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#578811 - 27.12.09 15:19 Kalte Heimat und Baltikum
Dietmar
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 6072
Dauer:24 Tage
Zeitraum:5.6.2009 bis 28.6.2009
Entfernung:1766 Kilometer
Bereiste Länder:deDeutschland
eeEstland
fiFinnland
lvLettland
ltLitauen
plPolen
ruRussland, Russische Förderation



Im Faden Kalte Heimat (Länder) habe ich den Plan für unsere diesjährige Radreise beschrieben. Das besondere unserer Reise war, dass sie uns nicht nur in bisher unbekannte Länder führen sollte, sondern, dass sie auch viel mit der Vergangenheit meiner Familie und der jüngeren Geschichte der bereisten Länder zu tun hatte. Hier nun der Bericht:


1. Brandenburger Prolog

An einem Freitagnachmittag starten wir bei bewölktem Himmel die 1. Etappe. Aber kurz vorm Alexanderplatz scheint schon die Sonne, ein gutes Omen für die gesamte Tour.



Schnell noch das „offizielle“ Startfoto am Roten Rathaus



und schon geht es richtig los auf dem Europaradweg R1, dem wir bis zur polnischen Grenze bei Küstrin-Kietz und danach durch fast ganz Polen folgen werden. Nachdem wir den Plänterwald passiert haben, erreichen wir die BVG-Fähre über die Spree von Baumschulenweg nach Wilhelmstrand, die erste und kleinste von 4 Fähren auf unserer Reise.



Die 2. Etappe am Samstag beginnt ländlich, hier in Liebendorf.



Die Strecke ist fast immer gut ausgebaut und bestens ausgeschildert. Außerdem fahren wir zum ersten Mal mit GPS-Navigation, also mit „himmlischer Unterstützung“.



Für Deutsche-Reichsbahn-Fans gibt es am Bahnhof in Buckow, Märkische Schweiz, Interessantes zu sehen.



Durch blühende Landschaften geht es bis zur Oder. Auf dem Deichradweg herrscht starker Gegenwind, so dass wir lieber auf der Deichverteidigungsstraße fahren.



In Küstrin-Kietz erreichen wir die polnische Grenze. Wegen der neuen Ortsumgehung gibt es einen kleinen Umweg zur Grenzbrücke. Von dort sehen wir zum ersten Mal die berühmte Festung auf der Insel.




2. Noch ist Polen nicht verloren

Seit Dezember 2008 gilt hier das Schengen-Abkommen, so dass sämtliche Kontrollen entfallen sind. Kostrzyn reicht uns noch nicht, so dass wir ein paar Kilometer drauflegen. Nach 125 km sind wir in Osno Lubuskie, unserem ersten polnischen Etappenort. Im Wellness-Hotel Afrodyte gehen wir in die Sauna. Die Übernachtung war als Vollpension recht teuer, aber Schwimmbad und Sauna waren im Preis inbegriffen. Als wir am nächsten Tag auschecken, erlässt man uns sogar noch die Kosten für das Mittagessen. Die 3. Etappe am Sonntag startet bei Nieselregen. Nach 10 km können wir aber die Regenjacken wieder ausziehen.



Die Fahrt geht durch ehemals deutsche Dörfer im Lebuser Land. Die meisten Häuser sind seit dem Nachkriegs-Besitzerwechsel fast unverändert. Die Dachziegel wurden oft durch Wellasbest ersetzt. Viele Nebengebäude und Stallanlagen sind eingefallen. Die Kirchen sind allerdings meist gut saniert.



Zwischen Stoki und Dormowo verläuft der R1 auf einem Feld- und Waldweg, der dank vorangegangenem Regen einigermaßen fest ist, sodass wir nur mal kurz schieben mussten. Damit die Idylle komplett wird, huschten noch ein paar Rehe und Eichhörnchen über den Weg.



Unser am Vormittag gebuchtes Hotel Neptun am Jezioro Miejskie in Miedzychod (dt. Birnbaum) erreichen wir nach 107 km. Die Reservierung erwies sich aber als sinnlos, da wir, wie so oft in Polen oder im Baltikum, die einzigen Gäste waren. Das Frühstück im Hotel ist sehr reichlich, so dass wir noch ein paar Stullen für den Tag schmieren können. Die 4. Etappe am Montag beginnt bei Sonnenschein. Auf der Straße nach Drezdenko (dt. Driesen) reinigt die Straßenmeisterei die Randstreifen – mit dem Fahrrad.



Auf dieser Straße haben wir noch eine Begegnung mit 2 Reiseradlern aus Niedersachsen, die in Sankt Petersburg gestartet waren. Einer der beiden war in den letzten Kriegstagen in Schneidemühl (jetzt Pila) geboren. Leider hatte er kaum noch Spuren seiner Eltern wiederfinden können. Der R1 führt oft auf herrlichen Alleen, meist mit wenig Verkehr. Meist fahren wir nebeneinander und niemand stört sich daran.



Am Wegesrand sehen wir immer wieder Storchennester. Polen scheint „das“ Land der Störche zu sein. Oft sehen wir sie neben uns im Straßengraben oder auf einem Feld bei der Nahrungssuche.



In Trzcianka (dt. Schönlanke) erreichen wir nach 110 km die Pension „Nad Logo“. Marek, der Inhaber spricht sehr gut Deutsch und empfiehlt uns zum Abendbrot den Kiosk am See mit Forellenräucherei (sehr schmackhaft und extrem preiswert). Das exklusive Frühstück in Mareks „guter Stube“ reichte mal wieder über den ganzen Tag.



Die 5. Etappe beginnt natürlich bei Sonnenschein und führt am Anfang auf Waldwegen (als Variante geht auch eine Asphaltstraße) und danach wieder auf schönen Straßen durch



idyllische Orte und Landschaften.



In Pila (dt. Schneidemühl) trifft man nur noch auf wenig deutsche Überbleibsel, denn die Stadt war im letzten Krieg sehr stark zerstört. Hier war mein Vater 1945 auf dem Heimweg von der Kriegsgefangenschaft in seine ostpreußische Heimat für 2 Jahre Zwangsarbeit auf einem polnischen Gut verpflichtet worden.



Große Viehherden sahen wir in Polen nicht, statt dessen viel Privatwirtschaft.



Da es in Osiek am R1 weder Hotels noch Privatquartiere gibt, müssen wir noch 5 km weiter nach Wyrzysk. Unterwegs ereilt uns die einzige Panne unserer Fahrt. Noch einmal aufpumpen und schon erreichen wir das „Dom Polski“, ein Musterbeispiel postsozialistischer Gastlichkeit, immerhin sehr preiswert und das „staropolska Golonka“, so eine Art Pökeleisbein mit Sauerkraut, zum Abendbrot ist sehr schmackhaft.



Heute bringen wir es auf 89 km. Vor dem Abendbrot wird noch das Rad repariert, mitten auf dem Marktplatz, mit zahlreichen Zuschauern.



Die 6. Etappe am Mittwoch beginnen wir wieder bei Sonnenschein und Rückenwind und wohlwollenden Blicken dieser Dame, mit einem Einkauf, um das Flickzeug zu vervollständigen. Hier hatte ich bei den Vorbereitungen etwas geschlampt und nicht auf Vollständigkeit geachtet. Danach noch einen Stopp an der Tankstelle, um den richtigen Reifendruck zu erzeugen.



In Koronowo (dt. Krone) gibt es Mittagessen am Kiosk mit Suppe, Kaffee und reichlich Kuchen, der hier sehr vielfältig, schmackhaft und preiswert ist. Nach ruhiger Fahrt durch viel Natur gelangen wir zur Weichsel bei Chelmno. Über den Fluss geht es entlang einer Nationalstraße mit sehr starkem Lastverkehr, allerdings von diesem durch eine Leitplanke getrennt.



Die Stadt mit historischem Zentrum erreichen wir nach 116 km. Im „Hotelik“ direkt an der Stadtmauer fühlen wir uns bei freundlichen Gastgebern sehr wohl. Der Sohn des Chefs ermöglicht mir am Computer in der Rezeption einen Blick ins Forum. Die 7. Etappe beginnt am Donnerstag bei etwas trübem Wetter. Die Sonne meldet sich aber später wieder. Viele Häuser sind für den heutigen Feiertag – Fronleichnam – geschmückt.



Überall sehen wir Neubauten, manchmal scheint den Bauherren auch das Geld ausgegangen zu sein, so dass viele Rohbauten in der Landschaft herum stehen. Oft ist der aufwendige Zaun bereits fertig.



Marek meinte dazu, dass sich viele Leute bereits beim Zaun so verausgaben, dass kein Geld mehr fürs Haus übrigbleibt.



Kurz vor Grudziadz (dt. Graudenz) sehen wir die erste Prozession, nachdem uns die Polizei gestoppt hat und uns bat zu schieben. An der Spitze die Feuerwehr,



dann verschiedene Uniformen, Blumenkinder, Hochwürden unterm Baldachin, angeführt von zahlreichen Ministranten.



Polnische Mischung: Jungfrau Maria (das ist die Statue) und dahinter ein sowjetisches Ehrenmal für die Gefallenen des 2. Weltkriegs



Hier führt der R1 direkt an der Weichsel entlang,



die Festung haben wir erst halb umrundet und dann schiebend genommen.



Nach der Festung fahren wir durch die Altstadt und treffen auf dem Marktpatz auf die nächste Prozession.



Hier ist auch die polnische Armee dabei, alles attraktive junge Damen.



Das Mittagessen findet heute auf dem Weichseldeich statt.



Anschließend fahren wir auf glattem Asphalt durch schöne Dörfer in der Weichselaue, vorbei an interessanten Grundstücken …



… und durch blühende Landschaften.



Da es die Radlerunterkunft in Biala Gora nicht gibt, müssen wir von unserer geplanten Route abweichen, also 12 km bergauf nach Sztum (dt. Stuhm). Dort übernachten wir im Hotel Baster, das seine beste Zeit schon lange überlebt hatte. Der Wirt spricht russisch, was die Zimmerreservierung vorher am Telefon erleichtert hat. Das restliche Personal spricht drei Wörter englisch und versucht, uns damit zu beeindrucken.



Für den nächsten Tag wird eine neue Route auf dem Navigationsgerät geplant, um wieder auf den richtigen Kurs nach Malbork (dt. Marienburg) zu kommen. Ab hier weichen wir von der offiziellen R1-Strecke ab, um persönlichen Ambitionen zu folgen. Vor der Marienburg halten wir nur zu einem Fotostopp. Der Radweg ist mit deutschen Bus-Touris verstopft, die wir mit ein bisschen Klingeln aufschrecken.



In Sztutowo, Ort des ersten deutschen KZ (Stutthof) auf polnischem Boden, biegen wir ab zur Frischen Nehrung. Hinter Rybackie (dt. Bodenwinkel) sehen wir zum ersten Mal das Frische Haff (polnisch Zalew Wislany). Die einzige Straße auf der frischen Nehrung nutzten 1945 fast eine halbe Million Flüchtlinge aus Ostpreußen.



Nach 85 km (gesamt 791 km) erreichen wir Krynica Morska (dt. Kahlberg). Das Hotel Kahlberg ist frisch renoviert und mit 60 € unsere teuerste Übernachtung in Polen. Dafür gibt es einen schönen Blick über das Frische Haff, das in den Erzählungen meiner Mutter und meiner Großeltern stets eine große Rolle gespielt hatte.



Krynica Morska hat einen kleinen Hafen am Haff. Um auf die Seeseite zu kommen, müssen wir einen kleinen Hügel überwinden. Dazwischen gibt es viel Rummel aber auch ein paar schöne Villen und Hotels. Im Vergleich zur deutschen Ostseeküste geht es hier noch recht preiswert zu. Am Samstag starten wir die 9. Etappe bei Nieselregen. Nach kleiner Runde am Fischhafen fahren wir zum Fährhafen, wo unser Schiff nach Frombork bereits wartet.



Auf Deck ist es recht windig, deshalb bleiben wir fast die gesamte Fahrt im Bordrestaurant. Hier treffen wir auch ein polnisches Radlerpärchen, dass die polnische Ostseeküste entlang radelt und von Braniewo mit dem Zug zurück fahren möchte.



Der Kapitän lädt mich ein, auf die Brücke zu kommen. Er kann ein wenig Englisch, sein Matrose aber ganz gut Russisch. So erfahre ich, dass der lupenreine Gasprom-Kanzler auch schon mal mit auf dem Schiff war (ein Foto von Kapitän und Gerd dem Pipeline-Experten hängt im Restaurant). Auf meine Frage, wann das Haff zuletzt zugefroren war, meint er, dass das etwa alle 5 Jahre passiert.



Nach 1,5 Stunden kommen wir in Frombork (dt. Frauenburg) an. Der Dom aus dem 14. Jahrhundert, Wirkungsstätte von Nikolaus Kopernikus, ist schon von weitem zu sehen.



Wieder auf dem Festland finden wir in einem kleinen Park den Gedenkstein, der in deutscher und in polnischer Sprache über die Flucht von 450.000 Ostpreußen über das zugefrorene Frische Haff im Januar/Februar 1945 informiert. Zu ihnen gehörten auch meine Mutter und ihre Eltern.



Anschließend fahren wir bei anhaltendem Nieselregen auf der Landstraße 505 Richtung Süden.



Bald erreichen wir Wielkie Wierzno (dt. Groß Rautenberg), Geburtsort meines Vaters. Neben verlassenen alten Gehöften gibt es auch gepflegte Grundstücke und ländliches Idyll.



Die Taufkirche meines Vaters ist frisch verputzt. Leider ist sie verschlossen.

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#578813 - 27.12.09 15:53 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Dietmar
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Später erfahren wir, dass sie auch im Inneren ordentlich saniert ist. Die alte „Reichsautobahn 1“, einst geplant von Berlin nach Königsberg – in diesem Abschnitt als Nationalstraße wieder hergerichtet - überqueren wir bei Nowe Sadluki (dt. Neu Sadlucken).



Nach ein paar Kilometern sehen wir den Hof, den mein Großvater bis 1945 bewirtschaftete.



Jan, der jetzige Bewohner ist sehr freundlich und lässt uns alles ausgiebig besichtigen. Er wohnt bereits seit 1946 hier. Er gehörte zu den polnischen Vertriebenen, die aus dem damaligen Ostpolen (jetzt Ukraine) in die ehemals deutschen Gebiete umgesiedelt wurden. Das Wohnhaus sieht wahrscheinlich so aus, wie es 1945/46 verlassen wurde, selbst die alte Hausnummer war noch da, leider unlesbar verrostet. Fenster und Türen stammen aus Vorkriegszeiten. Leider sprach Jan nur wenig russisch, so dass wir nur ein paar Daten austauschen konnten.

Nach der Überquerung der hier zu einem Stausee verbreiterten Pasleka (dt. Passarge) sind es nur noch wenige Meter bis Dabrowa (dt. Schöndamerau). Hier die Dorfstraße, da hat sich bestimmt nicht viel verändert.



Viele Häuser vom früheren Ortsplan sind verschwunden. Einzelne Häuser sind aber ordentlich saniert. Die beiden Schulgebäude hinter der Weggabelung des Dorfangers sind als Wohnhäuser noch gut erhalten. Hier ging meine Mutter bis 1945 zur Schule.



Weiter geht es bei Nieselregen, die schöne Landschaft verschwimmt im Trüben, wie auch die Reste vom ehemaligen Ortsteil Darethenhof.



Hier steht das ehemalige Insthaus, in dem meine Großeltern, meine Mutter und ihre Geschwister bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1946 wohnten. Das Gebäude wurde kurz nach dem Krieg teilweise zerstört, später umgebaut und in jüngster Zeit ordentlich modernisiert. Heute wohnen hier Irena mit Ihrer Tochter und der 79jährigen Mutter, die 1946 hier einzog. Irena lädt uns zu einer Tasse Kaffee ein. Da sich mein Polnisch nur auf wenige Worte beschränkt, war das Gespräch zwar sehr freundlich, aber nicht sehr aufschlussreich. Immerhin konnte ich mich anhand eines alten Fotos und einiger Jahreszahlen etwas verständlich machen.

Auf dem Weg nach Braniewo suchen wir noch den Ort Szalmia (dt. Schalmey), früher Sitz des Kirchspiels. Aber außer zwei Ortsschildern und 2 Häusern ist von diesem Ort, der früher mal 360 Einwohner hatte, nichts mehr zu sehen.

Im Hotel Warmia in Braniewo (dt. Braunsberg), das wir nach 46 km erreichen, muss die Gardine als Wäschetrockner herhalten.



Bei trübem Himmel beginnt die 10. Etappe am Sonntag. Im Zentrum von Braniewo sehen wir eines der letzten R1-Schilder.




3. Kaliningrader Gebiet - Russland mit einem bisschen Sowjetunion

Nun haben wir noch 10 km auf polnischem Gebiet. Die Grenzabfertigung ins Kaliningrader Gebiet dauerte ungefähr eine Stunde. Wir haben mehrere Posten zu passieren, Dokumente auszufüllen und schwierige Fragen der strengen Deschurnaja zu beantworten: „Nomer welosipeda?“ Ich: „Nomer njet“. Ein Soldat wird gerufen und mit der Kontrolle des Fahrrads beauftragt. Nach vorn gebeugt, Hände auf dem Rücken schleicht er um mein Rad herum, kann aber kein Kennzeichen finden. Nachdem er den Sachverhalt gemeldet hatte, macht die Deschurnaja mit missbilligendem Gesichtsausdruck einen Vermerk auf einem Formular, die Stempel knallen auf Pass und Formulare und ich kann passieren.

Die Straße nach Kaliningrad (dt. Königsberg) ist gut ausgebaut. Der Verkehr ist sonntagsgerecht kaum wahrnehmbar. Erst kurz vor Kaliningrad wird es etwas hektischer.



In Mamonowo (dt. Heiligenbeil) erleben wir Musterbeispiele sowjetischer Baukunst. Allerdings muss man sagen, dass die Stadt im Krieg fast vollständig zerstört war.



Als Gegenstück erleben wir die alte Post in Pjatidoroschnoje (dt. Bladiau), obwohl auch hier der Krieg schlimm gewütet hatte. Wie fast überall haben sich die Dachziegel fristgemäß verabschiedet und sind durch Wellasbesttafeln ersetzt worden. Immerhin residiert hier jetzt die Potschta Rossii.



Mehrfach sehen wir an der Straße nach Kaliningrad Gedenkstätten und Soldatenfriedhöfe wie diese. Im Heiligenbeiler Kessel verloren noch im März 1945 Zehntausende sowjetische und deutsche Soldaten ihr Leben. Die Aufschrift „Ewiger Ruhm den Helden 1945“ ist typisch für viele solcher Denkmäler, wie sie auch sehr zahlreich in Ostdeutschland zu finden sind.



Bei Uschakowo (dt. Brandenburg) genießen wir den letzten Blick auf das Frische Haff (russ. Kaliningradskij saliw). Nach 70 km erreichen wir das exquisite Gästehaus Albertina, benannt nach der alten Königsberger Universität. Kurz vorher haben wir unsere ersten beiden Angriffe von wilden Hunden erlebt. Dabei haben wir beobachtet, dass sich die lieben Tierchen gar nicht um normale Spaziergänger kümmern. Sie schleichen um diese herum und stürzen sich mit vollem Tempo auf uns Radfahrer. Wir wählen die Taktik „Flinke Füße“ und entkommen mit Mühe.



Der Geschäftsführer des Hauses, Boris, ist Akademiker, spricht ganz gut Deutsch und verpasst mir ein tolles Kompliment: „Du machst solche Touren, Du bist doch schon alt.“ (Wir sind etwa gleichalt.) Immerhin fährt er uns mit seinem Privat-Pkw ins Zentrum und gibt uns den Tipp, eventuelle Taxifahrten mit maximal 100 Rubel (gut 2 €) zu entlohnen. Wir greifen zweimal auf diesen Hinweis zurück und halten jeweils den passenden Schein bereit. Einmal gibt’s leichten Widerstand, „njet, sto chwatit“.

Der Königsberger Dom mit dem Grab von Immanuel Kant ist seit kurzem wiederaufgebaut und wird als Konzert- bzw. Ausstellungshaus genutzt. Der Dom und die liebevoll sanierte alte Börse zeugen auch vom Wiederaufbauwillen der Stadt, auch von der Zuwendung auf alte deutsche Traditionen, was uns sehr überrascht. Auf einem Bus war z.B. die Aufschrift des Reiseunternehmens „Kjonigsberg-Awto-Trans“ in lateinischer und kyrillischer Schrift zu sehen. Später erfahren wir, dass es tatsächlich Bestrebungen gab, den belasteten Namen Kalinin (offizielles Staatsoberhaupt zur Stalinzeit) loszuwerden und den historischen Namen wieder einzuführen. Mangels „ö“ im russischen Alphabet wäre eben das „jo“ (für deutsche Augen: ein „e“ mit 2 Punkten) eingesetzt worden. Zar Wladimir im fernen Moskau witterte Separatismus und unterband solches Ansinnen.



Der Platz des Sieges mit 2 neuen öden Einkaufszentren, sowjetischer Siegessäule und neu errichteter orthodoxer Kirche ist wohl recht typisch für das neue Russland.



Die Landstraße von Kaliningrad Richtung Norden führt uns zu Beginn der 11. Etappe am Montag zur Ostsee. Auch hier gibt’s einen Hundeangriff, die der Gegenverkehr freundlicherweise unterbindet.



In Petrovo (dt. Zielkeim) an der Chaussee nach Selenogradsk füllen wir in einem Magasin unsere Vorräte auf. Dank „sozialistischer Verkaufskultur“ fühlt man sich schnell in alte Zeiten versetzt.



Selenogradsk wirbt am Ortseingang auch mit seinem früheren deutschen Namen Cranz, dem ersten Seebad an der Samlandküste.



Am Strand treffen wir auf die Ruinen der sowjetischen Baukunst und ein paar Meter weiter auf die Ruinen des ungebremsten Kapitals.



Bei einer Flasche russischem Bier beobachten wir „Russia‘s next Topmodel“.



Bei strahlendem Sonnenschein sehen wir kilometerweit feinsten Sandstrand aber kaum Urlauber.



Die alte Bäderarchitektur ist leider sehr verfallen, die Straßen sind kaputt.



Gleich hinter Selenogradsk beginnt der Nationalpark Kuhrische Nehrung. In Lesnoje (dt. Sarkau) erreichen wir nach 48 km das Hotel Kurschskaja Kosa an der Haffseite, noch recht neu, aber schon ziemlich viele Bauschäden. Die unfreundliche Chefin (Drei-Wetter-Taft-gestählte Frisur, „kyrillischer Gesichtsausdruck“) verweist unsere Räder ins Foyer, obwohl bei der Buchung eine Fahrradabstellmöglichkeit bestätigt wurde. Immerhin gab es in beiden russischen Hotels freien Internetzugang. Bei einem Spaziergang haben wir diese ländliche Begegnung.



Auf dem Weg zum Strand versperrt uns plötzlich ein schmiedeeiserner Zaun den Weg. Schuldbewusst hat aber jemand ein handbemaltes Pappschild an einen Baum genagelt: „hier lang zum Meer“. Wir machen also einen kleinen Umweg und erreichen tatsächlich den Strand. Auf dem Rückweg gelangen wir zufällig in eine der vielen Neureichen-Siedlungen, die offenbar ohne Beachtung öffentlicher Wege „einfach so“ in die Landschaft gebaut werden. Großer Zaun, Schlagbaum (russisch: schlagbaum), Sicherheitspersonal. Die Wohnhäuser stellen einen für uns sinnlosen Protz dar. Dicke Säulen, die kleine Vordächer tragen, Marmorverkleidungen, viel Holz und geschmiedete Zäune. Der schadenfrohe Betrachter stellt allerdings fest, dass diese Objekte den Verfall bereits mit der Fertigstellung in sich tragen. Feuchte Sockel, schiefe Wände, usw. Wer das große Ganze im Auge hat, vergisst schon mal eine Gasleitung, die dann nachträglich durch die Wand gestoßen wird.

Die 12. Etappe am Dienstag beginnt bei trübem Wetter und führt auf endloser Straße entlang der Nehrung - ab und zu gibt es einen Blick in eine Moorlandschaft oder auf Dünen.



In Rybatschi (dt. Rossitten) sieht man noch etliche alte deutsche Häuser, hier sogar mit Dachziegeln, ansonsten aber unsaniert.



Die Überbleibsel der „sowjetischen Bäderarchitektur“ sehen noch schlimmer aus, so dass wir von diesem Ort keinen guten Eindruck haben. Der vierten Zusammenrottung mit wilden Hunden begegnen wir, indem wir uns als Fußgänger tarnen. Damit fallen wir wohl aus dem Beuteschema und werden in Ruhe gelassen. Das war’s dann aber auch mit Hundeangriffen. In den baltischen Ländern bleiben wir vor Hunden verschont.

Kurz vor der Grenze treffen wir ein Ehepaar aus Sachsen, aus Sankt Petersburg kommend. Bei einem Kaffee an einem Kiosk tauschen wir unsere Restvaluta und ein paar Tipps für die nächsten Kilometer.


4. Transit - Litauen

Nach problemlosem Grenzübertritt (sogar mit dem Lächeln einer jungen uniformierten Dame und „Do swidanja“) sind wir in Litauen. Gleich hinter der Grenze liegt Nida (dt. Nidden) mit der gigantischen Parnidis-Düne mit 52 m Höhe. Sie ist vom Stadthafen aus gut zu sehen und über einen Fuß- und Radweg schnell zu erreichen.



Die Düne erstreckt sich kilometerweit bis über die russische Grenze.



Anschließend fahren wir auf dem teilweise recht gut ausgebauten Radweg Nida – Klaipeda am Schwiegermutterberg mit dem Thomas-Mann-Haus von 1929 vorbei.



Wenn man wenig Zeit hat, kann man auch gut auf der Landesstraße 167 fahren, der Verkehr hält sich wegen der gefühlten „Sackgassenlage“ in Grenzen.



Kurz vor der Abfahrt erreichen wir die kostenfreie Fähre von Smyltene (dt. Sandkrug) nach Klaipeda (dt. Memel).



Nach 104 Kilometern sind wir im Gästehaus Litinterp. Die Räder dürfen mit aufs Zimmer.



Zum Abendessen begeben wir uns in die Altstadt, an deren Peripherie sich dieser Büro- und Hotelkomplex befindet.



Die 13. Etappe am Mittwoch beginnt bei trübem Wetter entlang der Ostsee zum litauischen Badeort Nr. 1 Palanga. Der Radweg führt meist auf asphaltierten Waldwegen immer nah am Meer entlang bis kurz vor die lettische Grenze. In einem Badeort finden wir die schon bekannte Mischung aus sowjetischer und marktwirtschaftlicher Ruinen-Architektur.



Nun gibt’s Mittagessen vor einem Kiosk. Die beiden jungen Damen sprechen natürlich kein Wort Englisch. Ich merke aber, dass sie sich untereinander auf Russisch verständigen, na warum nicht gleich so!




5. Holz und Schotter in Lettland

Der Grenzübergang nach Lettland war nicht besetzt. Nach der Prozedur in Russland haben wir nun schon Entzugserscheinungen. Die Nationalstraßen sind in Grenznähe auf beiden Seiten kaum befahren, so dass wir meist nebeneinander fahren. Die paar Autos (auch Trucks) überholen in großem Bogen.

… und am Ende der Straße steht ein Haus am See …



Diese lettische Rentner-Radeltruppe treffen wir bei Rucava (man spricht russisch). Die Jungs (60 bis 72 Jahre) machen eine verlängerte Wochenendtour und beneiden uns wegen unserer Reise.



In Braksi erreichen wir nach 96 km eine tolle Ferienwohnung mit hauseigener Storchenfamilie.



Nach der Sauna gibt’s ein rustikales Abendbrot aus dem Supermarkt. Die 14. Etappe am Donnerstag führt zunächst nach Liepaja, einer Stadt mit zahlreichen Holzhäusern, die noch auf ihre Restaurierung warten.



In Aizpute, einer richtigen Holzstadt ...



... zelebrieren wir ein umfangreiches Mittagessen vor dem Supermarkt, mangels Tisch auf der Blumenrabatte. Nach 105 km erreichen wir das Etappenziel Kuldiga mit dem zum Hotel Kolonna umgebauten Büro-Plattenbau. Von der Brücke hinter Kuldiga gibt es eine Aussicht auf die Rumbas Venta (manche sagen Stromschnelle, manche Wasserfall). Am Ufer (links) liegt ein Campingplatz in schönem landschaftlichem Umfeld. Den persönlichen Testbericht bitte von Bianka (Bikebieneberlin) abfordern.



Das Rathaus macht auch was her:



Die 15. Etappe am Freitag beginnt natürlich wieder bei Sonnenschein.



… ich hab den Tag auf meiner Seite, ich hab Rückenwind …


In Sabiles erleben wir eine „Volksversammlung“.



Auf Nahrungssuche: In einer Kafejnica in Kandava gibt’s ordentliches Essen (gute Hausmannskost) und wie immer fantastischen Nachtisch zu fantastischen Preisen.



Nach 97 km erreichen wir die kleine Stadt Tukums. Das gleichnamige Hotel war gut in einem Eislaufhallenkomplex versteckt.




Die 16. Etappe am Samstag beginnt wieder etwas eingetrübt, dafür haben alle Häuser geflaggt. Nationalfeiertag ist heute nicht, muss irgendwie mit der Unabhängigkeitsbewegung zu tun haben. Im TV sehen wir etliche Dokumentationen über diese Zeit. Oder flaggen die etwa wegen Mittsommer?



Heute machen wir unsere erste Bekanntschaft mit einer der zahlreichen Schotterstraßen, die gegenwärtig noch einen großen Teil des lettischen Straßennetzes prägen. Man wird ganz schön durchgeschüttelt. Außerdem ist es rutschig und staubig. Dafür werden wir mit einer herrlichen Landschaft im Kemeru-Nationalpark entschädigt.



In Jurmala, dem Badeort vor den Toren Rigas treffen neuzeitlicher Protz und Tradition aufeinander.



Zum Mittagessen in einer Kafejnica an der Jomas iela lassen wir den Sonnenschirm aufspannen. Nach ein paar Minuten muss er allerdings als Regenschirm dienen. Mit Regenausrüstung geht es weiter Richtung Riga, zunächst über die Lielupe. Auf der Brücke pflegt man russische Hochzeitstraditionen.



Danach fahren wir auf einem landschaftlich schönen und gut ausgeschilderten Radweg wieder bei Sonnenschein fast immer entlang der Bahn nach Riga. Den Track dazu habe ich auch bei gpsies gefunden.

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#578816 - 27.12.09 16:23 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Dietmar
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Die lettische Hauptstadt empfängt uns mit einem tollen Panorama vor imposanter Wolkenkulisse. Hier das Schloss und der Dom:



Auf dem Domplatz machen wir erst einmal ein „Zielfoto“.



Daraufhin gesellen sich andere Reiseradler zu uns, auch ein paar motorisierte deutsche Touristen. In kleiner Gruppe werden nun Reiseerfahrungen ausgetauscht. Die Automobilisten leisten natürlich die besten „Beiträge“:

Woher?

aus Berlin

äh, ja, mit der Fähre bis Klaipeda?

nein, mit dem Rad

ja, aber nicht komplett von Berlin?

doch

Caravankapitän: siehste Erna, das wollte ich auch schon immer mal machen, aber Du …

Dabei haben wir bisher gerade mal 1.400 km auf dem Tacho! An der Freiheitsstatue vorbei





erreichen wir unser Hotel nach 74 km. Anschließend bummeln wir noch durch die Altstadt, u.a. zum Schwarzhäupterhaus. Wir nehmen uns vor, unbedingt nochmal herzukommen. Für die Stadt des Jugendstils haben wir einfach zu wenig Zeit.



Der Start zur 17. Etappe am Sonntag erfolgt wieder bei strahlendem Sonnenschein. Anfangs auf sechsspuriger Ausfallstraße wird es später sehr ländlich.



Von Garkallne über Vangazi nach Krustini geht es über Schotterstraßen und Waldwege vorbei an schönen Häusern und durch urige Wälder. Wenn ein Traktor ein Feld bearbeitet, ist ein Storch nicht weit.



Dank längerer Schotterpisten haben wir die heutige Etappe auf 73 km gekürzt. Sigulda ist das Tor zum Gauja-Nationalpark, den wir uns auf der 18. Etappe am Montag, ansehen. Nun geht es ca. 50 km über Schotter, durch schöne Landschaft teils mit ordentlichen Anstiegen, die wir manchmal auch mit etwas „Schiebung“ überwinden mussten.





Nein, das ist nicht Arizona, das ist Lettland im Gauja-Nationalpark. Und schon erscheint wieder unser „Lieblingsverkehrszeichen“: Belagwechsel, jetzt kommt eine schöne Schotterstrecke.



In Cesis essen wir zu Mittag und werden Zeuge eines militärischen Zeremoniells. Später auf der Landstraße nach Valmiera sehen wir eine weitere Ehrung.



Die heutige Etappe endet nach 75 km in Valmiera. Im Hotel Wolmar (frühere Version des Ortsnamens) übernachtet außer uns noch eine lautstarke finnische Radlergruppe, die, mit reichlich Alkohol versehen, die Sauna okkupiert und bis 23 Uhr gut hörbar feiert. Am nächsten Tag fahren wir bei starkem Gegenwind Richtung estnische Grenze. In der geteilten Stadt Valga/Valka sind die Grenzanlagen noch zu sehen.



Nach dem Fall der sowjetischen „Einheit“ wurde nationalstaatlich getrennt. Durch EU und Schengen gibt es nun keine Kontrollen mehr.




6. Mit Rad und Edeltraut durch Estland

Nach 79 km erreichen wir in Sangaste das Motel Rukki Maja. Wir sind mal wieder die einzigen Gäste. Die 20. Etappe am Mittwoch führt uns durch Estlands mit 150 m höchstgelegene Stadt Ottepää, auf separaten Radwegen vorbei am Pühajärv (Heiliger See) mit Hotels und Kuranlagen.



Wir genießen die letzten Kilometer unserer Reise … Da wir die Strecke bis Tallinn nicht mehr schaffen (uns fehlt wegen der Schotterpisten 1 Tag), setzen wir hier den Schlusspunkt unserer Radreise durch das Baltikum. Den Rest schaffen wir mit der Bahn.



Nach 72 km kommen wir in Tartu an. Das Gästehaus Tampere Maja ist nicht ganz billig, aber sehr schön, rustikal und traditionell. Auf dem Flur läuft der Computer mit freiem Internetzugang. Das Haus liegt ganz in der Nähe des Upsala Maja (Tipp aus dem Forum), das leider ausgebucht ist.



Am Mittsommerabend bummeln wir durch die attraktive Altstadt, vorbei am Brunnen der zu Stein gewordenen Verliebten.



Über das Original dieser Brücke über den Emajögi soll schon Napoleon geritten sein.



Heute ist Mittsommer und noch viel Trubel auf den Straßen. Sonnenuntergang ist heute um 22.24 Uhr. Am Donnerstag starten wir ganz früh Richtung Bahnhof. Das Frühstück lag vorbereitet im Kühlschrank. Kaffee haben wir selbst gekocht. Um 7.34 Uhr geht’s los. Da nur 4 Züge am Tag fahren, haben wir nicht allzu viel Auswahl. Der Fahrpreis ist gering (weniger als 10 €), Fahrradmitnahme kostenlos.



Nach über 3 Stunden Fahrt mit Edeltraut auf rumpeliger Strecke erreichen wir Tallinn, die Hauptstadt Estlands (heute nur 2 km mit dem Rad).



Tallinn mit mittelalterlichem Stadtkern und modernem Stadtverkehr.



In 61 m Höhe auf der Oleviste Kirikus …



… hat man einen tollen Überblick, u.a. auf den Fährhafen.




7. Finale auf dem Wasser

Am Freitag verabschieden wir uns von Tallinn mit Foto vorm Rathaus, dann geht es zum Fährhafen von Tallink.



Die Überfahrt nach Helsinki dauert nur 2 Stunden. Die Zeit erschien uns aber viel kürzer, da wir 2 interessante Reisebegleiter hatten. Vor mir fährt Matteo aus Italien auf die Fähre.



Lidia schließt sich uns an. Matteo ist seit 47 Tagen von Siracusa, einer Stadt an der Südspitze Siziliens unterwegs. Sein Ziel ist das Nordkapp. Zur Navigation benutzt er für die gesamte Reise eine Europakarte 1 : 2,5 Mio! Zur Verständigung dient ihm ausschließlich die Weltsprache Italienisch.



Dove vai? Verso capo nord.

Wir lassen Tallinn zurück und schon sind wir in Helsinki, Ankunft im Westhafen. Lidia sehen wir später wieder. Sie war mit ihrem Freund Ernst-August von Hannover (nein nicht der) zwei Wochen im Baltikum unterwegs. Er fährt noch eine Woche weiter, während sie nach Hause muss.



Die ersten Meter auf finnischem Boden sehen recht offiziell aus, bis auf diese bunte Truppe.



Vom Westhafen zum Fährhafen Vuosaari sind es ca. 30 km. In die Route wird natürlich eine kleine Stadtrundfahrt eingebaut.



Auf der Esplanadin Puisto (so’ne Art Ku’damm) herrscht ein buntes Treiben.



Eine Militärkapelle spielt anlässlich unseres letzten Reisetages zum Konzert auf. Heute ist auch der wärmste Tag unserer Reise, so dass wir das Eis im Schatten genießen.



Anschließend fahren wir am Südhafen vorbei, gegenüber dem Präsidentenpalast. Nun folgt eine interessante Radtour entlang der Schären mit bunten Marinas, Badestränden, idyllischen Wegen durch schöne Wohnsiedlungen.



Die Strecke hatte ich mir mit gpsies.de zusammengebastelt. Im OSM-Fahrrad-Modus war ein dichtes Netz von Radwegen verfügbar.



Hinter dem Vorort Vuosaari beginnt das neue Hafengebiet (das eher wie ein riesiges Gewerbegebiet aussieht) mit dem Fährhafen für die Rostock-Linie. Kurz nach 19 Uhr fahren wir auf das Schiff, parken die Räder in Bugnähe und gehen in unsere Kabine.



Für unsere „Traumschiffreise“ über 27 Stunden hatten wir eine Außenkabine gebucht. Pünktlich um 21 Uhr legt die Fähre ab. Drei Tage nach Mittsommer geht die Sonne erst kurz vor 23 Uhr unter.



Pünktlich 23 Uhr geht es in Rostock an Land. Nach ein paar 100 m empfängt uns unser Sohn mit einem Blitzlichtgewitter.



Die Räder sind schnell verladen und 23.30 Uhr verlassen wir den Hafen. Am Sonntag um 1.30 Uhr sind wir wieder zu Hause.


8. Das war‘s

Eine großartige Reise geht zu Ende. Sie führte uns durch 6 Länder: Polen, Russland, Litauen, Lettland, Estland und Finnland. Da die baltischen Staaten die Euro-Einführung verschoben hatten, mussten wir mit 5 Fremdwährungen zurechtkommen. Richtige Grenzkontrollen gab es nur am Kaliningrader Gebiet, ansonsten bewegten wir uns komplett in Schengen-Ländern.

Das Wetter war meist auf unserer Seite (Sonne und Rückenwind). Es gab nur einen „richtigen“ Regentag (ausgerechnet in Ostpreußen), ab und zu mal ein paar Tropfen zwischendurch, aber die Sonnentage waren in der Mehrheit. Einen Tag machte uns heftiger Gegenwind zu schaffen.

Auf dieser Reise habe ich für die Navigation zum ersten Mal GPS-Unterstützung genutzt. Im "GPS-Anfänger-Faden" habe ich beschrieben, wie es so gelaufen ist und was für Erkenntnisse und Erfahrungen entstanden sind. Durch GPS-Unterstützung war die Reise jedenfalls sehr entspannt. Meine Frau sagt mehrmals, dass ich in diesem Urlaub wesentlich entspannter war (zumindest was die Navigation betrifft schmunzel ).

Die Strecke in Polen richtete sich nach dem Europaradweg R1, der sehr gut ausgeschildert ist und meist über ruhige, asphaltierte Landstraßen führt. Die Landstraßen in Russland sind auch gut befahrbar, in den Ortschaften herrschen allerdings teilweise üble Verhältnisse. Die Straßen in den baltischen Ländern sind ebenfalls meist gut ausgebaut. Allerdings besteht ein großer Teil des Straßennetzes aus Schotterpisten in der Qualität von Baustraßen, sehr grob und wellig.

Die Reise erwies sich als sehr preisgünstig. Für Übernachtung und Essen haben wir nur etwa 30 bis 50 % der Preise von Süd- und Westeuropa bezahlt. Dafür haben wir bei der „Traumschiffsreise“ etwas drauflegen müssen.



Bei einer Reise durch 6 Länder muss man mit ebenso vielen Sprachen klar kommen. In touristischen Zentren spricht man, egal in welchem Land, ein ausreichend gutes Englisch. Problematisch wird es in ländlichen Regionen. Mitunter ist es erschreckend, dass vor allem Jugendliche, egal ob in Polen oder im Baltikum, sich lieber wegducken, als einem auf eine einfache Frage zu antworten. Manche Reisende legen das als Unhöflichkeit aus. Ich glaube eher, dass viele sich ihrer Unwissenheit schämen und diese nicht offenbaren möchten.

Ich war auf dieser Reise vor allem darüber erstaunt, wie oft ich meine Russisch-Schulkenntnisse anwenden konnte, und dass nicht nur in Russland, sondern auch in den ehemaligen „Sowjetrepubliken“ und in Polen. Immerhin sind ca. ein Drittel der lettischen und der estnischen Bevölkerung Russen (in Litauen nur 6 %). In den Hauptstädten Riga und Tallinn sollen sogar jeweils 50 % Russen wohnen. Wenn man sich im Hotel mal durch die TV-Kanäle zappt, wird man mehr Russisch als Landessprache hören. Lustiger Höhepunkt: „Kommissar Rex“ in Originalfassung, also der deutsche O-Ton ganz leise, russisch drüber gesprochen, lettische Untertitel. Ebenso wird mit amerikanischen Filmen verfahren, nix synchronisiert, sondern in Landessprache übersprochen plus Untertitel. Bei den geringen Bevölkerungszahlen geht’s ja wohl auch um Kosten.

Ansonsten habe ich keine Vorbehalte gegenüber der russischen Sprache feststellen können. Natürlich ist das auch eine Altersfrage. Am besten, man spricht Leute an, die zu Zeiten der Wiedererlangung der nationalen Identität ihre Schulausbildung hinter sich hatten. Die heutige Jugend sollte dann wenigstens Englisch können – oder auch nicht?

Noch ein schönes Beispiel: Wir fuhren mit dem Taxi in Riga. Der Fahrer war mit drei Worten Englisch ausgestattet und verstand, dass wir zum Domplatz wollten. Im Taxifunk wurde ausschließlich russisch gesprochen. Ich machte daraufhin eine spaßige Bemerkung, so dass das weitere Gespräch natürlich ganz entspannt auf Russisch weiter lief.


Fazit

Reisen bildet. Nicht ganz neu diese Erkenntnis. Aber kein anderes Wort kann diese Reise besser charakterisieren. Von den meisten Regionen, die wir durchreist haben, habe ich mir völlig andere Vorstellungen gemacht, z.T. sogar Vorurteile gehabt. Geprägt durch Erziehung und Schulbildung, desorientiert durch mediale Oberflächlichkeit setzt man sich als Reisender einem Ausschnitt der Realität aus – und staunt!

Immer wieder musste ich auf unserer Reise an einen Spruch aus der Wendezeit denken:

Weltanschauung kommt von Welt anschauen!

Hier noch die Strecke:




So, jetzt bin ich aber müde!




Gruß Dietmar
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#578823 - 27.12.09 16:59 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Pedalpetter
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Hallo Dietmar,

toller Bericht. bravo Ich habe "Ihn" verschlungen.
Guten Rutsch.
Gruss
Volker
Gruß
Volker
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#578829 - 27.12.09 17:10 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Falk
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Schöner reisebericht, gut zu lesen. Nur Vorsicht, mit Mafiosi, bei denen die Staatsanwaltschaft die Gesichter unkenntlich machen lässt, solltest Du Dich besser nicht einlassen. Was da alles passieren kann...

Falk, SchwLAbt
Falk, SchwLAbt
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#578835 - 27.12.09 17:43 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
jowaschl
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Unterwegs in Deutschland

Spannender Reisebericht mit einer gelungenen Kombination von Wort und Bild.

Vielen Dank und Gruß

jowaschl
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#578846 - 27.12.09 18:52 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
k_auf_reisen
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Guten Abend, Dietmar!

Deinen gelungenen Reisebericht habe ich mit großem Interesse gelesen. Macht richtig Lust, auch einmal dorthin zu fahren.
Was Deine familiengeschichtlichen Unternehmungen in Ostpreußen betrifft: darf ich fragen, wie Du die Gebäude so genau identifizieren konntest? Haben Deine Eltern Dir dazu so präzise Angaben machen können oder hattest Du spezielle Unterlagen? (Ich nehme mal an, Du hast das nicht erst vor Ort recherchiert, oder?)

K.
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#578847 - 27.12.09 18:57 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
rainer2
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Hallo Dietmar,
vielen Dank für den sehr interessanten und auch unterhaltsamen Reisebericht.

Gruß
Rainer
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#578853 - 27.12.09 19:38 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: k_auf_reisen]
Dietmar
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Zunächst allen vielen Dank für die freundlichen Kommentare.

Hallo K.,

In Antwort auf: k_auf_reisen
... Was Deine familiengeschichtlichen Unternehmungen in Ostpreußen betrifft: darf ich fragen, wie Du die Gebäude so genau identifizieren konntest? Haben Deine Eltern Dir dazu so präzise Angaben machen können oder hattest Du spezielle Unterlagen?


ich habe mich natürlich ein wenig im Netz umgesehen und bin da u.a. auch auf die Kreisgemeinschaft Braunsberg gestoßen. Die ist logistisch bei der Stadtverwaltung in Münster angesiedelt. Ich nehme an, dass die anderen Kreisgemeinschaften bei anderen Stadtverwaltungen angesiedelt sind. Interessenten können ja mal googeln.

Die Kreisgemeinschaft Braunsberg hält jedenfalls für jedes Kirchspiel ein Einwohnerverzeichnis von 1935 bereit, in meinem Fall Schalmey und Groß Rautenberg. Diese Verzeichnisse enthalten auch detaillierte Ortspläne mit sämtlichen Gebäuden ca. 1 : 25.000. Die Einwohner sind mit Geburts-, Sterbe-, Heiratsdaten aufgeführt, und zwar einschließlich der nach dem Krieg geborenen. Außerdem gab's noch eine wunderbar detaillierte Kreiskarte 1 : 100.000 von 1938. Nach dieser Karte kann man sich heute noch sehr gut orientieren. Karte und Verzeichnis kosten jeweils ca. 10 €.

Was die Angaben meiner Eltern betrifft: Die Erinnerungen sind meist sehr selektiv. Es war alles schöner, die Landschaft offener, sogar die Winter waren kälter ("Kalte Heimat" eben) schmunzel . Sie hatten auch keine Dokumente mehr gehabt. Es gab keinen Gedanken, jemals die Heimat wiederzusehen. Das Thema war einfach abgehakt. Meinen Vorschlag, mal eine Reise in ihre Heimat zu unternehmen, wurde durch gesundheitliche Probleme zunichte gemacht.

Falls jemand dazu noch Infos benötigt, gerne auch per PN.

Gruß Dietmar
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#578867 - 27.12.09 20:07 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
natash
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Hallo Dietmar,
danke für den schönen Bericht. Also herrscht doch nicht überall in Polen ein Höllenverkehr. Gedacht habe ich´s mir, gewußt aber nicht.
Gruß Nat
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#578882 - 27.12.09 20:25 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Fluri
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Hallo Dietmar,
gerade entdeckt - Deinen tollen Bericht mit schönen Fotos. Schön das Du die Zeit gefunden hast die Reise so anschaulich und informativ aufzubereiten und uns daran teilhaben lässt.
Gruß Doris
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#578884 - 27.12.09 20:25 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: natash]
Dietmar
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Hallo Nat,

ja man liest das hier bisweilen, was ich aber nicht nachvollziehen kann. Die Wahrnehmung ist eben sehr subjektiv. Der R1 führt zumindest zu großen Teilen auf sehr ruhigen Landstraßen und manchmal auf Feldwegen. Mit Bundesstraßen hat man nur sehr geringen Kontakt, entweder kreuzend oder kurz mal parallel, aber durch Leitplanken getrennt (Weichselquerung). Die polnischen Autofahrer sind im Vergleich zu deutschen eher zurückhaltend, von ein oder zwei Idioten mal abgesehen schmunzel . Auch in Ostpreußen, als wir uns vom R1 gelöst haben, haben wir nur ruhige Landstraßen angetroffen.

Im Oktober war ich nochmal mit dem Auto in Polen und habe die gleichen Erfahrungen gemacht. Man fährt eben etwas anders, man muss sich nur anpassen.

Gruß Dietmar
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#578892 - 27.12.09 20:37 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
natash
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na ja, wir waren ja nur im oberschlesischen Ballungsgebiet, der Tatra und den Beskiden und da war teilweise (v.a. in Oberschlesien) ein Höllenverkehr (und wir sind da wirklich nicht zimperlich), so dass wir das benachbarte Tschechien als wahres Radfahrerparadies empfanden. Die Fahrer waren zwar oft sehr viel rücksichtsvoller als das in Deutschland üblich ist, aber eine stark befahrene, schmale und schlechte Straße läßt halt doch wenig Möglichkeiten.
Allerdings wird man, wenn man in Deutschland auf den Landstraßen der jeweiligen Ballungsgebiete radelt, auch kein repräsentatives Bild der übrigen Landesteile erhalten.
Klar ist auch, dass ein Fernradweg bemüht sein wird, einen von stark befahrenen Straßen weg zu führen.
Gruß Natalie
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#578899 - 27.12.09 20:55 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: natash]
Dietmar
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Hallo Natalie,
In Antwort auf: natash
na ja, wir waren ja nur im oberschlesischen Ballungsgebiet, der Tatra und den Beskiden und da war teilweise (v.a. in Oberschlesien) ein Höllenverkehr

ja, das kann ich mir schon vorstellen. Andererseits erlebten wir unmittelbar um die größeren Städte herum (Chelmno, Kaliningrad, Riga) auch ziemlich starken Verkehr. Da die Routen aber unmittelbar nach diesen Zentren in die Pampa führten, haben wir immer nur ein kurzes Vergnügen mit starkem Verkehr gehabt.

Wir sind auf unseren Touren genügend Radlern begegnet, die mit Autokarten gefahren sind und sich überwiegend auf Bundesstraßen bewegt haben. Da erlebt man dann auch einen anderen Verkehr. Wir haben uns mit "Masuren ..." und "Baltikum per Rad" eher an radelkompatiblen Wegen orientiert.

Gruß Dietmar
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#578901 - 27.12.09 21:13 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: natash]
Uwe Radholz
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In Tschechien war ich ja auch in diesem Jahr und fand die dortigen Kraftfahrer eigentlich auch gut zu leiden.
Meine letzten Fahrten durch Polen waren auch im südlichen Schlesien und da hatte ich ähnliche Erfahrungen wie Natalie und Micha. Aber wahrscheinlich gibt es in Polen genau so regionale Verschiedenheiten, wie in der BRD. Auf jeden Fall weckt der Bericht in mir verstärkt die Lust, mich auch mal wieder zu diesem Nachbarn auf zu machen. Schon damit meine Frau ihre schwer verschütteten Polnischkenntnisse wieder frei buddelt.

Ansonsten, lieber Dietmar, habe ich nur zwei Fragen:
Zum einen gab es früher ziemliche viele Campingplätze in PL. Ihr seid zwar nicht ins Zelt gegangen, könnt aber vielleicht doch was zur Lage am Wegessrand sagen?
Und fährt man wirklich vom Rathaus nach Küstrin von Plänterwald mit der Fähre über die Spree?
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#578904 - 27.12.09 21:39 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Uwe Radholz]
Dietmar
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In Antwort auf: Uwe Radholz
... Auf jeden Fall weckt der Bericht in mir verstärkt die Lust, mich auch mal wieder zu diesem Nachbarn auf zu machen. ...

Da kann ich Dich nur bestärken! Polen war für uns eine ausnahmslos positive Erfahrung!

Zitat:
... Zum einen gab es früher ziemliche viele Campingplätze in PL. Ihr seid zwar nicht ins Zelt gegangen, könnt aber vielleicht doch was zur Lage am Wegessrand sagen?

Das kann ich leider nicht. Habe nicht auf CP geachtet. Der "Wegesrand" am R1 ist durch ausgedehnte Getreidefelder und Wälder geprägt. Dazwischen nur kleinere Weideflächen. Könnte mir aber gut vorstellen, dass man auf privaten Grundstücken sehr willkommen ist.

Zitat:
... Und fährt man wirklich vom Rathaus nach Küstrin von Plänterwald mit der Fähre über die Spree? ...

Das ist vielleicht etwas verkürzt dargestellt, aber der R1 tangiert alle diese Punkte. schmunzel

Gruß Dietmar
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#578913 - 27.12.09 22:08 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
cyclist
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Unterwegs in Deutschland

Hallo Dietmar!
Der Bericht ist dir echt gelungen!
Das Reisen nicht nur bildet, sondern auch jung hält, ist ja allgemein bekannt, aber das es dann so Ausmaße annimmt, wie auf dem letzten Foto zu sehen, finde ich doch erschreckend... grins entsetzt Zumal der Verjüngungsprozeß dann erst in den letzten beiden Monaten so stark voran geschritten ist...

Wegen ein paar Fragen zu LT werde ich sicher noch mal auf dich zurückkommen, denn ich plane für den kommenden Sommer auch eine Tour in + durch LT / LV. Wer Lust hat, mich zu begleiten, darf sich gerne melden. zwinker
Schönen Gruß
Markus
Fotogalerie GPS-Geräte
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#578915 - 27.12.09 22:13 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
GeraldausBerlin
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sehr schön geschrieben schmunzel

grüße gerald
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#578943 - 28.12.09 00:06 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
RADional
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Hallo Dietmar,
erstmal danke für den schönen Bericht. Da ich nächsten Sommer (so mein Arbeitgeber will) die R1-Tour von Elblag nach St. Petersburg in Angriff nehmen möchte, werde ich bestimmt auf einige Informationen von Dir zurückgreifen.

In Antwort auf: Dietmar

Die Wahrnehmung ist eben sehr subjektiv.

Wie wahr.

In Antwort auf: Dietmar
Der R1 führt zumindest zu großen Teilen auf sehr ruhigen Landstraßen und manchmal auf Feldwegen. ...
Die polnischen Autofahrer sind im Vergleich zu deutschen eher zurückhaltend, von ein oder zwei Idioten mal abgesehen

Wahrscheinlich bin ich diesen Sommer - nur wenig später - in einem anderen Polen einen anderen R1 gefahren. verwirrt
Unserer führte teilweise (sicher mangels asphaltierter Alternativen) auch öfters über Straßen, auf denen mir entschieden zu viele LKWs zu knapp vorbeidonnerten. Als superschlimm aber habe ich die überwiegende Mehrheit der polnischen Autofahrer erlebt: Schon von weitem hupend und dann oft geradezu gefährlich eng vorbeifahrend. Und da bin ich aus Deutschland einiges gewöhnt...
Daß ich den polnischen Autofahrer außerhalb seines Fahrzeugs in aller Regel als äußerst freundlichen und hilfsbereiten Menschen erlebt habe, soll aber nicht unerwähnt bleiben.
Gruß,
Kathrin
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#578945 - 28.12.09 00:20 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Uwe Radholz]
RADional
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Hallo Uwe,
da ich diesen Sommer den R1 von Wittenberg bis Elblag gefahren bin und zumeist im Zelt genächtigt habe, kann ich bezüglich CP vielleicht weiterhelfen.
Was genau willst Du wissen? Schick am besten ne PN.
Generell habe ich gelernt, daß in Polen zwischen Camping- und Zeltplätzen unterschieden wird. Erstere haben sanitäre Anlagen, Strom und Trinkwasser. Letzere sind etwas rustikaler und (nach meinen Beobachtungen) ausgestattet mit einem Gewässer zum Angeln und einem überdachten Sitzplatz zum gemeinsamen Feiern. Sanitäre Anlagen sind: eine Handpumpe, das besagte Gewässer und ein Holzhäuschen (manchmal auch Dixitoilette). schmunzel
Gruß,
Kathrin
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#578956 - 28.12.09 08:53 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: RADional]
Uwe Radholz
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Hallo zurück,

meine Frage hast Du eigentlich schon beantwortet, So kannte ich auch von früher, wobei die einfachen Zeltplätze oft in sehr schöner Landschaft lagen.
Deine Einschätzung des Autoverkehrs aber, die ja auch meinen Erfahrungen entspricht, finde ich naturgemäß nicht so erfreulich.

Mit Gruß aus Mannheim


Uwe
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#578973 - 28.12.09 11:24 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: RADional]
Dietmar
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Hallo Kathrin,

In Antwort auf: RADional
... einen anderen R1 gefahren. verwirrt ...


Also, wir sind den R1 nach der aktuellen Ausschilderung gefahren, die auch in „Masuren per Rad“ genau dokumentiert ist (übrigens ist gerade eine neue, verbesserte Auflage erschienen).

Eine kleine Ausnahme war die Abkürzung kurz vor Koronowo (auch eine Empfehlung aus dem Buch). Der R1 will hier die „gefährliche“ Kreuzung mit der N 25 auf abschüssiger Strecke vermeiden und verläuft auf einem erheblich längeren Umweg. Mit normalen Bremsen ist das aber kein Problem. Eine 2. Ausnahme ist die Zufahrt nach Grudziadz. Gegenüber der im Buch beschriebenen älteren Version zur Umfahrung der für Radfahrer gesperrten N 55 führt die Ausschilderung jetzt auf einem straßenbegleitenden Radweg und schwenkt dann kurz vor dem Stadtzentrum in Richtung Weichsel. Wir sind der neuen Beschilderung gefolgt und hatten keine Probleme.

Starken Verkehr haben wir eigentlich nur ganz am Anfang auf der N 22 von Kostrzyn bis zum Abzweig nach Czarnow (ca. 9 km) gehabt. Die Autofahrer haben uns aber jeweils im großen Bogen überholt. Bei Gegenverkehr wurde meist hinter uns gewartet.

Etwas belebter war es auch auf der N 160 zwischen Miedzychod und Drezdenko auf ca. 28 km. Der Verkehr kam aber komischerweise „in Wellen“. Mal kamen ca. 10 bis 15 Autos hintereinander, dann war für 5 Minuten absolute Ruhe, so dass wir auch hier stellenweise nebeneinander gefahren sind.

Alle anderen Strecken habe ich eher als Dorfverbindungsstraßen bzw. kleinere Kreisstraßen empfunden. Lkw gab es nur als Anliegerverkehr, also sehr vereinzelt. Die Ortsdurchfahrten und Kreuzungen mit Nationalstraßen sind natürlich etwas belebter. Oft gibt es aber in den Ortschaften gemeinsame Rad-/Fußwege, die offenbar mit EU-Geldern gefördert werden.

Gruß Dietmar
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#578977 - 28.12.09 12:19 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
SchottTours
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Danke für Deinen schönen Bericht, Dietmar schmunzel

Da kommen wieder sehr viele Erinnerungen an unsere Ostpreußen-Tour 2005 hoch...wir sind damals in Polen (Olsztyn) gestartet und danach in 14 Tagen und 1000 km hauptsächlich im Kaliningrader Gebiet unterwegs gewesen, am Ende über die Kurische Nehrung fahrend bis nach Klaipeda (unserem Ziel).
Tomorrow's not promised - and the past is over (Dru Joyce II)
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#579075 - 28.12.09 23:39 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Landradler
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Klasse Bildbericht! bravo

In Antwort auf: Dietmar
Nachdem wir den Plänterwald passiert haben, erreichen wir die BVG-Fähre über die Spree von Baumschulenweg nach Wilhelmstrand, die erste und kleinste von 4 Fähren auf unserer Reise.



Witzig, an der Ecke bin ich letzten Winter (27.-30.12.) 36-mal vorbei gelaufen. 4x Marathon in 4 Tagen. Sieht im Sommer gemütlicher aus. zwinker
Gruß, Michael

- Buckelst du noch oder liegst du schon? -
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#579091 - 29.12.09 11:58 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
gatzek
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Hallo Dietmar,
ein schöner Reisebericht mit vielen farbenfrohen Fotos. Sieht gar nicht aus wie eine "Kalte Heimat". Polen ist ein interessantes Land, egal ob mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs.
Die Fähre ab Plänterwald haben wir uns bisher immer gespart; fährt zu selten und nimmt BVG-Tarif. Auf der anderen Uferseite gibt es einen Radweg, von der Wasserstadt kommend.
Habt Ihr noch ein paar Tipps für das russische Visum? Ist der Erhalt noch immer so kompliziert und teuer? Werden noch immer Einladungen oder Hotelreservierungen verlangt?
Einen guten Rutsch, Gatzek.
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#579094 - 29.12.09 12:31 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: gatzek]
Dietmar
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In Antwort auf: gatzek
... Die Fähre ab Plänterwald haben wir uns bisher immer gespart; fährt zu selten und nimmt BVG-Tarif. Auf der anderen Uferseite gibt es einen Radweg, von der Wasserstadt kommend. ...

Ja, man kann die Fähre umgehen, da verpasst man aber den Treptower Park. Wer den noch nicht kennt, sollte ihn vielleicht mitnehmen. Im Sommer fährt die Fähre wohl auch nach Bedarf.

Zitat:
... Habt Ihr noch ein paar Tipps für das russische Visum? Ist der Erhalt noch immer so kompliziert und teuer? Werden noch immer Einladungen oder Hotelreservierungen verlangt? ...

Diesmal haben wir das Visum zusammen mit den Hotelreservierungen über ein Reisebüro bekommen. Dadurch waren keine Einladungen und kein Nachweis einer Auslandskrankenversicherung erforderlich. Hat pro Nase 75 € gekostet. Die Hotels waren dafür etwas teurer als im Netz ausgewiesen. Das hatte den Nachteil, dass man bei Ein- und Ausreise an die Reservierungsdaten gebunden ist. Da wir infolge unseres Zeitplanes ohnehin kaum variieren konnten, konnten wir gut damit leben.

Die andere Version geht mit "gekaufter" Einladung, ist aber ca. 30 € teurer.

Ebenfalls einen guten Rutsch
wünscht Dietmar
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#579302 - 30.12.09 17:24 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Weg=Ziel
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Hallo Dietmar,

danke für diesen schönen Bericht. Kompakt und dennoch informativ, unterhaltsam und interessant.
bravo bravo
Wenn du mal wieder einen Polnisch-Dolmetscher brauchst, nimm mich mit. grins

Gruß Wendel
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#579339 - 30.12.09 19:24 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Weg=Ziel]
Dietmar
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In Antwort auf: Weg=Ziel
... Wenn du mal wieder einen Polnisch-Dolmetscher brauchst, nimm mich mit. ...

Na, da werden wir doch mal eine Forumstour ins Nachbarland planen schmunzel , ansonsten danke!

Gruß Dietmar
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#580394 - 04.01.10 20:39 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
Bafomed
Mitglied
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Beiträge: 1453
Hallo Dietmar,

ich habe gerade erst Deinen Reisebericht in ganzer Länge gelesen...sehr informativ und interessant und mit einer Vielzahl an Fotos aussagekräftig illustriert. Gerade, wenn man sich auch für die Vergangenheit interessiert und Näheres über die weitgehend verloren gegangenen Spuren der deutschen Kultur in den östlichen Nachbarländern erfahren möchte, eine sicherlich auch lehrreiche Reise. Man merkt in Deinen Ausführungen, dass Dir diese Erfahrungen persönlich viel bedeuten und Du in gewisser Weise auch eine Reise in die Vergangenheit Deiner Familie gemacht hast.

Gruß,
Martin
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#581323 - 08.01.10 01:21 Re: Kalte Heimat und Baltikum [Re: Dietmar]
upanddown
Gewerblicher Teilnehmer
abwesend abwesend
Beiträge: 123
Hallo Dietmar,

danke für deinen ebenso stimmungsvollen wie stimmigen Bericht!

Ich hatte mich ja schon einmal in einem deiner Threads als Autor von "Masuren per Rad" geoutet und will auch diesmal als solcher etwas zum polnischen Teil des R1 beisteuern. Mich irritiert nämlich, dass im Gegensatz zu dir, so viel Negatives über den R1 berichtet wird. Insbesondere der starke, gar "mörderische" Verkehr wird hervorgehoben. Liebe Leute, das ist schlichtweg übertrieben! Zugegeben, wer den polnischen R1 (nur von diesem ist hier die Rede) von Westen beradelt, wird bis Trzcianka tatsächlich relativ oft mit Verkehr konfrontiert. Aber das ist auszuhalten und keinesfalls mörderisch. Von der Straße gehupt wird auch niemand. Grundsätzlich: In Polen wird man nicht einmal auf der schmalen 22 zwischen Malbork (Marienburg) und Elblag von den LKW-Konvois (nur unter der Woche) zur Seite gehupt, denn dort wird gleich gar nicht gehupt.
Zurück zum R1. Die Klageführer haben offenbar nur das erste Drittel des R1 bis Trzcianka gemacht. Das ist tatsächlich nicht der stärkste Teil des R1, aber auch nicht soo schlecht. Östlich von Trzcianka wird der R1 dann immer schöner und ruhiger, und es gibt nur noch selten mal verkehrsreichere Abschnitte. Bedenken muss man auch, dass der R1 als Fernradweg konzipiert ist, der auch ein zügiges Vorankommen ermöglichen will. Schließlich sind bis zur russischen (Königsberger) Grenze 675 km zurückzulegen! Ich kann euch nur empfehlen: Schaut euch Polen mal an, der R1 ist ein guter Einstieg!

do widzenia
herbert
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