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#543806 - 02.08.09 21:00 R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher
wolki
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 10
Dauer:11 Tage
Zeitraum:8.6.2009 bis 18.6.2009
Entfernung:780 Kilometer
Bereiste Länder:deDeutschland
plPolen

Hallo zusammen,

anbei der Bericht über die Radtour durch Polen. Wir, mein Vater und ich, sind zunächst auf dem R1 unterwegs gewesen, um dann anschließend in die Masuren abzubiegen.

Ich hoffe, Euch gefällt der Bericht. Bin für Kritik, positiv wie negativ, offen.

Tag 1 – Anreise mit dem Auto
Um 05:30 Uhr klingelte der Wecker und um 06:15 Uhr stiegen wir ins Auto. Ziel: Berlin, genauer: Ostberlin. Dort leben Bekannte meines Großvaters, bei denen wir meinen Wagen unterstellen wollen, solange wir uns in Polen aufhielten. Die Anreise gestaltete sich dank Navigationssystem leicht. Das Haus der Bekannten liegt unweit einer S-Bahnstation und war somit idealer Ausgangspunkt für die Reise nach Polen. Kurzzeitig hatten wir überlegt, direkt an der B1 bis zur Grenze zu fahren. Allerdings wollte ich ungern direkt an der Straße entlang fahren und ich war mir nicht sicher, ob überall Fahrradwege vorhanden sind.

In Berlin angekommen, werden wir äußerst freundlich von den beiden Gastgebern begrüßt und sogleich eingeladen, einen kleinen Mittagssnack zu uns zu nehmen. Wir sagen gerne zu, bauen aber zunächst die Fahrräder auf. Dabei passiert mir leider das Missgeschick, mit dem Finger in die Speichen des Laufrads zu greifen, welches ich gerade in mein Mountainbike einspanne. Der Fingernagel meines Mittelfingers riss tief ein und ein Stück der Haut unter der Fingerkuppe war leider auch betroffen, sodass ich schnellstens in Bad ging, um nicht alles vollzubluten. Nach notdürftiger Stillung der Blutung und der Anlage eines provisorischen Verbands essen wir noch die bereitgestellten Buletten und machen uns dann auf den Weg Richtung S-Bahn Haltestelle.


Fahrradaufbau in Berlin

Dort erleben wir dann zum ersten Mal, was es heißt, mit dem BOB YAK Anhänger unterwegs zu sein: In erster Linie Stress für den Mitfahrer. Mein Vater, der sich von nun immer um diese Aufgabe kümmerte, muss den Anhänger die Bahnsteigunterführungen hoch- bzw. runterhieven während ich das Mountainbike trage. Der Prozess wiederholte sich dann an jedem Bahnhof, zum Teil über zwei Etagen. Von der Haltestelle geht es über die Haltestelle Ostkreuz (Umstieg) nach Lichtenberg. Von dort fahren wir mit dem Regionalzug weiter (NE3652). Im Zug sprechen uns ein paar Mitfahrer an, die sich nach dem Ziel unser Reise erkundigen. Auf den verletzten Finger angesprochen, erzähle ich, dass wir den Arztbesuch in Polen planen. Davon raten uns die Anwesenden aufgrund des bevorstehenden Sonntags ab. Stattdessen empfehlen sie uns den Ausstieg in Seelow, um das dortige Krankenhaus aufzusuchen. Wir halten das für keine schlechte Idee, verpassen es aber, den uns völlig unbekannten „Haltewunsch“-Knopf zu drücken. Bis wir den Fehler realisieren und den Knopf endlich drücken, ist es beinahe zu spät und wir steigen an der letzten Station vor der Grenze aus.

Wir müssen also Wohl oder Übel an der B1 zurückfahren, um das Krankenhaus zu erreichen. Dank des GPS Geräts stellte sich das als leichter als gedacht heraus, zumal Seelow doch recht beschaulich ist. Schon gut schwitzend, weil mit normalen Klamotten unterwegs, erreichen wir den Lutherstift. Mein Vater sieht sich sogleich in einem Gespräch mit einem Mann verwickelt, der vor der Tür die Sonne genoss. Dieser erzählt von der weit verbreiteten Hoffnungslosigkeit in Seelow und Umgebung. Er selbst ist arbeitslos und seine Söhne sind längst in größere Städte gezogen, um Arbeit zu finden. Nach einer Stunde Wartezeit inkl. Behandlung ist mein Finger verarztet. Ein dicker Verband, der es unmöglich macht, Fahrradhandschuhe zu tragen. Um kein Risiko einzugehen und niemand in meiner Familie weiß, wann ich die letzte Spritze erhalten habe, erhalte ich zusätzlich eine Teternus Spritze. Interessante Notiz am Rande: Außer dem Oberarzt sind alle anwesenden Ärzte Polen. Die Untersuchung des Fingers geht daher auch eher wortkarg, aber absolut nicht unsympathisch oder grob vonstatten, der anwesenden, deutschen Krankenschwester erzähle ich von der geplanten Reise durch Polen.


Im Krankenhaus wird meine Verletzung versorgt

Da wir wenig Lust haben, an den Tag noch weiter in die Länge zu ziehen, entschlossen wir uns für die Übernachtung im Hotel „Brandenburger Hof“, das sich in Seelow befindet. 70 Euro für das Doppelzimmer sind sicher etwas teurer als in Polen, dafür aber 20 Kilometer näher! Da Seelow (aus meiner Sicht) nicht wirklich mehr zu bieten hat als den Lidl gegenüber dem Hotel, essen wir abends im Hotel und sind froh, trotz des kleinen Zwischenfalls alles geschafft zu haben.

Tag 2 – Die erste Tour
Am nächsten Morgen frühstücken wir nur kurz, denn das großartige Abendessen vor Vorabend sättigt uns noch immer. Wir einigen uns, den Tag von nun an immer so beginnen zu lassen: 06:00 Uhr aufstehen, 07:00 Uhr Frühstück, 08:00 Uhr auf dem Sattel. Bis auf wenige Ausnahmen ist uns das auch gelungen bzw. die Abweichung war dann meist gewollt.


In kompletter Regenmontur und Verband geht es los

Leider regnet es zu Beginn unser ersten Tour. Die Temperaturen sind auch nicht gerade einladend und wir starten mit kompletter Regenmontur: Regenhose, Regenjacke bzw. Outdoorjacke sowie Regenüberzug für die Radschuhe. Da wir, oder sagen wir lieber „ich“, möglichst schnell wieder an den Plan anknüpfen wollen, der ja den Start von Kostrzyn vorsah, radeln wir direkt an der B1 entlang Richtung Polen. Der ohnehin geringe Verkehr fährt im großzügigen Abstand an uns vorbei und stört wenig. Kurz vor der Grenze folgen wir leider einer Ausschilderung des R1 und biegen von der B1 ab. Der Weg führt auch zunächst in die richtige Richtung, macht dann aber nach 500 Metern matschiger und versandeter Strecke kehrt. Wir kehren auch um und fahren von da an lieber an der B1 entlang bzw. an einer parallel verlaufenen Straße. Kurz vor dem Grenzübergang dann ein kleines Fotoshooting vor dem Hinweis-Schild „R1 in Polen“.


Hinweisschild R1 kurz vor der deutsch-polnischen Grenze

Der Grenze selbst ist noch ruhig, aber wir ahnen, was hier los ist, wenn alle Augenoptiker, Tankstellen und Friseure öffnen. Ohne Probleme gelangen wir auf die Straße, die auf meinem GPS-Gerät blau hinterlegt ist: Der Beginn des R1 in Polen. Das polnische Grenzgebiet hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits sehen wir viele Vögel und können die Landschaft genießen, andererseits durchqueren wir einige scheinbar verlassene Dörfer. Diese Zusammenstellungen von kleinen Höfen und verfallenen Häusern wirken unheimlich bedrückend und wir halten uns nicht lange auf. Der R1 selbst ist schon hier sehr gut ausgeschildert und an jedem Ortseingangs- und -ausgangsschild klebt ein R1-Hinweis. Auch wenn wir dank des GPS-Geräts und der aufgezeichneten Touren nicht unbedingt darauf angewiesen sind, geben diese Schilder doch ein wenig Sicherheit. Ganz auf das GPS-Gerät verlassen möchte ich mich nicht.


Erste Eindrücke aus Polen bei Nieselregen

Nach den ersten siebzig Kilometern mit Nieselregeln und doch etwas unterkühlten Temperaturen fange ich an zu frieren. Auch wenn ich es ungern zugebe, geht es mir nicht gut und ich fühle, wie mich meine Kräfte verlassen. Die Kombination kurze Radhose und lange, nicht atmungsaktive Regenhose ergeben eine Tropfsteinhöhle: Der Schweiß wird nicht nicht nach außen abgegeben, sondern bleibt auf meiner Haut liegen. Gegen den Wind erkalte ich so sehr schnell. An einem Kiosk, die es in jedem größeren Dorf gibt, ziehe ich zwischen Regenhose und Radhose eine Jogginghose. Die hilft mir sehr und so schaffen wir bei mittlerweile trockenem Wetter die 120 Kilometer bis nach Miedzyrecz. In der Stadt selbst halten wir uns an die Schilder „Hotel“ und werden prompt enttäuscht. Statt auf ein Hotel in der Nähe zu verweisen, erfahren wir wieder am Ortsausgang, dass das ersehnte Hotel noch 5 Kilometer entfernt ist. Da wir wenig Lust verspüren, auch nur einen Kilometer zu fahren, suchen wir in der Stadt nach einer Unterkunft.


Die "Tequilla Bar"

Die „Tequilla Bar“ klang zwar etwas zwilichtig, das Doppelzimmmer inkl. Frühstück für 80 Zloty ist aber insgesamt super. Wir richten uns ein und genießen abends in einem polnischen Restaurant Bigos, das klassisch-polnischen Gericht schlechthin. Müde nach 120 Kilometern gehen wir gegen 21:00 Uhr schlafen.


Einblick in das Zimmer

Tag 3
Das Frühstück in der Tequilla Bar besteht aus ein paar Weißbroten, Rührei, Wurst, Käse, Butter und vor allem Tee. Satt und bereit für die nächste Tour, bezahlen wir bei der Reinigungskraft (!), holen unsere Fährrader vom Hinterhof und starten in einen sonnigen Tag. Aufgrund der Erfahrungen von Tag 2 haben wir uns nur 63 Kilometer vorgenommen. Auf dem Weg zum Zielort treffen wir Bernd. Der Deutsche fährt mit einem Kollegen von Kaliningrad bis nach Paderborn – eine beeindruckende Strecke. Bernd und sein Kollege, der schon ein paar Kilometer vorgefahren war, sollten nicht die einzigen Fernradfahrer sein, die wir auf dem Weg treffen, aber doch die einzigen, mit denen wir ein paar Worte wechseln.


Endlich: Landschaft!


Landschaft mit Radfahrer

Nach einer kurzen Rast nach 50 Kilometern erreichen wir 13 Kilometer später gegen Mittag Drezdenko. Die Strecke war nicht sonderlich schön, da für den Schwerlastverkehr zugelassen, aber auch nichts gegen den Verkehr in Großstädten. Wieder kommt das GPS Gerät bei der Suche eines Hotels zum Einsatz. Trotz großer Schilder am Ortseingang würde es uns sonst sehr schwer fallen, die Hotels in den Städten zu finden. Das 3-Sterne Hotel „El Jan“ berechnet uns für das Doppelzimmer inkl. Frühstück 220 Zloty. Unsere Fahrräder werden in einem Hobbyraum sicher untergebracht. Trotz des am Nachmittag phasenweise einsetzenden Regen erkunden wir die Stadt und finden eine richtige Einkaufspromenade.


Unsere Hauptmahlzeit am Abend

Wir essen Eis und Pizza zu günstigen Preisen und begeben uns zum Bahnhof im Norden der Stadt. Am Schalter versuchen wir der Dame klar zu machen, was wir wollen, stoßen aber auf taube Ohren, weil wir kein Polnisch, die Dame kein Deutsch oder Englisch sprechen kann. Wir bekommen immerhin eine Karte von Polen, auf der alle Linien eingezeichnet sein sollen. Zurück am Hotel frage ich die junge Kellnerin nach möglichen Zugreservierungen. Ihre Antwort: In Polen reserviert man keine Sitzplätze oder Fahrradtickets. Man geht einfach hin, löst die Tickets und fährt mit. Das beruhigt mich etwas, denn ich bin nicht der Typ, der auf so einer Radtour Risiken eingeht, die evtl. zu vermeiden sind.


Eindrücke aus Drezdenko




Unser Hotel im Ort
Wie üblich gehen wir früh schlafen und bereiten uns innerlich auf die etwas längere Tour am morgigen Tag vor.

Tag 4
Neben die Zimmern ist auch das Frühstück im Hotel Eljan sehr gut, auch wenn die für das Frühstück zuständige Dame etwas verwundert schaut, als wir mit Radmontur um 06:50 Uhr im Saal erscheinen. Als es darum geht, unsere Fahrräder aus dem besagten Hobbyraum zu holen, erleben wir eine Überraschung. Der Raum ist offensichtlich so gut gesichert, dass das eigene Personal nicht in den Raum gelangt. Wir müssen durch den Hintereingang rein und tragen die Fahrräder zum Teil durch die engen Flure. Wieder starten wir bei bestem Wetter und nur leichtem Gegenwind. Nach wenigen Kilometern biegen wir von der Hauptstraße ab und fahren von nun auf einer netten und wenig befahrenen Route. Polen, so wie man es sich vorstellt. Kleine Dörfer, die inzwischen auch belebt sind (s. Tag 2), Vögel, insbesondere brütende Störcher und viel Landschaft.


Eine Holzkirche


Die Sonne scheint - wir nutzen vorsichtshalber unsere Sonnencreme


Eins der vielen Storchennester am Wegesrand


Zwischenstopp

Nach 95 Kilometern erreichen wir Pila. Zunächst wirkt die Stadt wenig einladend. Ein Hochhaus reiht sich an das nächste und die als Radweg ausgezeichneten Wege neben den zweispurigen Straßen sind äußerst schlecht zu befahren. Ich fühle mich etwas unwohl, als ich diese Wohnblöcke sehe – als Dörfler und Kleinstadtbewohner sehe ich so etwas ja eher selten. Wir checken im Hotel Gwda ein. Das Hotel hat die besten Zeiten hinter sich, die nette Dame an der Rezeption spricht aber Englisch und sorgt für die beste Unterkunft unser Räder auf der gesamten Reise: Ein eigenes Hotelzimmer. Ohne Zusatzkosten.


Das trostlose Zimmer im Hotel Gwda

Da Pila eine etwas größere Stadt ist, versuchen wir unser Glück und fragen an der Hotelrezeption nach einer Wäscherei. Und wer sagt's denn: Die Frau kann uns auf der Karte einen entsprechenden Ort zeigen, wo wir unsere verschwitzten Sachen waschen lassen können. Wir gehen zu Fuß los und finden dank GPS-Gerät (werde ich noch ein paar Mal schreiben) sofort die Straße. Da uns die Dame von der Rezeption den Namen des Geschäfts aufgeschrieben hat, kann uns eine Kioskbesitzerin auch dort weiterhelfen, wo ein GPS-Gerät ohne weitere Angaben nicht helfen kann. Die Wäscherei befindet sich in einer alten Bruchbude und mir ist etwas mulmig zumute, als ich den Vorhang zur Seite schiebe, der den Blick in das Innere des Gebäudes verhindert. Drinnen verfliegt dieses mulmige Gefühl doch sogleich, als uns ein Pole hereinwinkt und freundlich grinst. Obwohl er es sicher auch selbst weiß, zeichnen wir ihm auf, bei wie viel Grad unsere Sachen gewaschen werden müssen. Schließlich brauchen wir die Fahrradhosen und Trikots noch. Er schreibt uns die Uhrzeit auf, wann wir die Sachen wieder abholen können: Etwa eine Dreiviertelstunde benötigt der Kollege für unsere Sachen.


Der freundliche Herr aus der Wäscherei

Wir schauen uns derweil in der nahen Umgebung nach einer Möglichkeit zu Essen um und finden wieder mal eine Pizzeria. Als die Kellnerin merkt, dass wir Deutsche sind, ruft sie ihren Mann, den Eigentümer der Pizzeria heran. Bald stellt sich heraus, dass die beiden die Pizzeria erst vor zwei Monaten eröffnet haben. Vorher lebten sie lange Zeit in Deutschland, genauer in Köln Brühl. Der Mann arbeitete dort für 12 Jahre bei Renault, bis seine Frau nach Polen zurückwollte. Nun versuchen sie in Pila eine Existenz aufzubauen. Nach dieser Begegnung der sehr sympathischen Art versprechen wir, ihr Geschäft weiter zu empfehlen, hole ich schnell die hoffentlich gewaschenen Klamotten ab. Und tatsächlich: Der nette Herr hat alles fertig und die Sachen riechen mächtig nach Weichspüler. Da wir vorher nicht verhandelt haben, bleibt uns jetzt natürlich nichts anderes über, als den happigen Lohn von 40 Zloty zu überreichen. Im Gegenzug schieße ich mit dem Handy meines Vaters noch zwei unscharfe Fotos (siehe oberes Bild).

Wieder im Hotel schreibe ich etwas an diesem Bericht und mein Vater erkundet die Stadt. Als ein riesiges Gewitter durch die Stadt zieht, merke ich, wie depressiv mich diese Hochhausbunker auf Dauer machen würden. Das wenige Licht, dass durch das Gewitter leicht gelblich wirkt, scheint durch die Vorhänge auf ein trostloses Hotelzimmer mit nur einem 30 x 30 Zentimeter großen Bild. Wenig aufmunternd, aber da ich noch immer satt bin vom Essen, stört mich das kaum und nachdem mein Vater wieder da ist, gehen wir wie immer früher schlafen.

Tag 5
Das Frühstück im Hotel Gwada findet im Keller statt. Allein das sollte eigentlich schon als Beschreibung ausreichen, hier aber noch ein paar Details: Als wir um 07:00 Uhr im Kellerrestaurant auftauchen, sehen wir zunächst die drei einarmigen Banditen unter der Treppe stehen. Man mag es kaum glauben, aber alle drei Plätze waren besetzt. Irgendwie passt dieses Bild zu dieser Stadt – etwas trist und wenig einladend. Das Frühstück ist entgegen unserer Erwartung doch ganz in Ordnung. Kein Buffet, aber darauf lege auch keine gesteigerten Wert, sofern das Essen auch so satt macht. Und das tut es.


Abfahrt am Hotel Gwda

Für heute stehen 120 Kilometern auf dem Plan und wir fahren früh los und verlassen Pila auf der Hauptstraße. Beim Aufzeichnen des Tracks ist mir hier leider ein Fehler unterlaufen und anstelle der 11 fahren wir auf der autobahnähnlichen 10. Obwohl die Richtung in etwa passte, möchte ich so nie wieder radfahren. Nur mit höchster Konzentration und Ausweichen auf die Sandspur neben der Straße haben wir den Schwerlastverkehr und die rasenden PKW überlebt.

Nach 12 Kilometern Hölle biegen wir ab und fahren von nun an mit Rückenwind und Sonnenschein. Entlang des Weges sehen wir wieder jede Menge Störche mit ihren Jungen. Sehr schön anzusehen.


Zwischenstopp am Rande einer kleinen Siedlung


Typisches Dorf in Polen - schwer zu erkennen: Der Dorfkiosk

Ein Stück neben dem Dorf: Diese Betonbunker

Die Kilometer fliegen dahin und am frühen Nachmittag erreichen wir Koronowo. Leider müssen wir feststellen, dass das angepeilte Hotel nicht mehr existiert. Wir fragen im Touristenzentrum, welches direkt am Hauptplatz untergebracht ist, nach einer Unterkunft für eine Nacht. Da der Herr hinter der Theke mich nicht versteht, aber wohl mitbekommen hat, dass ich Deutscher bin, ruft er eine Bekannte an, die alles Weitere übersetzt. Ich bekomme eine lange Liste mit Adressen, von denen zwei als besonders gut hervorgehoben sind. Zusätzlich gibt mir der ebenfalls anwesende Junge eine DVD mit, auf der Informationen über Koronowo zu finden sind.

Wieder draußen, entscheiden wir uns für das Privatzimmer, dass nur wenige hundert Meter weiter an der Straße liegt. Dort angekommen öffnet uns ein Junge im Alter von etwa 16 Jahren die Tür und wir verständigen uns auf Englisch. Das klappt schon mal sehr gut und kurz darauf kommt seine Mutter, die uns die Garage für die Fahrräder im Hinterhof sowie das sehr bunt gemischt eingerichtete Zimmer zeigt, dass über eine separate Außentreppe erreicht werden kann. Wie immer duschen wir schnell und machen uns dann auf in die Stadt, um unsere Vorräte an Riegeln und Wasser aufzufrischen, die wir während der ganzen Fahrt tagsüber gegessen haben.


Das Zimmmer

Nachdem das erledigt ist, suchen wir noch einem Restaurant. Leider erweist sich auch Koronowo als Stadt ohne polnisches Restaurant. Es scheint, als würden die Polen ihre eigenen Spezialitäten nur daheim kochen. Notgedrungen essen wir in einer Dönerbude. Der Döner schmeckt wie in Deutschland – nicht schlecht, aber eigentlich nicht das, was wir in Polen essen wollten.


Eindrücke aus Koronowo


Eine verwaiste Synagoge


Hier wurde schon lange nicht mehr renoviert


Gute Mischung: Porzellan und Zahnbürsten gibt es hier zu kaufen

Wir verbringen noch einige Zeit im Stadtzentrum, erkunden die Umgebung und essen noch ein kühlendes Eis. Anschließend geht es zurück zum Zimmer.

- Ende Teil 1 - Teil 2 folgt in den nächsten Tage, wenn ich die Zeit dazu finde -
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#543807 - 02.08.09 21:03 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: wolki]
wolki
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Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 10
- Reserviert für Teil 2 -
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#545128 - 09.08.09 21:53 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: wolki]
wolki
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Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 10
Tag 6
Wir genießen das Frühstück in Koronowo. Die Dame des Hauses hat an alles gedacht und wir essen direkt im Zimmer. Wie immer gibt es Tee. Dazu kommt zum ersten Mal so etwas wie Graubrot. Ein paar Körner sind sogar zu erkennen. Es erscheint mir wie auch in Dänemark unverständlich, wie die Menschen hier auf eine so leckere Erfindung wie Körnerbrötchen und -brot verzichten können.


Das sehr gute Frühstück in Koronowo

Nach dem Frühstück holen wir unsere Fahrräder aus der Garage und wollen bezahlen. Leider ist die nette Frau, bei der wir das Privatzimmer gebucht haben, nicht aufzutreiben und auch ihren Sohn finden wir nirgends. Da wir heute wieder einige Kilometer schaffen wollen, legen wir das Geld notgedrungen in das Zimmer und hoffen, dass niemand es stiehlt. 120 Zloty für das Zimmer sind ein guter Preis und wir legen noch etwas dazu in der Hoffnung, dass uns die Dame unsere eilige Abreise verzeiht.

Um wieder auf den R1 zu kommen müssen wir ein Stück an einer stärker befahrenen Straße entlang, radeln aber schon nach kurzer Zeit auf beinahe autoleeren Straßen. Dank des Feiertags können wir ab und zu riskieren, nebeneinander zu fahren. Das ist in Polen sonst eher nicht möglich, da auch auf den kleinen Straßen immer mit schnellem Verkehr gerechnet werden muss und die Straßen kaum Platz zum Ausweichen bieten. Der Wind spielt heute leider nicht so ganz mit wie in den vorherigen Tagen. Nur wenn wir in Richtung Nord-Ost fahren, hilft er ein wenig, bläst ansonsten eher stark von der Seite.

Wir erreichen die Weichsel, hier ein paar Eindrücke












Kurz vor Grudziadz folgen wir dem aufgezeichneten Track auf dem GPS-Gerät. Leider stellt sich dies als Fehler heraus und wir stranden vor einem Gatter, dass die Durchfahrt explizit verbietet. Laut der Beschreibung im Buch „Masuren per Rad“ führt der R1 aber hier entlang. Wir entschließen uns, zurück zur Hauptstraße zu fahren, von der wir vorher abgebogen sind. Dort stossen wir auch wieder auf die R1 Beschilderung, die nach dem Bau eines Radwegs entlang der Hauptstraße, bereits aktualisiert wurde. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir Grudziadz. Wir wollen direkt zum Bahnhof und finden diesen mithilfe des GPS-Geräts auch sofort. Grudziadz selbst reizt nicht gerade durch schöne Ansichten. Plattenbau an Plattenbau entlang der Straßen. Ich fühle mich an Pila erinnert, nur erscheint es mir hier noch ein wenig trister.


Am Bahnhof von Grudziadz


Grudziadz: Eher weniger schön

Mit der Ankunft am Bahnhof verlassen wir den R1. Dieser führt über Elblag und Frombork bis zur russischen Grenze nach Kaliningrad. Wir haben uns bis zuletzt offen gehalten, ob wir den R1 weiterfahren oder mit dem Zug in Richtung Masuren abbiegen. Letztlich gaben wir den Verheißungen im angesprochenen Buch nach und entschieden uns für die Masuren. Die Strecke auf dem R1 soll laut Beschreibung im Buch noch bis Kwidzyn sehr schön sein, danach führt der Weg aber mehr und mehr an größeren Straßen entlang, die wir meiden möchten.

Bevor die Bahnfahrt von Grudziadz losgehen kann, brauchen wir erstmal die richtigen Tickets. Da ich schon einige Vorbereitungen getroffen habe, klappt die ganze Sache doch recht reibungslos trotz Sprachbarriere und Schlange am Ticketschalter. Am Ende erhalte ich 3 Tickets – 1 Personenticket und 2 Fahrradtickets. Irgendwie konnte ich der Dame dann doch nicht so ganz verständlich machen, dass wir 3 Fahrradtickets möchten, um jeglichen Scherereien mit den Kontrolleuren bzgl. meines Lastenanhängers aus dem Weg zu gehen.

Leider fährt der nächste Zug nach Olsztyn erst in drei Stunden und wir müssen uns die Zeit vertreiben. Mein Vater verbringt die Zeit damit, am Bahnsteig entlang zu wandern während ich ein paar Notizen ins Tourenbuch aufnehme. Ganz nebenbei können wir der polnischen Polizei bei der Geschwindigkeitskontrolle zuschauen. Trotz des des Feiertags werden regelmäßig PKW aus dem Verkehr gezogen. Die Erwischten müssen dann bis zu einer Dreiviertelstunde am Polizeiwagen ausharren und irgendwelche Formulare ausfüllen. Dann lieber gleich an das Geschwindigkeitslimit halten.

Als der Zug endlich kommt, müssen wir feststellen, dass die polnischen Züge leider einen sehr hohen Einstieg haben.Mit Mühe und Not schaffen wir die Räder in den Waggon und setzen uns direkt daneben auf zwei Notsitze. Die Bimmelbahn fährt mit maximal 50 km/h durch die malerische Landschaft. Irgendwo steigt ein Mann in meinem Alter ein, ebenfalls mit Mountainbike, aber ohne Reisegepäck. Wir unterhalten uns kurz auf Englisch und er hilft uns beim Umsteigen. Der zweite Zug auf dem Weg nach Olsztyn trifft mit Verspätung ein und wir schaffen es gerade noch, unsere Fahrräder reinzuschaffen, bevor der Zug schon wieder abfährt. Der Mann gibt uns noch den Tipp, erst am zweiten Halt in Olsztyn auszusteigen. Ein Hinweis, der uns vermutlich einige Kilometer auf dem Rad erspart haben dürfte.


Etwas müde von der Zugfahrt erreichen wir dann Olsztyn Growny, was soviel heißt wie Olsztyn Hauptbahnhof. Ich schmeiße schnell mein GPS-Gerät an und wir machen uns auf dem Weg zu einem der Hotels, die im Reiseführer empfohlen werden. Es liegt gleich am großen Tor in Olsztyn. Von dort führt die Promenade durch die Stadt. Ich erkundige mich nach einem Bett, aber der mürrische Mann hinter der Theke zeigt nur auf ein Schild mit Betten und nuschelt „Voll“. Unfähig weiter zu kommunizieren wendet er sich ab und ich bin wieder mal froh mit dem GPS-Gerät unterwegs zu sein, denn das nächste Hotel, „Relaks“ hätten wir vermutlich sonst nie gefunden. Es liegt etwa 1 Kilometer abseits des Zentrums. Die Frau an der Rezeption spricht Englisch und wir buchen uns für eine Nacht ein. Die Fahrräder können wir in einem kleinen, abgeschlossenen Raum neben der Rezeption unterstellen. Das Zimmer selbst ist karg ausgestattet und hat wie das Hotel die besten Zeiten vermutlich hinter sich. Wir duschen uns schnell und gehen dann in die Stadt um etwas zu essen.

Auf der Promenade merken wir schnell, das Olsztyn schon wesentlich touristischer angelegt ist als die Städte, in denen wir zuvor übernachteten. Die historische Altstadt ist herausgeputzt und im Zentrum sprudelt ein Springbrunnen. Überall locken Fresstempel und wir schaffen es erneut nicht, ein polnisches Restaurant ausfindig zu machen.Stattdessen essen wir griechisch in Polen. Das Essen ist wie immer günstig (22 Zloty das ganz große Menü) und wir bekommen die riesigen Portionen kaum auf.

Tag 7
Von Olsztyn geht es weiter in den Osten. Die Masuren sind unser Ziel und heute werden wir sie zum ersten Mal per Rad erkunden. Das Frühstück im Hotel Relaks findet im anliegenden Hotel statt. Da wir die einzigen Gäste im gesamten Hotel (bestimmt 100 Zimmer) zu sein scheinen, gibt es heute kein Buffet, dafür aber ausreichend Brote, Wurst, Käse und Rührei direkt am Platz. Wir merken uns das Hotel schon mal für unsere Rückreise vor, wenn wir aus den Mausuren zurückkehren.

Bevor wir die Tour starten, fahren wir noch zum Bahnhof, um die Tickets für die Rückfahrt zu buchen. Der frühe Kauf ist mal wieder meinen Bedenken geschuldet, nicht wieder nach Hause zu kommen. Der Ticketkauf gestaltet sich auch dieses Mal beinahe problemlos, denn ich habe alle relevanten Punkte auf einem Blatt Papier notiert. Da wir direkt mit den Fahrräder vorgefahren sind, erhalten wir sogar drei Fahrradtickets. Eine Sitzplatzreservierung ist dagegen scheinbar nicht möglich, auf Nachfrage gibt die freundliche Dame an der Rezpetion aber die Auskunft, dass wie erhofft, ein Fahrradwaggon vorhanden sein wird. Für 141 Zloty erhalten wir zwei Personentickets und drei Fahrradtickets. Bahnfahren in Polen ist also wirklich sehr günstig.

Vom Bahnhof machen wir uns in Richtung Masuren auf. Unser heutiges Ziel lautet Ruciane Nida, der geplante Ausgangspunkt für unsere Touren durch die Masuren. Zu Beginn der Fahrt ist es etwas kalt. 10 Grad zwingen uns zu langen Hosen und Jacken. Die 85 Kilometer bis zum Zielort fallen uns trotz Rückenwinds heute nicht leicht. Die Kälte macht mir wie am zweiten Tag der Reise zu schaffen. Ich notiere in Gedanken, mir für den Winter eine ordentliche Ausrüstung für solche und kältere Tage zuzulegen.



Die Landschaft ringsum verändert sich merklich. Wir fahren auf gering befahrenen Straßen an vielen Wäldern und Seen vorbei. Das letzte Stück bis zum Zielort ist dann noch mal ein hartes Stück Arbeit. Hauptstraße mit viel Verkehr. Wir durchfahren mehrere kleine Städte, die scheinbar komplett auf Tourismus setzen. Überall winken „Zimmer frei“ Schilder und wir sehen einige deutsche Kennzeichen. Nichts wie weg von diesen Tourizentren denke ich, doch es sollte noch schlimmer werden.

Am Zielort stellen wir fest, dass Ruciane Nida lediglich aus einer Hauptstraße mit Souveniershops und Restaurants besteht. Äußerst abstoßend wirken die Menschenmengen, die sich davor drängen und mit ihren Wagen die ganze Straße blockieren. Wenig zuversichtlich fahren wir zu dem angepeilten Hotel. Dort bestätigen sich unsere Befürchtungen. Alle Zimmer sind ausgebucht, trotz horrender Preise. Die Dame an der Rezpetion telefoniert auf meinen Wunsch hin noch mit anderen Hotels und fragt nach freien Plätzen, doch da ist nichts zu machen. Ruciane Nida wird uns heute keine Unterkunft bieten. Ich koche innerlich und bin wütend, dass wir nun noch weiterfahren müssen. Es ist eine Sache, geplant 100 Kilometer und mehr zu fahren oder gezwungen zu sein, statt der geplanten 80 Kilometer noch 20 Kilometer drauf zu legen.

Uns bleibt jedenfalls keine Wahl und wir verabschieden uns aus Ruciane Nida – ein Touristenloch, dass wir uns zu gerne erspart hätten. Weiter geht es auf der Hauptstraße gen Pisz. Die gut geteerte Straße erlaubt uns ein schnelles Vorankommen und auch die Sonne zeigt sich am Nachmittag. Meine Wut lässt nach und wir erreichen müde das Hotel „Nad Pisz“. Dort erhalten wir ein Zimmer mit Sicht auf den Fluß. Es ist ansonsten eher mager ausgestattet und wirkt etwas mitgenommen. Die aufwändig gestaltete Fassade des Hotels täuscht jedenfalls. Vermutlich haben wir als Radtouristen aber einfach die schlechtesten Zimmer erhalten. Die Fahrräder können wir gegenüber der Rezeption in einem engen Raum unterstellen – Kostenpunkt: 5 Zloty extra pro Fahrrad und Nacht – wofür auch immer.


Blick aus dem Hotelzimmer


Von außen wirkt das Hotel Nad Pisz sehr schön, die Zimmer können leider nicht ganz mithalten

Ziemlich müde von der langen Fahrt beschließen wir spontan eine Nacht dran zu hängen, um uns etwas zu regenerieren. Abends essen wir im Hotel. Die nette Dame, die uns bedient, sollte in den nächsten zwei Tagen sowohl zum Abendessen als auch zum Frühstück unsere Bedienung darstellen. Top Arbeitszeiten, wie mir scheint.

Tag 8
Heute steht eine Tour durch die Masuren an. Zum ersten Mal können wir damit nicht auf die von mir aufgezeichneten Tracks zurückgreifen. Stattdessen setzen wir eine Karte ein, die mein Vater in Hamburg erstanden hatte. Diese wirklich wunderbar aufgebaute Karte mit zahlreichen Details hat leider einen Nachteil: Die Wege, die als Radweg ausgezeichnet waren, gehen aus unserer Sicht nicht mal als Wanderweg durch. Hüfthohe Gräser, Sandpisten und grobe Schotterwege machen uns das Leben schwer, obwohl wir heute ohne Taschen unterwegs sind.


Noch regnet es nicht...


Der "Radweg"


Auf dieser Sandpiste musste mein Vater dann absteigen.

Wir kämpfen uns voran, werden aber zu allem Übel noch von starkem Regen überrascht. Letztlich brechen wir die Tour ab und fahren an der Hauptstraße zurück zum Hotel. Völlig durchnässt falle ich in ein Stimmungstief und bin mies drauf. Das Fahren ohne konkretes Ziel ist nicht mein Ding und das wir dann noch im Regen unterwegs waren, macht mir schwer zu schaffen. Mein Vater ist von meiner miesen Laune nicht wirklich begeistert und wir beschließen am nächsten Tag abzureisen. Abends essen wir mangels Alternative wieder im Hotel (und werden von der gleichen Dame bedient).

Nachts erlebt mein Vater dann noch ein Beinahe-Abenteuer. Vom Geruch der Chips, die wir fahrlässig auf dem Boden stehen lassen hatten, angelockt, krabbeln Mäuse in die Tüte und sogar das Bett.


Hinterlassenschaften der Mäuse

Tag 9
Am nächsten Morgen frühstücken wir wieder mal ausgiebig. Das Buffet ist spitze. Am Nebentisch sitzt auch eine Radfahrerin, die aber so abweisend wirkt, dass wir uns nicht trauen, Sie anzusprechen. Anschließend bezahlen wir unsere zweite Übernachtung, von dem geforderten Preis zahlen wir aufgrund des Mausbefalls nur die Hälfte. Das Hotel hinterlässt insgesamt einen gemischten Eindruck. Einerseits haben wir ein ausgezeichnetes Frühstück und Abendessen erhalten, andererseits fühlen wir uns etwas verschaukelt in Anbetracht des schlechten Zimmers und der teils arroganten Rezeption.

Bei strömenden Regen verlassen wir um 08:20 Uhr das Hotel und werden von den deutschen Touristen freundlich und etwas mitleidig verabschiedet. Wir fahren heute wieder Richtung Westen, also gegen den Wind. Dick eingepackt in Regensachen und lange Hosen kämpfen wir uns voran. Die Straßenverhältnisse sind gut, nur ab und zu müssen wir auf die Schlaglöcher achten, die uns seit unserem Start an der Grenze zu Deutschland begleiten.


Pause im strömenden Regen

Der Weg führt noch einmal durch die Masuren. Gefühlte Stunden fahren wir nur durch den Wald. Wäre der Regen nicht so hartnäckig gewesen, hätte man sicher noch häufiger anhalten können, um die wunderbare Landschaft zu genießen. Der Wald dient auch hervorragend dazu, uns vor dem teil peitschenden Wind zu schützen, der sich uns entgegen wirft. Nach 50 Kilometern hört es endlich auf zu regnen.


Nach 50 Kilometern hört es endlich auf zu regnen

Wir sind froh und fahren auf den restlichen 35 Kilometern unsere Sachen beinahe trocken, bevor wir in Szczytno das Hotel Krystina anfahren. Die Bedienung spricht außerordentlich gut Deutsch und wir erhalten ein wunderschönes Zimmer, aus dessen Fenster wir fast auf den See schauen, um den die Stadt gebaut ist. Wir duschen uns und erkunden die Stadt.

Mehr durch Zufall entdecken wir dabei eine kleine Teestube, die im Hinterhof eines Hauses eingerichtet ist. Wir bestellen Tee aus riesigen Teepötten und genießen die Sonne, die nun angenehm warm erscheint. Ich unterhalte mich mich mit der netten Kellnerin. Sie studiert in der Stadt und ersetzt heute eine kranke Kollegin. Nach dem wirklich sehr guten Tee gönnen wir uns noch ein Eis, kaufen für die Tour am nächsten Tag ein und ruhen uns anschließend im Hotelzimmer aus.


Die Teestube direkt auf der Theaterbühne


Lecker!


Die Sachen müssen trocknen.

Hier noch ein paar Eindrücke von der Stadt.


Moderner Ablasshandel: Dieser Stand war nach dem Kirchengang gut besucht


Der See ist das Zentrum der Stadt


Blick vom Café auf den See

Am späten Nachmittag setzen wir uns in ein Café am See und genießen die schöne Aussicht. Die Stadt zählt sicher mit zu den schönsten Orten auf der Reise. Abends essen wir im Hotel und gehen wieder früh schlafen.

Tag 10
Die heutige Tour führt uns an das Ende unserer Reise auf dem Rad. Wir fahren ein kurzes Stück, bis wir wieder auf die bekannte Route Richtung Olsztyn einbiegen. Die Sonne scheint und wir machen längere Pausen, um noch ein paar Fotos zur Erinnerung an die Masuren zu schießen.


Eindrücke aus den Masuren


Wunderschöne Landschaften


Ein Stück weiter


Unsere Fahrräder vor malerischer Kulisse


Häufig zu finden sind die Kreuze am Wegesrand - manchmal auch mit Namen des Verstorbenen versehen mit entsprechenden Kratzern an den umstehenden Bäumen - einige Polen übertreiben es wohl mit dem Tempo


Pause


Und weiter geht es

Kurz vor Olsztyn müssen wir uns noch mal gegen starken Wind und mit der Verkehrsdichte kämpfen, erreichen aber trotzdem noch einigermaßen entspannt die Stadt. Wir kommen wieder im Hotel Relaks unter – dieses Mal in der vierten Etage. Von dort können wir über die gesamte Stadt blicken und einige Fotos beim Sonnenuntergang knipsen. Der Tag geht mit eine Abendessen auf der Promenade zu Ende.

Tag 11
Dieser Tag sollte der Erholung dienen. Wir erkunden ein wenig die Stadt, essen mal hier und mal da was und so vergeht der Tag doch recht schnell. An dieser Stelle ein paar Eindrücke aus Olsztyn:


Blick aus dem Hotelzimmer


Die Altstadt von Olsztyn


Alstadt Teil 2


Blick auf das Stadttor

Tag 12
Der Tag der langen Rückreise. Morgens packen wir unsere Sachen neu. Statt der Fahrradhosen ziehen wir heute normale Kleidung an. Der Anhänger wird fest geschnürt und wir machen uns nach dem Frühstück (dieses Mal mit Buffet) auf in Richtung Hauptbahnhof. Um 11:24 Uhr fährt doch unser Zug in Richtung Stettin.


Unser Zug rollt ein

Am Tag zuvor hatten wir den Zug bereits beobachtet und wissen daher, wo der Fahrradwaggon anhält. Das Einladen verläuft problemlos und wir ergattern ein Abteil direkt neben den Fahrrädern. Dank des Sichtfensters können wir jederzeit ein Auge auf unsere gut verstauten Fahrräder werfen.


Das Fahrradabteil mit Sichtfenster

Die Fahrkarten werden während der achstündigen Reise bis zur deutsch-polnischen Grenze häufiger betrachtet, aber immer akzeptiert.

Jetzt zahlt sich aus, dass ich während der gesamten Tour ein Buch mitgeschleppt habe. Bis zum Ende der Bahnfahrt habe ich es beinahe durchgelesen. Auch mein Vater konnte in einem Laden in Olsztyn zwei Bücher erwerben, so dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

In Stettin angekommen, kümmert sich mein Vater zunächst um die Tickets. Dank Online-Recherche am Vortag in Olsztyn wissen wir, dass um 06:00 Uhr ein Zug Richtung Berlin fährt. Nach 20 Minuten bangen Wartens auf dem Bahngleis kommt mein Vater mit den Tickets zurück. Als nächstes steht die Hotelsuche an. Es wird langsam dunkel und wir beeilen uns. Das erste Hotel, an dem wir anfragen, ist leider schon ausgebucht. Wir quartieren uns letztlich im Hotel Focus ein. Mit 70 Euro für Doppelzimmer ist es zwar das teuerste in Polen, aber wir sind nicht in der Verfassung, noch groß weiter zu suchen.

Nach einem guten Abendessen beim Italiener gehen wir wieder früh schlafen, packen aber vorher noch alle Sachen.

Tag 13
Da das Frühstück erst um 06:30 Uhr eröffnet, haben wir mit dem Hotel die Bereitstellung eines Lunchpakets vereinbart. Das bekommen wir auch tatsächlich überreicht, nachdem wir unsere Fahrräder aus einer Rumpelkammer des Hotels holen: Saftpäckchen, Äpfel, Mandarinen und belegte Brötchen. Ein guter Service wie ich finde. Der Zug am Bahnhof fährt pünktlich ab und nach wenigen Stationen müssen wir in Pasewalk umsteigen, was problemlos klappt.


Auf dem Weg Richtung Deutschland

Die Zugfahrt verläuft ereignislos und wir erreichen Berlin HBF (tief). Dort kaufen wir Tickets für die S-Bahn und sind zügig an der S-Bahn Haltestelle. Schnell kaufen wir noch einen hübschen Blumenstrauß für die Dame des Hauses. Gegen Mittag erreichen wir dann das Haus der Bekannten. Nach einem kurzem Imbiss geht es heimwärts. Um 18:00 Uhr treffen wir wohlbehalten zu Hause ein.

Fazit
Die Tour durch Polen hat mir wirklich ausgezeichnet gefallen. Für mich war es die erste, aber sicher nicht letzte längere Tour. Die Menschen, denen wir begegnet sind, waren alle sehr nett. Vor allem die jungen Leute sprechen sehr gut englisch während die Älteren entweder polnisch oder fetzenweise deutsch sprechen. Kommunikation ist in Polen kein Problem. Wenn es etwas gab, dass wir nicht mit Worten verdeutlichen konnten, haben wir es aufgeschrieben.

Die R1 Beschilderung ist wirklich sehr gut, auch wenn wir manchmal das Gefühl hatten, dass wir in einigen Städten Umwege gefahren sind, weil die R1-Planer uns gerne noch die ganze Stadt zeigen wollten. Ohne GPS-Gerät möchte ich eine solche Reise dennoch nie bestreiten. Es ist ein riesiger Vorteil, wenn die Hotelsuche darauf beschränkt ist, im GPS-Gerät die Unterkünfte in der Nähe zu suchen. Die sonstige Ausstattung ist uns recht gut gelungen. Ich muss für die nächste Tour allerdings mehr warme Radkleidung einplanen, denn ohne ist es doch recht kalt und die Kälte raubte mir unheimlich schnell die Kraft.

Wie schon im ersten Bericht erwähnt, sind Rückmeldungen zu meinem Bericht sehr erwünscht.

Viele Grüße

Jan

Geändert von wolki (09.08.09 21:57)
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#545178 - 10.08.09 01:53 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: wolki]
Falk
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Liest sich doch gar nicht so verkehrt, aber einen Fehler hast Du wieder gemacht, der irgendwie mal eingerissen ist. »Die Masuren« gibt es nicht, oder besser, damit ist allenfalls die Mehrzahl der Einwohner gemeint. entweder Masuren ohne Artikel oder die (großen) masurischen Seen. Leider habt ihr von denen nicht allzuviel gesehen, in Rudczanny geht es doch erst los. Es ist allerdings ein Unterschied, ob man ein bestimmtes Gebiet kilometerfressend erreichen will oder mit technischen Mitteln hinkommt, um dann mehr von der Region zu sehen. So habe ich das 2001 gemacht, ich bin bis Danzig mit dem Zug gefahren. Auf diese Weise sind gleich noch Marienburg und der oberländische Kanal mit abgefallen.
Dass die masurischen Seen ein frequentiertes Feriengebiet sind, ist nicht zu ändern. Dafür ist die Gegend zu reizvoll und den einheimischen sei die Erwerbsquelle gegönnt.

Falk, SchwLAbt
Falk, SchwLAbt
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#545992 - 12.08.09 19:58 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: Falk]
wolki
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Hallo Falk,

danke für Deine Rückmeldung. Der Begriff "Die Masuren" ist natürlich nicht ganz richtig. Was gemeint ist, ist aber klar. Ich werde in Zukunft dran denken, den Begriff ohne Artikel zu verwenden.

Dass wir nicht durch Masuren gefahren sind, bestreite ich allerdings. Zumindest nach dieser Karte müssten wir schon durchgefahren sein.

Beste Grüße Jan
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#545999 - 12.08.09 20:34 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: wolki]
Falk
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Um Himmels Willen, ich werde mich hüten, irgendwelche Kloparolen abzulassen. Natürlich seid Ihr durch die Wojewodschaft Ermland-Masuren gefahren. Nur die masurische Seenplatte habt Ihr nur ein bisschen gestreift. Die geht noch ein ganzes Stück nach Nordosten. In Rudczanny wart ihr ja noch nichtmal am Spierdingsee - und die Seenplatte endet erst kurz vor Goldap.

Falk, SchwLAbt
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#546059 - 13.08.09 06:45 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: Falk]
wolki
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Hehe, ist gebongt! schmunzel

Werde in den nächsten Tagen noch die GPS Tracks online stellen. Sind größtenteils auch schon auf gpsies.com zu finden.

Beste Grüße Jan
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#546719 - 16.08.09 19:29 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: wolki]
wolki
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Hi zusammen,

hier nun die GPS-Tracks:

DOWNLOAD

Die Tracks sind vor der Reise auf dem PC aufgezeichnet worden. Nach der Tour habe ich sie auf die tatsächlich gefahrenen Tagestouren geschnitten.

Ein Klick auf die Vorschau öffnet das Bild in voller Größe!

Gesamtübersicht:
Karte
Die angegebenen Fahrzeiten auf der Karte sind zum Teil leider falsch - bedingt dadurch, dass ich meine Polar-Uhr häufig nicht zeitig an- und ausgestellt habe...

Tag 2 120 km
Karte

Tag 3 63 km
Karte

Tag 4 93 km
Karte

Tag 5 120 km
Karte

Tag 6 76 km
Karte

Tag 7 101 km
Karte

Tag 8 ca. 40 km
Keine Aufzeichnungen

Tag 9 85 km
Karte

Tag 10 63 km
Karte

(Quelle der Bilder: OpenCycleMap: http://www.opencyclemap.org/)

Die Kilometerangaben müssen nicht immer genau stimmen, sind aber ein grober Anhaltspunkt.

Wer Fragen hat, darf gerne fragen!

Viele Grüße
Jan


Geändert von atk (16.08.09 19:37)
Änderungsgrund: Vorschaubilder in Textlinks umgewandelt.
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#547545 - 20.08.09 18:41 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: wolki]
michiq_de
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Beiträge: 629
Hallo Jan (& Vater)

schöner Bericht. Die Masuren interessieren mich auch, aber vllt mehr mit dem Boot als mit dem Rad. Aber leider ist es mir noch nicht gelungen, meine Frau dazu zu begeistern.

Was mich staunen lässt: Wieviel Gepäck ihr mit geschleppt habt! Ich habe nicht soviel Gepäck bewegt, und ich war zelten. Ich dachte immer, wenn man in festen Quartieren übernachtet, braucht man weniger Gepäck. Ob eure Ausrüstungsliste noch zu optimieren (in diesem Sinne: minimieren) ist?

mfg
michiq_de
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#547698 - 21.08.09 11:57 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: wolki]
k_auf_reisen
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 292
Hallo!

Danke für die Eindrücke aus einer Gegend, die ich (noch?) überhaupt nicht kenne. Klingt aber schön ...

K.
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#549054 - 27.08.09 20:52 Re: R1 durch Polen mit Masuren-Abstecher [Re: michiq_de]
wolki
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Beiträge: 10
In Antwort auf: michiq_de
Hallo Jan (& Vater)
Was mich staunen lässt: Wieviel Gepäck ihr mit geschleppt habt! Ich habe nicht soviel Gepäck bewegt, und ich war zelten. Ich dachte immer, wenn man in festen Quartieren übernachtet, braucht man weniger Gepäck. Ob eure Ausrüstungsliste noch zu optimieren (in diesem Sinne: minimieren) ist?

mfg
michiq_de


Danke für die Rückmeldung! Ja, unsere Packliste lässt sich sicher noch optimieren. Für mich war es ja die erste längere Tour und mir war nicht ganz klar, wie die Hotels in Polen ausgestattet sind. Das heißt, wir hatten Handtücher dabei und noch ein paar Sachen, die letztlich im Hotelzimmer bereitlagen.

Hinzu kommt, dass wir ja meist gegen Mittag/früher Nachmittag am Zielort waren und somit noch einige normale Straßenklamotten mit hatten.

Vom Gewicht war es insgesamt aber unproblematisch - vielleicht wirkt es durch den BOB Yak auch so viel.

Schönen Abend noch, Gruß Jan
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