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#1361666 - 07.11.18 20:16 Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise
fahrradflo
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 66
Unterwegs in Peru

Dauer:
Zeitraum:
Entfernung:42000 Kilometer
Bereiste Länder:arArgentinien
auAustralien
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Liebes Forum,
dies ist kein normaler Reisebericht sondern ein Artikel über die Erkenntnisse der letzten sechs Jahre auf dem Rad. Im zweiten Teil geht es dann um die negativen Seiten jahrelangen Reisens, Heimweh, Einsamkeit, Liebe.
Der Artikel ist auch auf meiner Webseite zu finden, ich möchte ihn jedoch einem größerem Publikum verfügbar machen, deswegen der Eintrag hier.

Viel Spass beim lesen!

Florian

Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise
Wie ist es wirklich den Traum zu leben?


Vor über sechs Jahren bin ich zu dieser Reise aufgebrochen - nicht ahnend was mich alles erwarten würde, oder dass ich so lange unterwegs sein würde. Nicht viele Reisende sind mehrere Jahre weg von zu Hause und es ist an der Zeit, zurückzublicken was ich alles erlebt und besonders was ich gelernt habe. Über mich, andere Menschen und die Welt. Wenn du dich dann durch meine Liste an Erlebnissen und Erkenntnissen gearbeitet hast, möchte ich im zweiten Teil über die negativen Folgen und die schlechten Seiten jahrelangen Reisens schreiben. Über Heimweh, Liebe und Einsamkeit, denn darüber liest man nicht sehr häufig.


Teil eins: Die guten Seiten und das gelernte


Was habe ich erlebt

Mit dem Ziel Indien im Kopf bin ich im Mai 2012 in Arnsberg, meiner Heimatstadt, aufgebrochen. Die Größe dieses Vorhabens konnte ich damals gar nicht begreifen. Wirklich in Indien anzukommen, mit dem Rad, erschien damals selbst mir eher wie eine Illusion, wie ein ferner Traum. Im Rückblick war dieser Abschnitt nur der Anfang eines noch größeren Abenteuers.
[bild]http:///www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small044.jpg
Mittlerweile habe ich unzählige Kilometer mit dem Rad zurückgelegt. Gezählt habe ich, es sind ungefähr 47.000 km, doch das ist nicht so wichtig. Meistens auf asphaltierten Straßen, aber ich habe mich auch mit meinem Rad durch Dschungel gekämpft und bin in Wüsten im Sandsteckengeblieben. In menschenleeren und abgelegenen Gebieten war ich unterwegs und in einigen der größten Städte auf diesem Planeten, vollgestopft mit Menschen. Den unterschiedlichsten Wetterbedingungen habe ich getrotzt, von Regen, Schnee, Nebel, bis hin zu Hitze und Trockenheit. Immer weiter ging es mit dem Rad. Durch Provinzen, Länder, ganze Kontinente. Immer weiter weg von zu Hause.

Ich bin auf schneebedeckte Berge und aktive Vulkane gestiegen, und unter die Erde in dunkle Höhlen, manchmal voll von Knochen und Totenschädeln. Habe Flüsse, Seen und das Meer auf Booten überquert, von hölzernen Nussschalen bis hin zu einer riesengroßen Fähre mit tausenden von Leuten. Habe mich von fliegenden Fischen und Delfinen in meinem Element anschauen lassen und bin auch kurz in die Meereswelt eingetaucht, habe die wundervollsten und buntesten Kreaturen bestaunt und mich von Haien ängstigen lassen.
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small053.jpg
Ich bin wohl mehr unterschiedlichen Menschen begegnet als andere in ihrem ganzen Leben.
Habe in die unschuldigen Augen neugeborener Babys geschaut und die hasserfüllten Blicke von Extremisten aufgefangen. Habe die liebevolle Ausstrahlung und den Frieden buddhistischer Mönche gespürt und die Kälte und Distanziertheit anderer Menschen. Ich habe Menschen getroffen die für ihr Land sterben würden und andere, die es in Kauf nehmen zu sterben um ihr Land zu verlassen. Kinder die neugierig meine weiße Haut und die Haare anfassen und Kinder die bei meinem Anblick schreiend und verängstigt weglaufen. Ich wurde begafft wie ein Außerirdischer und ignoriert als ob ich Luft wäre.
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small019.jpg
Habe unzählige Situationen durchgestanden vor denen ich vorher Angst hatte. Wurde freundlich über Ländergrenzen hinweg gewunken oder ausgiebig verhört und durchsucht. Wurde von der iranischen Geheimpolizei befragt, habe mit der Polizei Katz und Maus gespielt oder auch mal bei ihnen Schutz und Unterkunft bekommen.
Mir wurden Sachen geklaut (nur Kleinigkeiten) und mir wurden Sachen geschenkt (mehr als nur Kleinigkeiten). Ich wurde auch mal angeschrien, angespuckt, mit Steinen beworfen und sexuell belästigt, doch in der Regel waren alle Begegnungen äußerst positiv.

Ich habe mit Millionären am Tisch gesessen und die Ärmsten der Armen haben mit mir ihr Essen geteilt. Ich habe die köstlichsten Speisen und Früchte probiert und auch ein paar wirklich widerliche Dinge. Wurde hunderte Male von fremden Leuten eingeladen und auch mal aus dem Haus geschmissen (eher selten).
Ich war high von Musik, Radfahren, psychedelischen Substanzen, Joints (zu oft) und von Liebe (zu selten) und dem Leben im allgemeinen.

Habe so hart gearbeitet wie noch nie zuvor und dabei soviel Geld verdient wie nie zuvor) und sogar Geld im Schlaf verdient. War fast Pleite mit nur ein paar Dollar in der Tasche, habe auf Parkbänken geschlafen und aus Mülleimern gegessen, aus Wasserflaschen vom Straßenrand getrunken und Zigarettenstummel von der Straße geraucht.
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small023.jpg
Ich habe in teuren Hotels geschlafen (manchmal ohne bezahlen zu müssen) doch viel öfters in billigen und dreckigen Absteigen, auf Häuserdächern in Städten und neben Feuern am Strand, in fremden Betten und auf Sofas, in Hängematten, und meistens doch im Zelt unterm Sternenhimmel. Immer weiter, immer weiter ging die Reise.

Ich habe die höchsten Glücksgefühle durchlebt, tiefe Dankbarkeit und Zufriedenheit.Habe leben in Gemeinschaft, tiefe Verbundenheit und Liebe erfahren. Habe mich so frei und stark wie nie zuvor gefühlt. Habe mein Potenzial erkannt und angefangen es auszuschöpfen. Aber auch Momente der Einsamkeit, Traurigkeit, und depressive Phasen durchlebt. Ich wurde von Ängsten gefangen genommen und von Wut überfallen doch habe auch gelernt Gelassenheit und innere Ruhe zu kultivieren. Habe gelernt mich mit so ziemlich allem abzufinden und die verschiedensten Situationen zu akzeptieren.
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small024.jpg

Probieren geht über studieren

Gelernt habe ich viel. Mehr Dinge und wichtigere Dinge als man in der Schule oder Universität lernen kann. Ich habe gelernt in mich selbst zu vertrauen und offen zu sein für neue Sachen. Neue Dinge auszuprobieren ohne Versagensängste zu haben oder von vorne herein zu sagen “Ich kann das nicht!”. Und diese Einstellung hat zu vielen neuen praktischen Fähigkeiten geführt. Die meisten Jobs die ich in den letzten Jahren gemacht habe, waren Dinge welche ich nie zuvor getan habe. Ich habe gekellnert, gestrichen, gepflastert, gelötet, gesägt, gegärtnert, gepflanzt und war Fahrer von Motorrad über Traktor, Quad, Jeep und Truppentransporter mit 10 Meter Anhänger. Mal mehr erfolgreich, mal weniger.
Ich habe gelernt für 100 Leute über dem Feuer in einer improvisierten Naturküche zu kochen, Brot zu backen, Musik zu machen, zu improvisieren. Ich habe es gelernt, Momente und Landschaften in Fotos festhalten. Ich kann Videos editieren und habe sogar meinen eigenen Film gemacht. Habe es gelernt meine Erlebnisse und Erkenntnisse in Worte zu fassen und einen Blog zu erstellen und zu betreiben und damit andere Menschen zu inspirieren.
Ich kann mich in fremden Ländern und Kulturen zurechtfinden, in fremden Sprachen und mit Gesten kommunizieren. Oder auch ganz ohne Worte, auf der Ebene des Herzens.
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small061.jpg
Die Erkenntnisse
Manches von dem folgenden mag sich erst mal recht banal anhören, doch macht es einen Unterschied ob man diese Wahrheiten nur liest und rational versteht, oder ob man sie erlebt, fühlt und selber im Kopf entwickelt und erkennt. Und natürlich sind dies meine persönlichen Erkenntnisse, basierend auf meinen Erfahrungen und Ansichten und meinem Lebenshintergrund als Mensch aus einem reichen und sicheren Land. Ein anderer Mensch oder Reisender würde vielleicht (oder sogar ganz gewiss) andere Dinge erkennen.

Seine Probleme nimmt man mit
Egal was man macht, wo man hingeht, wie man sich ablenkt, die Probleme mit einem selbst und in seinem Kopf nimmt man mit. Bei mir eine Neigung zu Depressionen welche ich in Deutschland hatte und die nicht einfach verschwinden nur weil ich auf reisen gehe (wenn auch das unterwegs sein eine starke antidepressive Wirkung für mich hat).
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small015.jpg

Die meisten Probleme und Grenzen sind nur im Kopf – es gibt immer eine Lösung
Ein Problem zu haben ist immer auch Ansichtssache. Wenn eine Situation nicht so ist wie man es sich wünscht oder wie es ideal wäre und man das nicht akzeptieren kann, wird es zu einem Problem. Doch Lösungen gibt es immer, auch wenn sie vielleicht nicht den eigenen Erwartungen entsprechen.
Auch körperliche Grenzen sind oft nur eine Barriere im Kopf. Wie oft habe ich beim radeln gedacht “Ich kann nicht mehr, ich schaffe diesen Berg nicht.” nur um dann festzustellen, dass mein Körper doch noch weiter kann und Leistungen vollbringen kann welche ich ihm nie zugetraut hätte.

Menschen sind freundlich
Menschen sind von Grund auf freundlich, wollen einander helfen und sich nicht gegenseitig verletzen oder böses tun. Menschen streben nach Kooperation anstatt Konfrontation und die unglaubliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft die ich überall erfahren habe bestätigt mir dies. Natürlich geschehen auch schlechte Dinge und Menschen können auch unglaublich böse sein, doch dies geschieht immer aus einem Grund, aus den Lebensumständen heraus oder weil sie es nicht anders gelernt haben.
Menschen welche ich vorher als “schlecht” bewertet hätte, zum Beispiel Menschen die einen Diktator unterstützen, die einer Armee oder der Polizei angehören, die rassistisch, sexistisch oder extremistisch sind, können trotzdem total liebe Menschen sein, welche mich (oder ihre Kinder/Familien/Freunde) zuvorkommend behandeln und akzeptieren. Doch aufgrund ihrer Überzeugungen und Glaubensgrundsätze begrenzen sie sich selber, diese menschliche Natur der Freundlichkeit auf alle Menschen auszuweiten.
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Menschen sind Menschen
Wenn ich in die Augen eines anderen Menschen schaue und mein Lächeln erwidert wird, dann fühle ich automatisch eine Verbindung. Dort ist auch nur ein anderer Mensch, welcher mir zudem ziemlich ähnlich ist. Die Gemeinsamkeiten sind viel wichtiger als die Unterschiede und obwohl jeder Mensch gleichzeitig komplex und kompliziert ist, sind wir Menschen doch auch einfach und simpel. Wir wollen alle glücklich sein, geliebt werden, ein erfülltes Leben leben, einen Sinn aus unserer Existenz machen. Die Probleme und Sorgen die alle Menschen haben und die Dinge die ihnen wichtig sind und Freude bereiten, sind doch überall auf der Welt sehr ähnlich.
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Ich habe eine Wahl
Zu erkennen, dass nur ich selbst für meine aktuelle Lebenssituation verantwortlich bin, war ein großer Schritt. Wo ich gerade bin, wie es mir gerade geht, was ich mache, egal ob es eine gute oder eine schlechte Situation ist, ist das Ergebnis meiner Handlungen (oder Unterlassungen) und Entscheidungen in der Vergangenheit. Gerade wenn wir uns in einer schwierigen oder unangenehmen Situation befinden, neigen wir dazu, die Schuld bei den anderen zu suchen anstatt bei uns selber. Doch akzeptiert man einmal seine Selbstverantwortung, ist der Spielraum für Veränderung da. Ein jeder ist frei zu entscheiden, hat immer eine Wahl. Auch wenn die Optionen vielleicht nicht immer so toll oder vielfältig sind und auch abhängig davon, in was für eine Lebenssituation man hineingeboren wurde.

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Alles ist verbunden
Alles ist miteinander verbunden. Nicht nur auf einem energetischem Level sondern auch ganz praktisch. Besonders in unser globalisierten Welt. Nimm als Beispiel eines deiner Kleidungsstücke und überlege wie viele Menschen an dessen Herstellung und Transport beteiligt sind. Vom amerikanischen Saatguthersteller über den indischen Baumwollfarmer, der Näherin aus Bangladesch, der schwedischen Modekette, der deutschen Verkäuferin bis zu dir. Viele Menschen sind daran beteiligt bis es schließlich deinen Körper schmückt. Dasselbe gilt für die meisten Gegenstände, Nahrungsmittel inklusive.
Oder denke an den Klimawandel: Die Abgase aus dem Auto in Deutschland beeinflussen das Klima in einem ganz anderen Teil der Welt.
Oder auf molekularer Ebene: Die Sauerstoffmoleküle die du atmest wurden schon von ganz anderen Menschen geatmet. Formen verändern sich ständig, doch die Bausteine, die Atome, bleiben dieselben.
Unsere Welt so wie sie ist, ist das Produkt aller Menschen. Jeder trägt durch sein Verhalten einen kleinen Teil dazu bei und jeder kann einen kleinen Teil verändern.
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In Deutschland geboren zu sein ist ein Privileg

Ich habe nie viel über meine Herkunft nachgedacht. Doch Deutschland ist bekannt in aller Welt. Wenn ich nach meinem Heimatland gefragt werde, können die Menschen immer etwas dazu kommentieren. Sei es Adolf Hitler, Angela Merkel, Berlin, Made in Germany oder Fußball. Und viele Menschen träumen davon, in Deutschland zu leben.
Im internationalen Vergleich ist Deutschland ein ganz gutes Land zum Leben. Der Lebensstandart ist hoch (selbst von den ärmeren Leuten). Krankenversicherung, Rente und Arbeitslosengeld ist in vielen anderen Ländern gänzlich unbekannt, ebenso wie ein (fast) kostenloses Schul- und Universitätssystem. Es ist ein friedliches und sicheres Land und die Ängste und Sorgen der Deutschen sind im Vergleich zu vielen anderen Erdenbewohnern lächerlich. Zudem die Möglichkeit einfach Geld zu verdienen (und zu sparen) und natürlich der deutsche Reisepass, der es ermöglicht, in fast jedes Land der Welt einzureisen.
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Deutschland ist nicht nur ein gutes Land

Wenn man sich ein wenig damit beschäftigt warum wir in Deutschland so ein sicheres und reiches Leben führen, wird schnell klar, dass es nicht nur der Fleiß (oder sollte ich Arbeitswut sagen?) ist, der uns diesen hohen Lebensstandart beschert. Die Deutschen sind die Nutznießer des weltweiten kapitalistischen Systems und unser Reichtum basiert durchaus auf Unterdrückung und Ausbeutung anderer Länder und deren Bewohner. Und darauf ist auch die Politik und Wirtschaft ausgerichtet. Deutschland ist eben nicht das friedensliebende und wohltätige Land, als welches es sich gerne darstellt. Als einer der großen Waffenexporteure und aktiv an Kriegen beteiligt, als ein Land mit einer aggressiven Exportpolitik welches andere Länder zwingt, ihre Märkte für deutsche Produkte zu öffnen und Länder in Zinsabhängigkeiten treibt, trägt Deutschland meiner Meinung nach mehr zu dem Zustand der Ungleichheit und Ungerechtigkeit in dieser Welt bei, als das es etwas dafür, tut diese Zustände zu verbessern.

Du musst die Welt akzeptieren wie sie ist um sie verändern zu können
Auf meiner Reise habe ich gelernt, Dinge und Situationen zu akzeptieren. Im kleinen und im großen. Die Welt ist, wie sie ist. Ob du das nun als gut oder schlecht beurteilst, ist erst mal egal. Und die Welt ist das Produkt von allen Menschen, erschaffen zusammen. Um die Welt zu verändern, musst du bei dir selbst anfangen. Du kannst nur dich selbst verändern, deine Denkweise, deine Einstellung, dein Verhalten. Und damit veränderst du die Welt ein klein wenig.

„Sei der Wandel den du in der Welt sehen willst!“ Mahatma Gandhi
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small085.jpg

Alles geschieht aus einem Grund
Auch wenn wir diesen nicht immer erkennen. Aus allem kann man etwas lernen und etwas positives ziehen. Besonders die schwierigen Erfahrungen und Abschnitte im Leben sind es, aus denen man gestärkt hervorgeht und die Fehler die man macht sind es, aus denen man lernt.

Dankbarkeit ist der (ein) Weg zum Glück

Dankbar zu sein für das was man hat, ist etwas, was auch ich lernen musste. Anstatt mich immer zu beschweren oder neidisch auf die anderen zu schauen die mehr haben als ich, fühle ich mich besser wenn ich mich darauf konzentriere was ich habe. Meine sämtlichen Besitztümer kann ich auf meinem Fahrrad transportieren und nur selten habe ich das Gefühl dass mir etwas fehlt, dass ich mehr will.
Anstatt mich über andere Menschen und unfreundliche Begegnungen zu ärgern, konzentriere ich mich auf die tollen und überlege mir abends, welche Dinge mir tagsüber passiert sind, für welche ich dankbar bin. Dankbarkeit nicht nur zu fühlen sondern auch auszudrücken, aktiv Menschen zu danken, führt zu noch mehr [url=https://www.health.harvard.edu/healthbeat/giving-thanks-can-make-you-happier][/url] Zufriedenheit und Glück.
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Die Weisheiten

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ich entwickelt habe, ist, zu vertrauen. Nicht nur in mich selbst, sondern in andere Menschen, in Situationen und ins Leben. Am Anfang meiner Reise war das nicht so. Ich hatte Angst vor Menschen, Angst ausgeraubt zu werden und war oft misstrauisch (und bin es manchmal immer noch).
Doch Menschen überall vertrauten mir. Oft mehr als ihren eigenen Nachbarn. Luden den Fremden zu sich nach Hause ein. Oft ohne mit Worten kommunizieren zu können. Ließen mich auch mal alleine in ihrem Haus. Oder versteckten einen Schlüssel für mich, damit ich es mir schon mal gemütlich machen konnte bevor sie von der Arbeit nach Hause kommen, alles ohne mich jemals getroffen zu haben.

Da ist die Geschichte von Nishit aus Indien, dessen Nummer ich von einem anderen Radler bekommen hatte und den ich einen Tag vor meiner Ankunft in Chennai anrief. Er war gerade auf einer Dienstreise, doch ohne irgend etwas über mich zu wissen, überließ er mir seine Wohnung für ein paar Tage und half mir per Telefon alles für eine Zugfahrt nach Kolkatta zu organisieren. Bei meiner Abreise warf ich den Schlüssel in seinen Briefkasten. Wir blieben in Kontakt und noch zwei weitere Male half er mir auf meiner Reise. Begegnet sind wir uns noch nie und obwohl ich kaum etwas über ihn weiß, noch nicht einmal wie er aussieht, vertraue ich ihm und würde auch ihn ohne zu zögern in mein Haus lassen.

Sei du selbst, habe keine Angst und vertraue – dann steht dir die Welt offen


Doch wie kann man so ein Vertrauen in andere Menschen entwickeln? Und kann das nicht auch gefährlich sein?
Was uns davon abhält zu vertrauen ist die Angst. Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten. Angst, dass uns etwas zustößt, etwas weggenommen wird, wir verletzt werden. Ängste die nun mal jeder Mensch hat und welche auch einen berechtigten Zweck haben können, welche aber auch übertrieben und angesammelt oder erlernt sein können. Diese Ängste zu erkennen und zu überwinden ist nicht immer einfach, doch jeder Mensch ist dazu fähig. Die folgende Geschichte soll dies verdeutlichen:

“Ich befinde mich in Australien, in nur wenigen Tagen geht mein Flug nach Neuseeland und heute wollte ich mein geliebtes Fahrrad abholen, welches ich für ein paar Monate bei Freunden untergestellt hatte. Und zwar etwas außerhalb von Melbourne auf dem Land. Nach einer einstündigen Zugfahrt stellt sich jedoch heraus, dass mein Fahrrad bei einer Aufräumaktion unwissentlich “weggegeben” worden war, ich es jedoch in Melbourne abholen könnte. So muss ich also die 10 Kilometer zurück zum Bahnhof laufen, anstatt wie geplant mit dem Rad zu fahren. Es ist schon dunkel als ich die Landstraße entlang laufe und ich halte meinen Daumen raus, obwohl meine Hoffnungen gering sind das mich in der Nacht ein Auto mitnimmt. Die Menschen haben einfach zu viel Angst, besonders nachts. Es macht mir nichts aus zu laufen, es ist Sommer und ich habe auch nicht viel Gepäck zu schleppen. Schließlich bremst doch ein Auto und hält eher zögerlich hundert Meter vor mir an. Als ich das Fahrzeug erreiche schaut mich die Fahrerin unsicher an. “Du hast doch keine Waffe oder?” fragt sie mich. “Nein, habe ich nicht. Und du? Hast du eine?” frage ich zurück. Die Frau ist überrascht und sagt etwas brüskiert “Natürlich nicht. Warum sollte ich eine Waffe haben?” Dann entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie fasst Vertrauen. “Steig ein, wo willst du hin?”
Sie erzählt mir, sie musste an ihren Sohn denken als sie mich da alleine in der Dunkelheit laufen sah. Und ihr Wille zu helfen war dann größer als ihre Angst dass ich gefährlich sein könnte.
[bild]https:///www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small009.jpg

Ich bin in verschiedenen Ländern hunderte Male in fremde Autos eingestiegen, ohne viel zu überlegen oder Angst zu haben. Das bedeutet nicht, dass nicht doch einmal etwas passieren kann und Vorsicht oder zumindest hören aufs Bauchgefühl, auf die Intuition, gehört natürlich dazu. Doch die Angst ist eigentlich immer größer als die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schlechtes passiert.

“Mut ist nicht wenn man keine Angst hat, sondern wenn man seine Angst erkennt und trotzdem überwindet.”

Es geht nicht darum, komplett angstfrei zu leben, das ist wohl nur schwer möglich. Doch man kann seine Ängste erkennen, beobachten und dann hinterfragen, inwieweit sie auch berechtigt sind und ob sie nützlich sind oder nicht.
Natürlich gibt es Situationen wo es richtig ist, Angst zu haben. Wo ich sogar froh darüber bin, denn die Angst hilft mir besser aufzupassen und die Situation zu meistern. Wenn z.B. mitten in der Nacht in einer pakistanischen Stadt Menschen ein wenig zu freundlich scheinen und mich in eine dunkle Gegend leiten, oder wenn in Indien eine aufgebrachte Menschenmenge die Straße mit brennenden Strohballen blockiert, oder ich mich radelnd auf einer stark befahrenen Schnellstraße befinde und irgendwie mehrere Spuren wechseln muss um die Ausfahrt zu nehmen, dann ist es angebracht Angst zu haben, so lange man trotzdem einen ruhigen Kopf behält.


Die Sprache des Herzens
[bild]https://www.onemanonebikeoneworld.com/wp-content/uploads/2018/10/sechsjahre_small010.jpg
Eine andere wichtige Fähigkeit die ich entwickelt habe (und ständig weiter entwickle) ist etwas, was man als Sprache des Herzens bezeichnen könnte. Damit ist nicht romantisches Liebesgeflüster gemeint, nein, es geht darum, auf seine Gefühle zu hören, auf seine Intuition. Es geht darum, seine gelernten Werte und Verhaltensweisen zu hinterfragen und zu testen, ob es sich gut und richtig anfühlt. Mal die Gedanken und Stimmen im Kopf verstummen zu lassen und versuchen die Dinge anders wahrzunehmen. Das Herz ist dabei nicht unbedingt nur als fühlendes Gegenstück zum denkenden Geist zu sehen, sondern als Ergänzung. Da ich eher ein Kopfmensch als ein Herzmensch bin und zum grübeln und überdenken neige, ist es wichtig für mich zu erkennen, dass ich Dinge auch anders wahrnehmen kann.

Ich befinde mich zum Beispiel oft in Situationen mit Menschen deren Sprache ich nicht spreche und die meine Sprache nicht sprechen. Und trotzdem findet eine Kommunikation statt, nicht nur mit Gesten oder Mimik, sondern auf einer anderen Ebene. Man lernt, den anderen Menschen zu fühlen, zu verstehen was er meint oder will ohne die gesprochenen Worte zu verstehen.

Es bedeutet auch, sich selber besser zu verstehen, denn das Herz funktioniert anders als der Kopf. Es kann nicht so leicht manipuliert werden. Entweder man fühlt Liebe für etwas oder jemanden oder man fühlt sie nicht, da braucht es keinen Grund für. Doch Gedanken und bestimmte Emotionen können viel leichter beeinflusst werden. Ängste können geschürt werden durch Nachrichten und negative Berichterstattung, Hoffnungen gemacht werden durch Glücksversprechungen der Werbung und der Konsumgesellschaft. Das Herz bietet da einen stabileren Gefühls- und Moralkompass. Denn das Herz kann nur lieben, aber man kann nicht vom Herzen hassen.

Dies sind die wichtigsten Dinge die ich in den letzten sechs Jahren für mich gelernt habe und in Worte fassen konnte. Ich bin dankbar diese Einsichten gehabt zu haben und hier teilen zu können.

Im zweiten Teil geht es dann um die negativen Folgen und schlechten Seiten welche jahrelanges Reisen mit sich bringen kann.

Leider musste ich die schönen Bilder in Links umwandeln, da sie viel zu groß sind. Siehe auch: HowTo: Bilder in Beiträge einfügen (Forum) Du kannst sie gerne auf 1024px in der Breite reduzieren. Wir könnten sie dann ausnahmsweise neu einbinden.
LG
Jürgen


Discovering the world on a bicycle

www.onemanonebikeoneworld.com/de
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Film: Frei wie ein Känguru
https://vimeo.com/163070837

Geändert von Juergen (08.11.18 08:21)
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#1361684 - 07.11.18 22:02 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Rennrädle
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 6039
ich bin ziemlich sprachlos - lese seit ein-zwei Stunden auch den Reise- oder besser Lebensbericht auf Deiner Seite. Wirklich fesselnd ....

Rennrädle
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#1361687 - 07.11.18 23:28 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Fahrradauszeit
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 6
Hi Florian,
das ist tatsächlich kein normaler Reisebericht, sondern etwas viel Besseres.

Der Bericht hat mich nicht nur aufgrund deiner Leistung gefesselt, sondern auch durch deine einfühlsame und ehrliche Schreibweise.

Die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit der Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin, war ebenfalls immer positiv. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass man als Individualreisender auf dem Fahrrad oder zu Fuß ganz anders wahrgenommen wird.

Es sind schöne Worte "Dankbarkeit und Liebe", damit kommt man nicht nur auf dem Fahrrad gut durch das Leben :-)

Weiterhin viel Freude und Spaß bei deinen Unternehmungen.
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#1361700 - 08.11.18 09:01 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Pixelschubser
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 329
Florian, ich sag's mal ganz kurz:

DANKE!


Ich freue mich schon auf den zweiten Teil. Aber eines ist von vorneherein klar: Deine Erkenntnisse scheinen keiner wirklichen Ergänzung zu bedürfen. Gerade das in jeder Hinsicht verbogene Selbstbild vieler Deutscher, das Du hier so trefflich demontiert hast...
Zitat:
Deutschland ist eben nicht das friedensliebende und wohltätige Land, als welches es sich gerne darstellt.
...kann nicht oft genug zitiert werden. So, liebe Deutsche mit dem großen Wohltäterego, werden wir in der Welt gesehen! Und das sollte jeder von uns im Hinterkopf haben: Das Geld, das wir reichen Deutschen in die Länder tragen, haben wir ihnen zuvor abgenommen. Was wir also auf Reisen investieren / bezahlen, ist Geld, das den Menschen dort zusteht. Und das, was wir uns dort sparen, haben wir ihnen schon vorenthalten.

Schien Schreeß us Kerpen: Martin


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#1361860 - 09.11.18 12:46 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
qrt
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 15
Hallo Florian
Wow, was für ein Bericht. Vielen Dank.
Bin dan gleich mal auf deine Website zu Teil 2.
Mit all den emotionalen Kosten die du da aufzählst scheint es mir, dass auch für dich die positiven Seiten überwiegen. Gut so.

Mir fällt auf wie wenige dir hier antworten, verglichen mit Berichten von überschaubaren Zeitrahmen und innerhalb des eigenen Kulturkreises.

Ich wünsche dir viel Kraft für deine Rückkehr nach Deutschland, wenn die dann stattfindet.

Meine eigene Erfahrung war, dass ich mich so stark geändert habe, dass es mit meinen früheren Freunden keine Basis für eine tragfähige Beziehung mehr gab. (und das war nach "nur" 2 Jahren in Asien) Dafür kamen dann mit der Zeit neue dazu über die ich mich sehr glücklich schätze.

Alles Gute bei was auch immer du tust
Kurt
May the road rise to meet you
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#1361863 - 09.11.18 12:56 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: qrt]
iassu
Mitglied
anwesend und zufrieden anwesend
Beiträge: 19223
In Antwort auf: qrt
Mir fällt auf wie wenige dir hier antworten, verglichen mit Berichten von überschaubaren Zeitrahmen und innerhalb des eigenen Kulturkreises.
Ich stimme dieser Einschätzung von der realen Wirksamkeit Deutschlands in der Welt zu. Noch weniger wie wir darüber selbst im Alltag zu lesen und zu hören kriegen, erfahren davon aber die Opfer dieser Vorgänge in diesen Ländern selbst. So kann sich das hohe Ansehen Deutschlands dort halten. Allerdings bin ich auch der Meinung, daß letzteres nicht ausschließlich auf ökonomischen Vorstellungen beruht.

Ich selber bin gerne zu haben für Diskussionen und Auseinandersetzungen zu tiefergehenden Themen. Dennoch sehe ich, auch in einem Radreiseforum, durchaus auch eine Berechtigung, sich an Harmlosem zu erfreuen und Bekanntes neu zu Erleben. Nicht jeder kann und muß Weltgewissen sein und nicht jeder kann und will auch den hintersten Winkel der Erde besucht haben.
Gruß Andreas

Geändert von iassu (09.11.18 12:57)
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Off-topic #1361870 - 09.11.18 13:28 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: iassu]
dhomas
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 1684
Ich sag's mal so: der Beitrag sieht recht schwergewichtig und gehaltvoll aus - den lege ich mir für später zurecht und muss mir auch etwas Zeit nehmen um ihn wirklich zu lesen.
Nicht jeder Gelegenheitsleser ist darauf vorbereitet tiefgreifendes zu lesen. Hingegen ein paar schöne Bilder vom Donauradweg sind in 5 Minuten verdaut. Auch Radreisende konsumieren das Internet mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne zwinker

Ich denke das ist ganz natürlich. In dem Sinne, ich nehme mir vor am Wochenende den Beitrag ordentlich zu lesen, mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen, und auch die Homepage anzugucken.

Geändert von dhomas (09.11.18 13:29)
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#1361883 - 09.11.18 14:40 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Pixelschubser
Mitglied
abwesend abwesend
Beiträge: 329
Dann also auch Teil zwei meiner Antwort:

Ich glaube, Deinen Bericht muss ich dann doch mehrmals lesen. ich sitze gerade in meinem Büro, überfliege Deinen Bericht nur eben, um einen ersten Eindruck zu bekommen, und ich merke, dass er es wert ist, genauer gelesen zu werden.
Als Endvierziger, geschieden, wiederverheiratet, berufstätig aber gelangweilt, mit Krediten an der Backe und einem Stall von Kindern kann man – sowohl beim ersten, als auch beim zweiten Teil Deines Reiseberichts – immer wieder ins Seufzen kommen. Nein, es ist nicht alles paradiesisch, es ist nicht alles schön, schon gar nicht einfach. Ein Leben mit Auto, Job, Wohnung und Kredit ist komfortabel, bequem und weitestgehend unspektakulär, wenn man von den vielen kleineren und mittleren Herausforderungen des Alltags absieht. Daher scheint es sehr leicht, auf das Leben eines Langzeitreisenden mit Neid zu blicken und sich zu wünschen, man wäre selbst dabei.
Ich weiß nicht genau, ob ich so lange "weg" sein wollte. Im Laufe seines Lebens arbeitet man aber unmerklich auf den Moment hin, wo einem das aber nicht mehr als unmöglich erscheint (mir geht es zumindest so): die Kinder werden immer älter und sind bald "aus dem Gröbsten raus", das Thema Ehe hat sich nach dem zweiten Versuch so oder so erledigt (für mich zumindest), karrieremäßig ist nicht mehr viel zu erwarten auch (kommt es darauf denn überhaupt an?), Freunde – naja, Du sagst es selbst (mit Einschränkungen), die kann man überall haben – und zu denen habe ich durch eine räumlich viel geringere Distanz nicht den dollen Bezug. Was also bleibt, was klebt einen "zuhause" fest? Nicht viel, würde ich sagen. Den laufenden Kredit abwirtschaften, die Kinder befähigen, alleine laufen zu können, und dann...? Zehn Jahre noch. Ich bin dann kurz vor 60. Jung genug. Und dann?

Deine Berichte, Deine Erfahrungen werden mir sicher ein Stückweit helfen, meine eigene Entscheidung zu treffen. Und dafür, lieber Florian, danke ich Dir.

Schien Schreeß us Kerpen: Martin


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#1361913 - 09.11.18 17:59 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
fahrradflo
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Unterwegs in Peru


Bevor es zum zweiten Teil geht, ein paar Anmerkungen zu den Antworten hier:

Diese Artikel waren sehr schwierig zu schreiben, besonders der jetzt folgende zweite Teil. Deswegen bin ich froh über jeden Kommentar und Rückmeldung.

Natürlich ist es einfacher mal eben schnell einen unterhaltsamen Reisebericht zu verfassen anstatt sich mit tieferen Ebenen einer Reise auseinander zu setzen und diese Gefühle auch noch in Worten zu formulieren. Oder es ist einfacher so zu leben und zu denken wie die meisten anderen Menschen, mit zu gehen mit dem gewohnten und anerkannten. Es ist einfacher, andere Leute zu beneiden anstatt selber etwas zu verändern.

Es ist immer am einfachsten den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Deswegen kann ich auch nachvollziehen warum so viele Leute von einem anderen Leben träumen, aber nur schwer etwas verändern. Und natürlich, um so länger man in so einem normalen Leben drinsteckt, umso schwieriger ist es auszubrechen, besonders mit Familie und Kindern.

Ob ein Reiseleben also einfacher ist? Nicht unbedingt, aber für mich ist es erfüllender und lehrreicher , trotz der ganzen inneren und äußeren Widerstände die man zu überwinden hat. Und trotz der negativen Aspekte, um die es jetzt hier geht.

Ich probiere diesmal eine kleiner version der fotos zu verlinken, hoffentlich klappts.


Wie ist es wirklich den Traum zu leben?

Teil zwei: die schlechten Seiten und das vermisste


Reisen hat nicht nur gute Seiten. Besonders wenn man - wie ich - für lange Zeit und alleine unterwegs ist, gibt es doch einen Preis der dafür zu zahlen ist. Positiv verfälschte Darstellungen eines Reiselebens findet man auf Facebook und Instagramm mittlerweile zu hauf. Da werden nur die inszenierten, glücklichen Momente gezeigt, Sehnsüchte mit Strandselfies und Sonnenuntergängen geweckt und damit der Anschein erweckt, den Traum vom Globetrotter zu leben, sei immer perfekt und einfach.
Das folgende ist eine (sehr persönliche) Introspektive. Es geht mir nicht darum mein Herz auszuschütten (oder doch?), sondern zu zeigen welche negativen Folgen jahrelanges durch die Welt ziehen mit sich bringen kann.




Alleine oder einsam?

“Bist du allein?” ist wohl eine der Fragen die mir am häufigsten gestellt wird. “Nee, ich hab ja mein Fahrrad dabei.” witzel ich oft, doch in vielen Kulturen stösst es auf großes Unverständnis etwas alleine zu machen oder überhaupt alleine sein zu wollen. Für mich ist es dagegen etwas normales und etwas was ich auch schätze. Schon vor dieser Reise war ich sehr selbstständig und habe auch gerne Zeit nur mit mir selber verbracht. Und alleine zu sein bedeutet nicht, auch einsam zu sein.

“Bist du nicht einsam, nach so langer Zeit?”
fragen mich dann andere Reisende. “Manchmal schon, aber das gehört zu der Reise dazu.”, ist meine Standardantwort.

In den ersten Jahren war gar keine Zeit zum einsam sein. Ich war nie länger als acht Wochen in einem Land (mit Ausnahme von Indien) und fast nie länger als zehn Tage an ein- und demselben Ort. Die meisten Tage war ich auf dem Rad. Die Zeit war aufregend, jeden Tag sind so viele Sachen passiert, ich habe so viele Menschen getroffen und so viele nette Begegnungen gehabt. Auch an Familie und Freunde habe ich nicht oft gedacht, mal ein paar Monate weg sein, oder auch ein, zwei Jahre, das ist doch nicht so lang.
Ich war befriedigt durch die vielen kurzen sozialen Kontakte, nur ein paar Minuten dauernd, oder einen Tag oder auch mal etwas länger. Ich habe diese Anonymität genossen, das dich keiner kennt, keiner etwas über dich weiß.
Fremd gefühlt habe ich mich schon. Nur ein paar Länder östlich von Deutschland sieht dir jeder an das du von wo anders bist. Spätestens als in Pakistan und Indien die Menschenmengen immer größer wurden, die mich und mein Rad bestaunten, wurde mir immer mehr bewusst, ich bin nicht von hier. Es wurde immer schwieriger alleine zu sein und sich diesen manchmal doch recht stressigen Situationen zu entziehen. In Indien war ich oft froh abends in einem Hotel zu übernachten, einfach die Tür hinter mir zuzumachen und meinen eigenen Raum zu haben – ganz ohne neugierige Beobachter.

Aber Einsamkeit? Damals noch nicht, oder zumindest nicht so häufig oder so belastend. Doch in den letzten Jahren wurden die Momente häufiger und eine Analyse der Situation macht auch klar, warum:


Einsamkeit hat viele Gesichter
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir sind darauf ausgelegt zusammen zu leben, unsere Leben zu teilen. Jeder Mensch braucht ein gewisses Maß an Austausch, an Liebe, an sozialen Kontakten. Menschen brauchen andere Menschen, nicht nur aus Überlebensgründen. Auch Nomaden leben in Familienverbünden und ziehen nicht einsam umher. Die Geschichten vom einsamen Hermit in seiner Höhle mögen sich zwar toll anhören, doch nur wenige Menschen scheinen für solch ein Leben geeignet zu sein, zumindest nicht ohne auf Dauer einen Preis dafür zu zahlen. Denn auch Studien belegen, Menschen sind weniger glücklich und anfälliger für Krankheiten wenn sie nicht ausreichend soziale Interaktionen haben.

Auf Reisen, besonders in asiatischen Ländern, ist man zwar ständig von Menschen umgeben und hat auch viele soziale Begegnungen, doch sind diese in der Regel sehr kurz und sehr oberflächlich, aufgrund von zeitlichen Beschränkungen und Sprachbarrieren. Als allein-reisender Radler, fernab des Touristentrails, vergehen manchmal Wochen bis man einen anderen Ausländer oder Touristen trifft, um mal wieder ein Gespräch auf Englisch oder Deutsch führen zu können. Es ist schwer sich auszudrücken weil einen niemand versteht und man bekommt kein Input weil man die anderen nicht versteht. Auf Dauer führt das zu einem Gefühl von Isolation.

Auch hier in Südamerika ist es oft so. Solange mein Spanisch nicht gut genug ist, um richtige, tiefere Unterhaltungen zu führen oder zu verstehen, schalte ich oft in der Gegenwart anderer innerlich ab, da ich sowieso nichts verstehe. Ich habe es satt mich nicht vollständig und aufwandlos ausdrücken zu können. Ich bin dann in meinen Gedanken, nur körperlich anwesend, und langweile mich oft oder entziehe mich der sozialen Situation um alleine zu sein.
Denn wenn ich alleine in der Natur bin, fühle ich mich nicht so oft einsam und bin meistens sehr zufrieden. Doch in Anwesenheit anderer Menschen, zu denen ich keine richtige Verbindung aufbauen kann, oder in großen Städten wo ich niemanden kenne, dort kommt die Einsamkeit schon öfters.


Freunde und Familie

„Freunde kann man überall machen!“, sage ich immer. Besonders mit dem Rad ist das einfach, da man überall auffällt, Interesse weckt, und anscheinend auch selten als bedrohlich wahrgenommen wird. Es ist leicht mit Menschen in Kontakt zu kommen und Freunde zu machen. Doch diese Freundschaften sind oft nur von kurzer Dauer und oberflächlich. Sie halten genau so lange, bis ich weiter radle. Auch wenn ich mit vielen Menschen denen ich begegnet bin noch in Kontakt stehe, für eine richtige, eine tiefe Freundschaft, bedarf es, dass man Zeit miteinander verbringt, gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen hat, sich besser kennenlernt. Oft ist nur die Basis für eine Freundschaft gelegt, wenn ich eine Person dann nie mehr wiedersehe, verläuft sich auch irgendwann der Kontakt. Doch manchmal klappt es und ich treffe jemanden wieder und verbringe Zeit mit ihm. Und so sind schon einige Freundschaften entstanden, welche sich auch wohl durch mein Leben ziehen werden.

Und dann sind da noch die alten Freunde, von zu Hause. Nach einigen Jahren auf Reise stehe ich nur mit einigen wenigen in losem Emailkontakt. Stand-by Freunde nenne ich die. Wenn wir uns wiedersehen wird (hoffentlich) alles so sein wie früher. Bis dahin geht (oder radelt) jeder seinen eigenen Weg.

Auf Reisen bin ich also fast nie von guten Freunden umgeben. Die mich gut kennen, die mich verstehen, die mich beraten können, die mich trösten können, die mit mir lachen und weinen. Vor denen ich kein Blatt vor den Mund nehmen muss und vor denen ich mich nicht verstellen muss.
Ich bin meistens auf mich alleine gestellt.

In Kontakt bleiben ohne einen Facebook Account zu haben ist schwierig heutzutage, einige Leute benutzen emails gar nicht mehr. Seit fast drei Jahren habe ich ein Smartphone und Whats App. So höre ich von verpassten Hochzeiten und bekomme Babyfotos geschickt und kann ein wenig daran teilnehmen wie sich die Leben meiner Freunde entfalten.

Meine Eltern habe ich vor drei Jahren das letzte mal getroffen


„Familie? Ist doch nicht so wichtig!“
, dachte ich lange. Ich dachte mit denen habe ich doch schon genug Zeit in meinem Leben verbracht. Doch nach einigen Jahren auf Reise ändert sich die Perspektive. Familie ist super wichtig. Das sind die Menschen die mich unterstützen, die mich seit meiner Geburt kennen, die mich so akzeptieren wie ich bin. Mit diesen Menschen habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht. Und diese Menschen habe ich teilweise seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Mit meinen Eltern und mit einem meiner Brüder habe ich vor drei Jahren Urlaub in Indonesien gemacht, da ist es also nicht ganz so lange her. Doch an ihrem Leben nehme ich nicht teil, außer mal ein paar Fotos in der WhatsApp Familiengruppe zu betrachten oder meinerseits ein paar Fotos zu senden. Doch das ist nur schwerlich ein Ersatz für direkten Kontakt. Meine Familienbeziehungen sind also auch eher auf Stand By Modus.


Heimweh

Heimweh kenn ich nicht. Dagegen bin ich immun. Dachte ich immer. Während bei einigen Reisenden das Heimweh schon nach ein paar Wochen einsetzt, hat es bei mir einige Jahre gedauert, bis ich mich so richtig nach Zuhause sehnte. Abgesehen von einigen Momenten wo ich krank war, z.B. mit Dengue Fieber in Kambodia, oder mit Lebensmittelvergiftung in Indien und mir nichts lieber wünschte als zu Hause zu sein und mich von meiner Mutter bemuttern und gesund pflegen zu lassen, wollte ich eigentlich nie nach Hause. Selbst Weihnachten war es für mich in Ordnung wo anders zu sein, mit anderen Menschen, mit einer anderen Familie zu feiern. Doch auch das hat sich im letzten Jahr geändert. Immer öfters male ich mir aus, wie es wohl wäre zu Hause zu sein. Bei meinen Eltern, in dem Haus wo ich aufgewachsen bin. Durch die Straßen der Kleinstadt zu laufen, Kindheitserinnerungen wach werden zu lassen. An Orten und unter Menschen zu sein welche mir sehr vertraut sind, anstatt ständig neue Personen zu treffen und mich an neuen Orten zurechtfinden zu müssen. Nachts tauchen meine Geschwister in meinen Träumen auf und tagsüber wandern meine Gedanken immer wieder in die Zukunft. Es entstehen Fantasieunterhaltungen in meinem Kopf die ich möglicherweise führen werde wenn ich wieder zu Hause bin. Richtige Sehnsucht kommt manchmal auf und ich frage mich, was mich eigentlich davon abhält, jetzt direkt nach Hause zurück zu kehren.


Und die Liebe?
“Wie ist das denn mit der Liebe?” ist eine Frage die oft vorsichtiger gestellt wird, die aber berechtigt ist. “Mein Fahrrad ist meine Freundin.” ist wieder eine dieser Standardantworten, aber damit ist diesem Artikel natürlich nicht zu Genüge getan. Ich muss schon etwas persönlicher werden.

Da bedarf es erst mal einer Definition von Liebe oder zumindest von den Verlangen und Begehren (oder sogar Bedürfnissen) die ein jeder Mensch hat. Das Verlangen geliebt zu werden, respektiert und akzeptiert, verstanden zu werden. Das Verlangen nach Nähe, Wärme, Zuneigung. Das Begehren nach Intimität, nach körperlicher Nähe, nach Streicheleinheiten, Küssen, Liebkosungen bis hin zu dem Verlangen mit jemanden schlafen zu wollen – sich auf dieser der intimsten Ebenen zu verbinden. Das Verlangen, Liebe zu geben. Nach emotionaler Balance. Das Verlangen nach Zweisamkeit. Nach einem festen Partner im Leben. Oder auch das Begehren mit vielen unterschiedlichen Partnern schlafen zu wollen (welches bestimmt nicht nur ein männliches Begehren ist).

Wie auch immer die Begehren und Verlangen von Menschen zusammengesetzt sind, festzuhalten ist wohl, dass jeder Liebe und Zuneigung benötigt und es eine der essentiellen Energien im Leben ist. Es ist eher ein Grundbedürfnis zum leben als etwas optionales.
Doch um die oben genannten Verlangen zu erfüllen, bedarf es nicht unbedingt einer langen Beziehung. Wenn man offen füreinander ist, kann man Intimität in einem kurzen Zeitraum herstellen und man kann lernen, jemanden zu lieben ohne zu vermissen, ohne Eifersucht und ohne Anhaftung. Doch dies ist leichter gesagt als getan.


Liebeskummer gibt es auch
Meine Strategie war es lange Zeit, mich nicht zu verlieben. Zumindest nicht zu viel. Doch die Liebe geht nicht durch den Kopf sondern durchs Herz. Und das fühlt was es will. Verliebt habe ich mich also trotzdem, aber oft habe ich lieber ein wenig Distanz gewahrt, mich nicht komplett auf jemanden eingelassen, lieber versucht die Liebe zu kontrollieren. Meine Freiheit war mir wichtig und alleine ist es oft auch einfacher. Auch die Angst verletzt zu werden spielte für mich eine Rolle, denn Liebe war für mich auch immer mit Schmerz verbunden.
Denn der Drang weiterzureisen, war immer stärker und wichtiger. Umso länger ich mit jemandem zusammenblieb, umso schmerzhafter und schwieriger war oftmals die Trennung. Die Sehnsucht und die Zweifel, ob meine Entscheidung zu gehen auch richtig war. Das manchmal unbequeme Wissen, dass es für mich als „weiterziehender“ einfacher sein mag, als für das Mädchen welches in ihrer gewohnten Umgebung zurückbleibt. Die einsamen Abende im Zelt, mich zurücksehnend in die Arme meiner letzten Liebe und gleichzeitig wissend, dass ich sie wohl nie mehr wiedersehen werde.

Meine Beziehungen in den letzten sechs Jahren waren also immer nur von kurzer Dauer. Von einigen Tagen bis zu zwei Monaten. Und trotzdem, oder gerade wegen der kurzen Dauer, sehr intensiv. Denn immer war ich in dieser Anfangsphase der Verliebtheit, wo der andere noch neu und interessant und exotisch ist. Wo man sich noch nicht gut genug kennt und die Hormone alle Zweifel am anderen unterdrücken und einen einlullen in den Liebestaumel.
Da hilft natürlich auch die Überzeugung, dass die Modelle “ein Partner fürs Leben” und “nur ein Partner zur selben Zeit” für viele Menschen nicht die richtigen sind, sondern eher eine romantisierte Idealvorstellung. Ich weiss dass man mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann und es keinen perfekten Partner gibt, der alle Bedürfnisse erfüllen kann die man so hat. Scheidungsraten und die Normalität des Fremdgehens sprechen da für sich.

Aber was ist denn, wenn ich mal wirklich eine festere und längere Bindung eingehen will? Wie gehe ich damit um, wenn nach ein paar Wochen der erste Liebessturm erschwächt, die Gewohnheit einsetzt, wenn mein Verlangen nach Veränderung, nach Neuem (besser gesagt einer neuen), mich weiter treibt, den Partner sogar unattraktiv erscheinen lässt? Damit umzugehen habe ich nicht gelernt in den letzten Jahren.


Suche oder Flucht?
Eine Reise ist oft eine Suche nach etwas oder eine Flucht vor etwas. Oder eine Mischung aus beidem, wie bei mir. Diese Rastlosigkeit, dieses Gefühl, immer weiter zu wollen, was sich am Anfang der Reise oft schon nach zwei Pausentagen, spätestens nach einer Woche eingestellt hat, kann sehr nützlich sein. Besonders wenn man ganze Kontinente mit dem Rad durchqueren will.
Es kann aber auch durchaus negative Aspekte haben: Wenn man nie zufrieden ist wo man gerade ist. Immer dem nächsten Ziel hinterher jagt. Der nächsten Attraktion, dem nächsten Land. Wenn Dinge zu schnell langweilig werden, man immer Veränderung braucht, neue Umstände, größere Herausforderungen. Wenn die Welt zu groß erscheint und man meint alles mal gesehen haben zu müssen. Immer weiter zu wollen, immer mehr Orte und Länder besuchen zu wollen, man nie das Gefühlt hat irgendwo anzukommen. Dann sollte man innehalten und reflektieren warum man überhaupt reist. Wovor rennt man davon? Wonach sucht man eigentlich? Geht es nur darum Destinationen, Länder und Erfahrungen abzuhaken oder geht es doch eher um den Weg? Um das Leben im Hier und Jetzt?


Reisen macht müde

Wenn man allerdings das Gefühl hat alles schon gesehen zu haben, alles zu kennen in einem Land, wenn einen nichts mehr beeindrucken kann oder man anfängt, Dinge zu vergleichen „Die Tempel in der Stadt waren aber viel schöner als dieser!“ , „Dieser Strand ist gar nichts im Vergleich zu den Stränden auf der anderen Insel!“. Oder wenn man gar keine Lust mehr hat auf neue Sachen, eine Übersättigung erreicht hat, dann spricht man vom Reiseburnout, welchen jeder Reisende mal hat der lange unterwegs ist. Dagegen hilft nur mal Pause zu machen, es langsam angehen zu lassen.
Als ich nach 2,5 Jahren ständig unterwegs sein in Australien ankam und dann direkt für drei Monate allein durch das einsame Outback radelte, war es höchste Zeit für eine Pause. Nicht mehr begeisterungs- und aufnahmefähig für neue Dinge sowie vereinsamt durch mangelnde und zu kurze soziale Kontakte, verbrachte ich vier Monate in Adelaide, wo mich erst eine Familie liebevoll wie einen eigenen Sohn in ihr Haus aufnahm und ich anschließend eine Freundin fürs Leben kennenlernte, die mich jedem ihrer Freunde vorstellte und für genügend soziale Kontakte sorgte.
Später verbrachte ich einige weitere Monate in Melbourne im verrückten Crunchytown, ein überfülltes Couchsurfing Community Haus, wo Gefühle der Einsamkeit und Isoliertheit quasi gar nicht aufkommen konnten.Auch in Neuseeland ließ ich es langsam angehen und blieb für ein halbes Jahr an einem Ort,genauer gesagt im Crows Nest, eine andere Gemeinschaft Reisender. Irgendwann ist es immer Zeit für eine Pause und je länger ich unterwegs bin, um so langsamer reise ich, um so länger und öfters bleibe ich an bestimmten Orten und gehe tiefere Verbindungen ein.


Der egozentrische Eigenbrötler

Obwohl der Mensch ein soziales Wesen ist, ist er gleichzeitig auch sehr Ich-konzentriert.Wer viel Zeit alleine verbringt, läuft nicht nur Gefahr zu vereinsamen sondern auch, egoistisch oder zumindest egozentrisch zu werden. Wer alleine reist, muss nur für sich selbst Entscheidungen treffen, ist nur für sich selber verantwortlich, muss nur an sich selber denken. Es gibt nicht viele Kompromisse einzugehen, auf niemanden zu warten, man ist sein eigener Herr oder Frau.
Ich bin an diese Dinge gewöhnt und so fällt es mir manchmal schwer, mit anderen oder in Gruppensituationen nicht ungeduldig zu werden. Alleine mag es einfacher sein, doch nicht unbedingt schöner. Auch steigt die Gefahr, ein komischer Kauz zu werden, je mehr Zeit man alleine verbringt. Und ich rede hier nicht von Selbstgesprächen, so etwas sehe ich mittlerweile noch als ziemlich normal an.

Entfremdung von der Heimat
„Aussteiger“, „Hippie“, „Globetrotter“ - so nennen mich manchmal Leute oder ich bezeichne mich der Einfachheit halber selber so, ohne diese Labels besonders zu mögen. Reisen verändert – gar keine Frage – und erweitert den Horizont. Es zeigt einem neue Perspektiven im Leben auf und sein eigenes Potenzial.
In den ersten Jahren konnte ich mir noch vorstellen später mal relativ „normal“ zu leben. Das heisst in der kapitalistischen Mainstream-Gesellschaft einen Vollzeitjob zu haben und mein Leben so zu leben wie mich Schule und Gesellschaft vorbereitet haben. Heute weiss ich, dass ich nicht mehr dorthin zurück will. Immer weniger verstehe ich, wie Menschen so leben können, wie sie soviel arbeiten können und (aus meiner Sicht) so unbewusst die Welt wahrnehmen und handeln. Das Verständnis für Menschen, welche nicht zufrieden sind mit ihrer Arbeit, ihrem Leben, welche aber nichts ändern, nimmt ab. Das Verständnis für ihre (mir manchmal lächerlich erscheinenden) alltäglichen Probleme und Sorgen nimmt ab, ich kann mich schwieriger in ihre Situation versetzen. Nicht das ich mich besser oder schlauer fühle, es geht hier nicht um Arroganz – aber meine Erfahrungen und Lebensumstände in den letzten Jahren sind so grundsätzlich verschieden gewesen, das eine Art Entfremdung eingetreten ist. Ein simples Leben ohne große finanziellen Sorgen, ohne Verpflichtungen und die meiste Zeit frei gestaltbar, ist schon sehr anders als das Leben eines Durchschnittsdeutschen. Zudem die viele Zeit die ich in den letzten Jahren mit ähnlich denkenden, ähnlich lebenden Menschen verbrachte. Reisende, Alternative, Hippies, Freaks, anders lebenden. Das kann dazu führen sich wie in einer Parallelgesellschaft oder sogar Parallelwelt zu fühlen und die Distanz zu anderen Menschen zu vergrößern. Im schlimmsten Falle tauchen sogar verurteilende und abgrenzende Gedanken auf:„ Die essen ja immer noch so viel Fleisch – wissen die nichts vom Klimawandel?“ oder „ Haben die immer noch nicht kapiert dass das neuste Smartphone nicht unbedingt glücklicher macht?“
Spätestens dann kann man nicht nur von Entfremdung sprechen sondern doch auch von einer Position der Arroganz, welche es zu korrigieren gilt.

Wobei Entfremdung ja in beide Richtungen funktioniert, es kommt nur auf die Perspektive an. Ich kann andere Menschen oftmals als entfremdet zur Natur, zu sich selber und zum Leben im allgemeinen ansehen, und andere Menschen sehen mich als entfremdet zu ihrem normalen Leben, zu ihrer Lebensrealität an.
Nach so langer Zeit unterwegs und dem vollzogenen Perspektiven- und Ansichtenwechsel frage ich mich öfters, wie es denn sein wird wenn ich in mein altes Umfeld, sprich Freunde und Familie in Deutschland zurückkehre. Wie werde ich reagieren und wie die Leute, welche sich vielleicht nicht so sehr verändert haben? Wird es da nicht auch Konfrontationen geben? Werde ich mich anpassen oder passe ich nicht mehr dort hin?


Was ich vermisse

Lange Zeit nicht wissend was ich auf die Frage nach dem Vermissten antworten sollte, fällt es mir nach sechs Jahren Reisens leichter eine Antwort zu finden.

Ich vermisse von Menschen umgeben zu sein die mich gut kennen und die ich gut kenne. Mit meiner Familie zu sein, mit Eltern und Geschwistern, meine neue Nichte kennen zu lernen. Mit alten Freunden zu quatschen und etwas zu unternehmen. Teil von ihrem Leben zu sein.

Ich vermisse das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit welches einem ein Ort gibt den man gut kennt. Die Gegend, Stadt, das Haus wo ich aufgewachsen bin.

Ich vermisse es, ein festes Zuhause zu haben. Meinen eigenen Raum, mein eigenes kleines Reich.

Ich vermisse soziale Beziehungen die länger dauern als nur ein paar Tage und welche tiefgehender sind als reine Bekanntschaften.

Ich vermisse es, in einer Umgebung zu sein, wo ich nicht der Fremde bin, wo ich nicht auffalle und nicht als besonders gelte, wo mich die Menschen genauso behandeln wie jeden anderen auch.

Ich vermisse es, ein Teil von etwas zu sein. Nicht nur in meinem eigenen Leben, meiner eigenen Reise zu leben, sondern das Leben mit anderen zu teilen. In einer Gemeinschaft zu leben, etwas dauerhaftes zu erschaffen. Ein Projekt, eine Aufgabe zu haben und positiv auf meine direkte Umgebung und die Welt einzuwirken.

Leben bedeutet Veränderung

Seit gut einem Jahr spüre ich die negativen Effekte mehr als je zuvor. Das bedeutet nicht, dass ich gar keinen Spaß mehr am reisen habe oder dass ich mich nur noch von Einsamkeit und Heimweh geplagt durch die Welt schleppe. Aber es bedeutet, dass sich etwas grundlegendes verändert. War meine Art zu leben und zu reisen in den letzten Jahren vollkommen erfüllend und genau das was ich machen wollte, findet gerade eine Veränderung statt und eine Neuausrichtung. In welche Richtung genau wird sich noch zeigen, doch ich fühle, dass es mal an der Zeit ist eine Pause vom Reisen zu machen und zwar in der Heimat Deutschland.
Discovering the world on a bicycle

www.onemanonebikeoneworld.com/de
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Film: Frei wie ein Känguru
https://vimeo.com/163070837
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#1361964 - 10.11.18 07:41 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Thomas1976
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
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Beiträge: 9486
Ich bin selten beeindruckt, nun bin ich es aber.
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#1362037 - 10.11.18 15:30 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Fricka
Mitglied
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Beiträge: 2778
Du bist jung, gesund (ohne Krankenversicherung) und ohne Bindungen. Da kann man sowas machen, wenn man das möchte.

Deine Schilderung liest sich für mich sehr ich-bezogen. Du brauchst deine Eltern nicht mehr. Sie brauchen dich im Moment auch nicht. Aber wenn sich das ändern würde? Und die Frauen, die dir unterwegs mal eben kurz das geben, was du an Liebe brauchst, bevor du weiterradelst, werden hoffentlich dafür nicht gesteinigt.

Ich lese gerne solche Reiseberichte. Der Blog ist aber ziemlich schwer zu lesen. Mehr so eine Art Mosaik. Bis du ein Buch hast, kommt da noch allerhand Arbeit auf dich zu.
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#1362073 - 10.11.18 22:28 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Fahrradauszeit
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Beiträge: 6
Hi Florian,
mit deinen zwei Berichten hast du herausfordernde Themen angesprochen, die sicherlich den Rahmen eines Radreiseforums überfordern, aber nun sind sie in der Welt und ich gebe gerne einen weiteren Kommentar ab.

Es gibt zwischen weiß und schwarz unendlich viele Grautöne. Die vermisse ich etwas in deinem Bericht, aber diese vielen Grautöne machen das Leben lebenswert und ermöglichen ein friedvolles Miteinander.

Ich glaube, dass es "Das normale Leben“ nicht gibt. Jedes Leben ist einmalig, individuell und selbst gewählt mit den Fähigkeiten, die wir bei der Geburt "mitgeliefert" bekommen haben. Aus meiner Sicht besteht das Ziel darin sich weiterzuentwickeln, egal ob als Langzeitreisender, Arbeiter, Angestellter, Beamter, Arbeitsloser, etc.

Als Reisender habe ich örtliche Veränderungen und ganz andere Herausforderungen zu meistern als im Arbeitsleben. Die täglichen Herausforderungen im Spannungsfeld Arbeit, Familie und Freundschaften sind nicht weniger schwer zu bewältigen als die während einer Radreise. In diesen zwei unterschiedlichen Welten (Reise- & Arbeitsleben) zu leben ist für mich nicht immer einfach und sicherlich wird es auch für dich eine Herausforderung ganz besonderer Art werden, wenn deine Radreise beendet ist. In beiden "Welten" benötigt man Geduld und Ausdauer.

Du hast es trefflich formuliert, dass die Reise oft eine Suche nach etwas ist. Ich tausche das Wort „Reise“ durch „Lebensreise“ und schon trifft es auf jeden Menschen zu. Ich behaupte einfach mal, dass jeder Mensch auf der Suche ist und viele finden eine passende Antwort, dabei ist es vollkommen egal was man macht und es ist nicht garantiert, dass der Reisende weisere Antworten findet als der Arbeiter.

Ich bin gespannt welche Antworten du findest. Einerseits lehnst du einen Vollzeitjob ab und andererseits suchst du Geborgenheit, Sicherheit und Liebe. Verantwortung für andere zu übernehmen ob bei der Arbeit, in der Familie oder bei Freundschaften bedingt auch, dass man zurückstecken muss und das kann sehr erfüllend sein.
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#1362155 - 11.11.18 19:47 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Pierrot
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Beiträge: 816
Hallo Florian,

Du machst Dir viele Gedanken darum, was das Leben ist, worauf es im Leben ankommt. Dabei hast Du viele gute Gedanken entwickelt. Doch bislang haben Deine Erkenntnisse in Deinem Leben 'nur' dafür gesorgt, dass Dein Reisetempo sich verlangsamt.
Warum also diese Diskrepanz?
Ich halte es für wichtig, im Leben anzukommen, (s)einen Platz zu finden. Vielleicht nicht mit 20 oder 30, aber mit 50 schon eher. Das ist schon schwierig genug.
Warum konntest Du nicht in Australien bleiben, das hörte sich doch gut an. Oder weißt Du tief im Inneren, dass Du eigentlich zurück nach Deutschland willst, es aber (noch)nicht kannst? Wovor hast du Angst?
Ich bin auch kein Freund des Kapitalismus, aber man kann auch in Deutschland 'alternativ' leben. Das eine Sache der inneren Einstellung. Man kann sich auch den Job dementsprechend wählen. Ich arbeite z.B. mit Kindern, in einem Waldkindergarten. Das macht mir Spaß.

Mir scheint klar zu sein, dass Du nicht ewig reisen willst. Du suchst doch Deinen Platz. Also überlege Dir, wo dies realistisch möglich ist (Sprache, jobmäßig, sozial).
Und wenn ich mir die Welt so angucke, in ihrem immer bedenklicher werdenden Zustand, dann bin ich persönlich froh, in Europa zu leben …

Grüße
Peter
Vive la vélorution !!!
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#1362158 - 11.11.18 20:07 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
Rennrädle
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Beiträge: 6039
Hallo Florian,

ich habe an den vergangenen 2 Abenden weiter Deine Reiseberichte gelesen. ZB auch die Carretera Austral, die ich zumindest für 6 Wochen erleben durfte.

Aber ich möchte etwas anderes dazu sagen. Mein Mann und ich sind auch mal los gezogen, aber nur für 1 Jahr nach Neuseeland. Eigentlich dort zum Leben und zum Arbeiten. Wir waren gute 30 Lenze alt.

Auch ein halbes Jahr Singapur in meinem Beruf habe ich hinter mir. Eine nicht besonders gute Zeit für mich alleine dort.

Wir sind wieder von Neuseeland zurück gekehrt. Heimweh und das Wissen, dass wir unser Leben hier in Deutschland besser leben können.

Und die Entscheidung war richtig - speziell wenn jetzt meine Eltern sehr alt sind und die Bindung zwischen uns Geschwistern immer wichtiger und dichter wird.

Ich wünsche Dir die richtige Entscheidung und den richtigen Weg für Dich - Du entscheidest - und wichtige Verbindungen zB zu Eltern, sonstige Familie werden sich melden oder vielleicht haben sie es schon.

Machs gut - und danke für die schönen Erzählungen.

Rennrädle
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#1362199 - 12.11.18 09:22 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
grenzenlos
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 893
Hallo Florian,

selten so einen tiefgehenden Bericht gelesen. Und zum Glück habe ich noch nicht alles gelesen. Danke zwinker


Unser Sohn war Jahre mit dem Fahrrad unterwegs. Ich/wir waren Jahre mit dem Fahrrad unterwegs. Vielleicht liegt es daran, dass ich vieles nachvollziehen kann.
Lange Reisen verändern. Man (Mann, natürlich auch Frau) hat Zeit über tausende von Kilometern über all die wichtigen und auch unwichtigen Dinge des Lebens nachzudenken. Dies tut oft gut, dies kann aber auch problematisch sein.
Freunde, Heimweh, Armut, Reichtum, Angst, Liebe, Eltern, Kinder, viele andere Menschen, Kälte und, und ..., werden kopfmäßig zerlegt, neu geordnet, neu gelebt, neu geliebt, neu eingeordnet, neu empfunden. Was mir dabei gut getan hatte? Ich war mit den Gedanken nicht alleine. Meine bessere Hälfte war dabei. Natürlich war da nicht immer eitel Sonnenschein. Wir konnten aber teilen. Habe auch oft mit meinem Sohn darüber geredet. Er war auch sehr lange alleine unterwegs. Und seine Erzählungen erinnern mich stark an deine Ausführungen. Die glückliche Zeit hatte dabei den wichtigsten Platz. Was wir aber auch gelernt haben, egal ob alleine oder gemeinsam unterwegs, Tiefpunkte bleiben nicht aus und diese zeigen oft einen weiteren möglichen Weg auf.
Unser Sohn hat seinen Weg gefunden, wir haben ihn gefunden, und ich denke, auch Du wirst ihn finden, denn unser aller Wege sind nie geradlinig. Viele Wege bereichern unser Leben und die meisten sind zum Glück sehr schön.
In diesem Sinne, wünsche ich Dir noch viele schöne Wege zwinker
Gruß Wi grenzenlos
(hier nur privat, gewerblich wg. 3 Büchern)
www.grenzenlosabenteuer.de

Geändert von grenzenlos (12.11.18 09:23)
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#1362207 - 12.11.18 10:21 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: fahrradflo]
dhomas
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Beiträge: 1684
Also ich hab's jetzt gelesen, hat mir gut gefallen.

Der Grundtenor erinnert mich auch an meine eigenen Erfahrungen - da bricht man auf um "sich selbst zu finden", aber im Grunde bleibt man doch der Gleiche, und die große Erleuchtung bleibt aus. Was dich vielleicht noch erwartet: nach der Rückkehr hat man die gleichen Sorgen wie vorher, und noch dazu ärgert man sich über die Engstirnigkeit der Stadtbewohner. Keineswegs wird man also ein besserer Mensch, allein durch so eine Unternehmung.

Ich persönlich bin auch mit dem Anspruch unterwegs gewesen, mal was wirklich bedeutsames zu machen, das einem keiner schlecht reden könnte. Das sorgt natürlich für Leere, wenn man's dann geschafft hat. Weil es hat ja keinen Sinn immer mehr Superlative haben zu wollen, nur aus Eitelkeit.

Nachdem jetzt aber einige Jahre vergangen sind muss ich sagen dass einen die Sache trotzdem nachhaltig positiv geprägt hat. Auch ohne große Erleuchtung sind so viele kleine tolle Dinge passiert, die das Leben einfach lebenswert machen. Noch heute kann ich einen großen Teil der Reise Tag für Tag herunterspulen. Während im Büro mal eben so ein ganzes Jahr vorübergeht ohne dass man sich daran erinnern kann zwinker


Geändert von dhomas (12.11.18 10:21)
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Off-topic #1362227 - 12.11.18 12:08 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: Pierrot]
Pixelschubser
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In Antwort auf: Pierrot

Ich halte es für wichtig, im Leben anzukommen, (s)einen Platz zu finden. Vielleicht nicht mit 20 oder 30, aber mit 50 schon eher. Das ist schon schwierig genug.


Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Was bedeutet für Dich "ankommen"? Ich bin jetzt 49 Jahre alt, bin eigentlich (zumindest, was landläufig darunter verstanden wird) "angekommen" – mein Leben läuft in ruhigen, halbwegs überschaubaren Bahnen, ich habe schon vieles erlebt und hinter mir – und genau da beginnt meine innere Unruhe: das Gefühl, gar nicht dort bleiben zu wollen, wo ich angekommen bin. Ich fange an, mir neue Vorbilder zu suchen: Menschen, die "im Alter" nochmal neu starten, genau die Zelte abbrechen, die sie im Laufe der Zeit aufgebaut und gegen feste Häuser getauscht haben. Mein Gedanke dabei: ich möchte lieber irgendwann irgendwo unterwegs verrecken, als "zuhause".
Wer sagt mir, wo "mein Platz" zu sein hat? Muss ich "einen Platz" in der Welt haben oder darf die Welt mein Platz sein? Ich habe keine "Heimat" (bzw. keinerlei Bezug dazu – wenn ich das mal auf meine regionale Herkunft beziehe: was soll ich als in der Nordeifel geborenes Kind einer Berlinerin und eines Wuppertalers mit thüringischen Wurzeln und englischen Einflüssen sagen, wo und was meine Heimat ist?). Ist Heimat das, wo man mich versteht? – Das habe ich dann selbst in der Hand: je mehr Sprachen ich erlerne, umso größer wird meine "Heimat".
Ankommen? Warum ist das so wichtig? Es gab in der Menschheitsgeschichte genügend nomadische Völker, die uns beweisen, dass man nirgendwo ankommen muss, um seinen Platz in der Welt zu haben. Nur weil wir dominant-nordwesteuropäischen Menschen eine feste "Zentrale" besitzen, von der aus wir die Welt erobern und uns untertan machen, bedeutet das doch nicht, dass das die einzig seligmachende Lebensweise ist!
Florian, ich finde es gut, dass Du Dein Tempo etwas zurücknimmst und dir Gedanken darüber machst, ob sechs Jahre (und länger) für Deine Beziehungen und Dich wirklich gut sind – aber ich würde sagen: lass Dich deswegen nicht in Ketten legen!

Schien Schreeß us Kerpen: Martin


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Off-topic #1362234 - 12.11.18 12:49 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: Pixelschubser]
iassu
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Für mein Empfinden ist "Heimat" nicht ein äußeres, räumliches Thema, sondern ein inneres. Wer sein Inneres nicht "findet", könnte sich als auf der Suche oder gar Flucht befindlich erkennen, egal, ob er "zuhause" ist oder wirklich unterwegs. Wer innerlich seine Lebensaufgabe gefunden hat, wer sich mit allem Unzulänglichen, was dann immer noch bleibt, abgefunden hat, der braucht tatsächlich nicht zwingend dauersesshaft zu sein. Ich vermute aber, daß das Äußere mit dem Inneren schon meistens so verknüpft sein wird, daß "zuhause" auf der ganzen Erde selten zutreffend ist.
Gruß Andreas

Geändert von iassu (12.11.18 13:24)
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Off-topic #1362248 - 12.11.18 14:00 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: iassu]
cyclerps
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Ich bin überall dort zu Hause wo ich mich wohl fühle. Und das war schon ziemlich überall. Da wo ich jetzt bin fühlte ich mich noch nie zu Hause obwohl hier geboren. Da ist der Sitz meiner Firma, Kohle verdiene ich woanders.

Wer sich wo zu Hause fühlt oder Heimat empfindet ist bei jedem anders.
Gruss
Markus
Forza Victoria !
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Off-topic #1362254 - 12.11.18 14:20 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: iassu]
BeBor
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In Antwort auf: iassu
Für mein Empfinden ist "Heimat" nicht ein äußeres, räumliches Thema, sondern ein inneres. Wer sein Inneres nicht "findet", könnte sich als auf der Suche oder gar Flucht befindlich erkennen...

Ob Horst S., unser aktueller Heimatminister, das auch so sieht?

Bernd
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#1362261 - 12.11.18 14:39 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: BeBor]
Pixelschubser
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Ich möchte dich und alle anderen bitten, unnötige Bemerkungen zu unterlassen. Das Thema hat es verdient.
Danke für die Kenntnisnahme.

Schien Schreeß us Kerpen: Martin



Geändert von Juergen (12.11.18 15:26)
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#1362277 - 12.11.18 17:39 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: Pixelschubser]
thE
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Heimat ist da, wo sie einen rein lassen müssen, wenn man von irgendwo wiederkommt.
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#1362292 - 12.11.18 20:01 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: thE]
Rennrädle
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In Antwort auf: thE
Heimat ist da, wo sie einen rein lassen müssen, wenn man von irgendwo wiederkommt.


ich würde es anders sagen:

Heimat ist da, wo sie einen rein lassen, wenn man von irgendwo wiederkommt

Jeder kann sich glücklich schätzen, wenn er ein oder sogar mehrere solche Türen findet.

Rennrädle
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Off-topic #1362294 - 12.11.18 20:08 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: Pixelschubser]
Rennrädle
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In Antwort auf: Pixelschubser
...
Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Was bedeutet für Dich "ankommen"? Ich bin jetzt 49 Jahre alt, bin eigentlich (zumindest, was landläufig darunter verstanden wird) "angekommen" – mein Leben läuft in ruhigen, halbwegs überschaubaren Bahnen, ich habe schon vieles erlebt und hinter mir – und genau da beginnt meine innere Unruhe: das Gefühl, gar nicht dort bleiben zu wollen, wo ich angekommen bin. Ich fange an, mir neue Vorbilder zu suchen: Menschen, die "im Alter" nochmal neu starten, genau die Zelte abbrechen, die sie im Laufe der Zeit aufgebaut und gegen feste Häuser getauscht haben. ...


Zumindest teilwiese finde ich mich mit meinen Ü50 in diesen Sätzen wieder. Zwar nicht ganz die "zelte abbrechen" sondern:

Was kann ich noch in der Welt sehen und entdecken?
Wie lange macht die Gesundheit mit?
Welche anspruchsvolle Touren mache ich lieber jetzt noch, solange ich gesund bin?
Sind wir in 15 Jahren zu Beginn der Rente noch so gesund, um evtl. für einige Monate loszuziehen?

Rennrädle

Geändert von Rennrädle (12.11.18 20:08)
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Off-topic #1362329 - gestern um 08:00 Re: Sechs Jahre unterwegs - Sechs Jahre auf Reise [Re: Rennrädle]
Fricka
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Vermutlich ist da ein großer Unterschied zwischen "alle Zelte für immer abbrechen" und "für ein paar Monate losziehen". Genau so wie zwischen "als Paar losziehen" und "ich bin dann mal weg".

Ich kenne das von etlichen Flüchtlingen, die nun allein hier leben. Gerne auch schon länger und durchaus integriert.
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