in den Nordvogesen typisch sind. Nahebei ist auch die Auberge Imsthal zu finden – wer es komfortabler mag. Bei roten Felsen (Oberhof) liegt die Abzweigung nach Phalsbourg, dem ein mäßiger Anstieg folgt, vielleicht etwas kräftiger zu oben hin. In Phalsbourg, auch als ein kleines Gourmetzentrum bekannt, fällt aus dem symmetrischen Straßenbild mit übergroßem Platz die eigentümliche Kirche hervor. Einen Schönheitspreis würde ich aber nicht vergeben. Der weitere Verlauf nach der Abfahrt entlang des Rhein-Marne-Kanals dürfte im Forum nicht gerade unbekannt sein. Neben dem Schiffshebewerk St-Louis/Arzviller sind hier wie auch folgend Richtung Dabo die vielen Verkaufs- und Produktionsstätten von Elsässer Kristall erwähnenswert. Eine schlicht unfassliche Variantenvielfalt von Formen und Motiven – teils natürlich künstlerisch konstruiert, teils aber auch dem Zufall beim Glasblasen überlassen. Ich verpasste allerdings den Kauf einer geeigneten Glaskugel, ist diese doch eigentlich Voraussetzung für die Teilnahme am Forum, so wie mir auch schon ein Besitz einer solchen unterstellt wurde, ohne die sich mein Radlerlatein offenbar nicht alle Forumistas erklären können.

Um eine Variante zur Dabo-Route zu nehmen, bin ich über Haselbourg gefahren. Während sich die Dabo-Route langsam nach oben windet und sich in Zollstock mit der Haselbourg-Route unterhalb des Col de Valsberg zusammenschließt, steigt die Haselbourg-Route durch Buchenwald recht schnell an. Danach bewegt man sich zunächst über einen Berggrat recht panoramareich, fällt aber in der Höhe wieder ab, bevor man zu Zollstock hin wieder stärker aufsteigt. So gesehen ist Haselbourg etwas schwieriger zu fahren als Dabo, sofern man zum Col de Valsberg bzw. zur Cascade du Nideck fahren möchte (vgl. diese Route in: Nordvogesen – Pfingsten 2008).

Da ich bereits Valsberg/Nideck gefahren bin, suchte ich eine Variante. Dazu kann man etwas unterhalb Zollstock auf eine Asphaltstraße zum Col de la Schleif abbiegen. Teils hat man Heidekräuter, Blaubeeren, Strauch-Mischwald, bevor sich die dunkleren Höhenwälder ausbreiten. Am Col de la Schleif sind gleich zwei Schutzhütten zu finden, und wo sich gemäß der Auto-Erreichbarkeit auch vielerlei Grillfreunde einfinden können – bei Regen mehr Pilzsammler. Der Col de la Schleif ist aber auch ein Knotenpunkt zahlreicher Wanderwege/Waldpisten, von denen wohl auch mehrere mit Reiserad befahrbar sind – mit Mountainbike ohnehin. Nicht zuletzt wegen des häufigen Regens der Tage führt die beste Fahrpiste (auch zuweilen mal ein Auto) zum Col du Wetzlach, weiter zum Sandplatz. Dort trifft man auf die Windsbourg-Route, die nun abwärts asphaltiert nach Engenthal runterführt oder aber auch per Piste diverse Möglichkeiten eröffnet wie etwa zum mythischen Donon oder via Talmulde der Zorn nach Dabo bzw. zurück zum Rhein-Marne-Kanal oder nach Sarrebourg, sowie Walscheid (um die wichtigsten Anschlüsse zu nennen). Die Walscheid-Tour ab Sandplatz habe ich hier bereits auf als Halloween-Tour bei den anfangs verlinkten 2011er-Touren vorgestellt.

Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass einst hier im Forum aktiver, mittlerweile leider allerdings verschollener peterxtr als Vogesenkenner gute Tipps zu diesem Gebiet mir einst geliefert hatte. Da zeitgleich an dem Wochenende natash auch eine Memorial-Tour zu Ehren peterxtr zur Teufelsmühle organisierte, an der ich nicht teilnehmen konnte, so kam mir doch hier in den einsamen Wegen um den Col du Wetzlach ein kleiner Erinnerungsgedanke an diesen zweifellos etwas schrägen wie eigenwilligen Forumsradler.

Eine noch neue Route führte mich durch einen einsamen Wald über Geissweg/Col du Schanz (der eigentliche Hochpunkt ist Geissweg, auch als solcher zu suchen oder zu erfragen; Col du Schanz kennt keiner, liegt eigentlich unterhalb). Es gibt hier aber kaum bemerkenswertes zu berichten, vielleicht, dass an der Geissweg-Wiese ein verlassenes Haus steht. Von hier kommt man statt nach Wasselonne auch schnell nach Westhoffen, etwas länger dauern die Übergänge nach Oberhaslach oder ins Bruche-Tal im Süden. In Wasselonne bin ich in die doch recht überteuerte Pizzeria diesmal nicht rein, konnte stattdessen aber recht gut bei einem Inder speisen. Das einzige, recht urige Flammkuchen/Elsass-Spezialitäten-Restaurant liegt im unteren Teil zu Ortsende Richtung Cosswiller/alte Papierfabrik. Dort ist aber rappelvoll gewesen.

17.8. Wasselonne – Marlenheim – Ittenheim – Stutzheim – Lampertheim – Le Wantzenau – Drusenheim – Kriegersee (Söllingen) – Hügelsheim – Rastatt || per Bahn || Stuttgart
AE (Lehners Wirtshaus): Schweinebraten m. Käse u. Champignons überbacken, Spätzle, Bier 13,80 €
85 km | 18,3 km/h | 4:39 h | 305 Hm

Das hübsche Wasselonne, wo ich bereits zum zweiten Male campierte, ist dann Ausgangspunkt der Heimroute des letzten Tages, die nochmal bis etwa Lampertheim einige kleine Hügel bereit hält – nicht nur mit Wein, auch mit Mais und Tabak bepflanzt. Insbesondere Marlenheim ist noch ein malerisches Weinörtchen. Nach Rheinebenenfahrt und Baggerseeintermezzo wollte ich noch den Abschluss des Wochenendes feiern. Das von mir bereits einmal herausgehobene Lehners Wirtshaus in Rastatt (gutes Kellerbier) enttäuschte diesmal allerdings auf ganzer Linie (Service, Essensqualität, bestätigt von anderem Radlerpaar).

Bildermusik (zum 2. Musik-Act): The Cookers „Sir Galahad” aus „Time And Time Again” (7:57 min.)

Empfohlene Betrachtungsweise: [b]Man klicke auf das Einladungsbild. Es erscheint das erste reguläre Bild der Galerie. Man suche die Funktion Diaschau (über dem Bild) und erlaube die komplette Bildschirmausnutzung. Danach verwende man die Pfeiltasten für vor und zurück und fahre so fort, um von Bild zu Bild zu gelangen. Für die Vorwärtsbewegung kann man alternativ auch auf das jeweilige Bild klicken. Mit der ESC-Taste (alternativ auch F11) hebt man die Vollbilddarstellung auf dem Desktop wieder auf. Einige Bilder sind untertitelt, sodass die geografische Abfolge der Motive zugeordnet werden kann.

Bildergalerie Tour IV (85 Fotos, bitte auf Bild klicken):


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Geändert von veloträumer (30.12.14 23:11)
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#1091675 - 31.12.14 01:06 Re: La Petite-Pierre revisited 2014 [Re: veloträumer]
StefanS
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Hallo Matthias,

Danke für den wie immer unterhaltsamen Bericht. Musst Du da jetzt nicht den Betreff ändern und Vogesen-Quartett draus machen? Wir haben uns um gar nicht so viel verpasst, am 14. war ich auch im Elsass unterwegs - aber bei gutem Wetter und quasi nur, um eine Fahrplanlücke zwischen TGV und IC gebührend auszunutzen. Phalsbourg scheint mir eher für die Burgen bekannt zu sein, die etwas entfernt vom Ort im Wald liegen.

Viele Grüße,
Stefan
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#1091966 - 01.01.15 21:10 Re: La Petite-Pierre revisited 2014 [Re: StefanS]
veloträumer
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Beiträge: 12931
Titel musste ich als nicht verifiziertes Mitgleid durch die Mods ändern lassen, was ja dankenswerterweise mittlerweile geschehen ist. Das Tripel bezieht sich ja auf 2012, im Jahr zuvor (2011) hatte ich auch schon ein Tripel (nur anders genannt). 2013 hatte ich aber ein Vogesen-Pause, 2014 wollte ich noch eine zweite Tour machen, ging aber nicht. Insofern blieb nur der Anknüpfungspunkt LPP und wollte daher keinen neuen Berichtsfaden eröffnen.

Dein Wetterglück macht mich etwas ratlos, ob ich die dunklen Wolken anziehe (als Wassermann) und du ein Kind der Sonne bist. verwirrt Tatsächlich nahte ja die Wolkenfront am 14. von Westen ran. Sie zog aber schnell, am Oberrhein war es abends eher noch trocken, sodass ich mir lokale Aufhellungen vorstellen kann. Die lokalen Mikroklimate sind auch nicht zu verachten: Auf der Fahrt nach LPP sah man nach Norden Richtung Pfälzer Wald die dunkelsten Wolken (breite Wald- und Hügelfläche). An der eher schmalen und niedrigen Vogesenpassage bei LPP hellte es hingegen am schnellsten auf (bzw. Richtung Ebene bei Straßburg). Am Samstag wollten sie abends auch wieder open air auf der Burg die Konzerte aufspielen lassen, weil kein Regen mehr gemeldet. Ich hatte trotzdem Gewitterschauer am Col de la Schleif, was aber eben auch mit der höheren Berglage und dem breiteren Vorgesenrücken südlich des Rhein-Marne-Kanals zu tun hat. Wirklich sommerlich war es in LPP allerdings die gesamte Festivalzeit nicht (ca. 12 Tage), auch wenn es mehrere Freiluftkonzerte gab. Vor allem war es deutlich zu kalt. Mitte August so sehr unüblich, wie ja auch Einheimische bestätigt haben.
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Matthias
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